Schmuckband Kreuzgang

Die Suche nach dem wahren Leben

So 12. Mai 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Franz Kafka hat in sein Tagebuch geschrieben: „Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt“. Er hat sein Leben nicht als das Letzte, nicht als das End-Gültige empfunden, sondern als etwas Vorläufiges.

Franz Kafka hat in sein Tagebuch geschrieben: „Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt“. Er hat sein Leben nicht als das Letzte, nicht als das End-Gültige empfunden, sondern als etwas Vorläufiges. Das Eigentliche, die Geburt steht noch aus. Diesem Eigentlichen stellt er sich zögernd. Was Kafka mit seinen Worten zum Ausdruck bringt, erinnert mich an das Gespräch Jesu mit Nikodemus. Auch in diesem Gespräch geht es um ein Geboren-Werden. Jesus sagt zu Nikodemus: „Wenn einer nicht neu geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Das Entscheidende muss sich also auch nach diesen Worten noch ereignen. Und auch hier gibt es ein Zögern.

Hier zeigt sich ein Problem, dem zu wenig Beachtung geschenkt wird. Es ist das Problem der zu geringen Erwartung an das Leben. Es wird zum Beispiel darin deutlich, wenn jemand auf die Frage: „Was kann ich dir schenken?“ die Antwort gibt: „Ich habe doch alles“. In diesem Gespräch geht es gewöhnlich um das Schenken von Sachen. Was hindert aber, aus diesem Rahmen herauszuspringen und etwas zu wünschen, das nicht mit Geld zu kaufen ist? Was hindert, ist einmal die Gewohnheit, dass sich das Schenken weithin auf der materiellen Ebene abspielt. Dann aber auch, und das ist das Bedenkliche: Wir sind uns gar nicht oder zu wenig bewusst, dass ganz andere Wünsche, größere, in uns leben, oder wir scheuen uns, sie auszusprechen.

Ich behaupte nicht, das sei bei allen so. Doch die Gefahr, so zu leben, ist gegeben. In dem Buch von Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky «Nicht nur Ja und Amen» ist ein Kapitel überschrieben: „Gebet: Die großen Wünsche lernen“. Es wird zwar immer wieder versucht, Religion als einen großen Betrug am Menschen darzustellen. Sicher gab und gibt es auch die Ablenkung des Menschen vom Leben durch religiöse Führer und Gruppen. Deshalb haben wir kritisch zu leben in der Kirche, und wir haben kritisch kirchliche Autoritäten zu prüfen. Der große Betrug am Leben aber geschieht dort, wo dem Menschen Surrogate als die wahren Lebens-Mittel angeboten werden. Im Propheten-Buch Jesaja lässt Gott den Propheten die Frage stellen: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben“ (55,2f.). So gehört zur Verkündigung Jesu die Absage an die falschen Lebensangebote, wie es in der Versuchungs-Erzählung dargestellt ist (Mt 4,1-11).

In der Frage nach dem wahren Leben ist zu bedenken, dass es für Jesus nicht zu verbinden war mit dem bequemen, mit dem privilegierten Leben auf Kosten der Armen, der Alleinstehenden. Die soziale Botschaft des Papstes, wenn er Gerechtigkeit einfordert für die Armen und die armen Länder, ebenso seine Botschaft für den Frieden sind von einer großen Glaubwürdigkeit geprägt.

Zweifel ist angebracht, wenn von höchster Stelle (Papst Johannes Paul II, und Benedikt XVI.) erklärt wird, Frauen könnten um der Treue zur Wahrheit Jesu willen keine Priesterinnen werden. Das sei, so formuliert es Johannes Paul II., «unrevidierbar». Da ist doch Zweifel angebracht. Ich bin überzeugt, dieser Zweifel würde von Jesus, würde er gefragt, nicht abgelehnt.

In dem wertvollen Gedicht von Bert Brecht «Lob des Zweifels» heißt es: „So stand eines Tages ein Mann auf dem unbesteigbaren Berg // Und ein Schiff erreichte das Ende des unendlichen Meers.“ // Dem fügte Bert Brecht hinzu: „O schönes Kopfschütteln // über der unbestreitbaren Wahrheit.“  Manchmal kann ein ironisches Wort helfen, der Wahrheit näher zu kommen.