Schmuckband Kreuzgang

„Gottes umarmende Mutterliebe“

Fr 26. Jul 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Die Form des Vater-Unser, die wir am Sonntag im Lukas-Evangelium hören, ist kürzer als die Form des Vater-Unser im Matthäus-Evangelium. Das weist uns darauf hin: Bevor die Evangelien schriftlich vorgelegen haben, wurden sie mündlich verkündet. Und wie es auch bei anderen Teilen des Evangeliums zu sehen ist, werden die Akzente verschieden gesetzt. Wenn es um das Beten geht, ist unendlich viel zu sagen. Deshalb muss und kann nicht immer alles gesagt werden. Was das Vater-Unser betrifft, geht es nicht in erster Linie um ein feststehendes Gebet, wie wir es kennen und beten. Es ist vielmehr die Antwort auf die Bitte der Schüler Jesu: „Herr, lehre uns beten“ eine Gebetslehre. Jesus hat dabei wichtige Inhalte genannt, die in unserem Verhältnis zu Gott eine entscheidende Rolle spielen.

 

Martin Luther hat das Vater-unser hoch geschätzt. Er schreibt in seiner Besinnung zum Vater-unser: „Ich sauge noch heutigen Tags am Vaterunser wie ein Kind, ich trinke und esse davon wie ein alter Mensch und kann sein nicht satt werden. Fürwahr, es zeigt sich, dass es der rechte Meister aufgestellt hat. Es ist Jammer über Jammer, dass solch ein Gebet eines solchen Mannes so ohne alle Andacht zerplappert und zerklappert werden soll in aller Welt. Summa, das Vertrauen ist ebenso wie der Name Gottes und sein Wort der größte Märtyrer auf Erden, denn jedermann plagt’s und missbraucht es: Wenige trösten es und machen es fröhlich durch rechten Gebrauch“.

 

Ich hoffe, dass wir das Vater-unser nicht zerplappern, sondern es trösten und fröhlich machen durch rechten Gebrauch. Der Wunsch von Martin Luther, das Vater-unser zu trösten und fröhlich zu machen, ist eine Einladung, es gut zu beten. Der Beginn  des Vater-unser ist im Lukas-Evangelium die Anrede an Gott: Vater. Nur das eine Wort. Doch es ist ein alles entscheidendes Wort. Jesus hat Gott „Vater“ genannt und „Abba“. Abba ist eine zärtliche Anrede Gottes. Wenn sie uns gelingt-, wenn wir sie, vom Herzen gedrängt, sagen, dann ist das ein Gelingen, von Gottes Geist her ermöglicht. Wenn es schon gilt, wie es Paulus im 1. Korintherbrief schreibt (12,3): „Niemand kann sagen: «Jesus ist der Herr», es sei denn, er wird vom Heiligen Geist geleitet“, dann gilt umso mehr, dass wir nur, erfüllt von Gottes Geist, Gott „Vater“  nennen können, sogar Abba, „lieber Vater“, wie Jesus es getan hat. Wir müssen nicht in unterwürfiger Weise zu Gott sprechen. Paulus schreibt dazu im Römerbrief: „Ihr habt ja keinen Knechtsgeist empfangen zu abermaliger Furcht. Nein, empfangen habt ihr den Geist der Kindschaft, in dem wir schreien: Abba, Vater du! Der Geist selbst bezeugt es unserem Geist, dass wir sind: Kinder Gottes“ (8,15 f.).

 

Jesus hat Gott zwar nicht Mutter genannt. Das ist ihm in einer patriarchalischen Gesellschaft wahrscheinlich gar nicht in den Sinn gekommen. Doch wenn er Gott als Abba anspricht, als zärtlichen Vater, dann klingt das Mütterliche mit an. Hildegard von Bingen spricht in ihrem Buch „Scivias“ (Wisse die Wege) von der „umarmenden Mutterliebe Gottes“. Dem entspricht im Menschen, was C.G. Jung in seinem Buch „Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten“ mit den beiden lateinischen Begriffen „anima“ und „animus“ beschreibt. „Anima“ ist bei ihm verstanden „als im Unbewussten von Männern vorgegebenes, von Urzeiten herkommendes überindividuelles Bild des Weiblichen“. „Animus“ ist bei C.G. Jung entsprechend „das im Unbewussten von Frauen wirksame Bild des Männlichen“. Wir können dankbar sein, dass in der feministischen Theologie diese Erkenntnis zu einer wichtigen Korrektur der männlich angemaßten Dominanz in Kirche und Gesellschaft geführt hat. Leider werden bis jetzt die wichtigen Entscheidungen in der Kirche immer noch fast ausschließlich von Männern getroffen.

 

Für unser Beten ist es entscheidend, dass wir, wenn wir Gott „Vater“ nennen und als „Vater“ ansprechen, nicht ein patriarchalisches Verständnis von Gott haben, sondern mit Hildegard von Bingen an die „umarmende Mutterliebe Gottes“ glauben.

 

Wenn das am Beginn des „Vater-unser“ geschieht, dann ist ein guter Anfang des Betens gemacht. Darauf folgt die große Bitte: „Geheiligt werde dein Name“. Heute erleben wir die große Gefahr und die erschreckende Praxis, wenn mit Berufung auf Gott Kriege geführt, Terroranschläge verübt werden. Das ist zwar kein neues Phänomen. Wir müssen nur daran denken, dass in den christlichen Kirchen Menschen im Namen Gottes gefoltert wurden, Frauen als Hexen lebendig verbrannt wurden, ebenso als Irrlehrer Deklarierte: Jan Hus 1415 in Konstanz, Michael Servet 1553 in Genf.

 

In allen Religionen wird der Name Gottes entheiligt, wenn er dazu benutzt wird, Macht über Menschen auszuüben. Eine Religion mag sich noch so sehr den Anschein geben, den Frieden zu fördern, der Gerechtigkeit zu dienen, die Menschenrechte zu achten, wenn sie das Gegenteil tut, entehrt sie den Namen Gottes, zerstört sie die Gerechtigkeit, liefert sie die Menschen der Angst aus.

 

Die Bitte des Vater-unser „Geheiligt werde Dein Name“ ist eine not-wendige Bitte. Mit ihr verpflichten wir uns persönlich, dazu als Mitglieder einer Gemeinde, als Mitglieder der Kirche, so zu leben, dass mit der Nennung des Namens Gottes nicht Angst, nicht Langeweile, nicht Verzweiflung verbunden sind, sondern die Sehnsucht, zu einer Welt beizutragen, in der Gott als Freund des Lebens zu erfahren ist, wie Er im Psalm 104 von betenden Menschen bekannt wird: „Entsendest du deinen Lebensatem, so entsteht wieder Leben. Und so erneuerst du das Angesicht der Erde“ (V.30).

 

Dieses vertrauensvolle Wort, vor Tausenden von Jahren zu Gott gesprochen, ist in dem Lied aus unserer Zeit  „Ich steh vor Dir mit leeren Händen“ aufgenommen. Das Lied endet mit dem vertrauensvollen Bekenntnis, das auch eine Bitte ist: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“.