Schmuckband Kreuzgang

Hoffnung voll Unsterblichkeit

Datum:
Do. 23. Sep. 2021
Von:
Pfr. em. Kurt Sohns

In einem Buch mit Worten aus der Weisheit der Indianer habe ich das, was Poesie ist, schön beschrieben gefunden: „Poesie ist, wo zwei Wörter zum erstenmal zusammentreffen.“ Das Gegenteil davon ist die abgenutzte, klischeehafte Sprache. Wir begegnen ihr überall, auch in Gebetstexten und minderwertigen Bibelübersetzungen. Auch im eigenen Sprechen, wenn wir so daherreden.

Wenn wir der ursprünglichen Sprache begegnen, also der Sprache, in der die „Wörter zum erstenmal zusammentreffen“ erschließt uns diese Sprache die Welt, lässt in uns eine Ahnung von erfülltem Leben aufsteigen.

Beim Fest von Maximilian Kolbe (14. August) ist die Lesung in der Eucharistie aus dem Weisheitsbuch genommen (3,1-9). In dieser Lesung ist von denen, die gerecht gelebt haben und gestorben sind, gesagt: „Ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit“. Pater Maximilian Kolbe hat für einen Mitgefangenen im Konzentrationslager in Auschwitz, der zur Ermordung bestimmt war, sein Leben angeboten und wurde grausam ermordet. Seine Hoffnung war voll Unsterblichkeit. 

Ich empfinde dieses Wort: „Ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit“ als sehr schön. Es sagt in einfacher und ganz ursprünglicher Sprache etwas sehr Tiefes über die Hoffnung eines Menschen aus, der mit Gott lebt. Was lässt sich Tieferes über die Hoffnung sagen, als dass sie erfüllt ist mit Unsterblichkeit?

Abraham lebte nach der Aussage des Hebräerbriefes in dieser Haltung. „Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken“ (Hebr 11,19). Max Frisch, der sich mit dem, was Hoffnung ist, engagiert auseinandergesetzt hat, stellt in seinem Fragebogen zur Hoffnung die Frage nach der „herabgesetzten Hoffnung“. Genügt sie? Also dass das Wetter besser wird, dass Kopfschmerzen verschwinden … Für viele Fälle mag sie genügen, wo es aber um alles, um unsere ganze Existenz geht, da ist eine ermäßigte Hoffnung zu wenig.

Wenn ich höre, in welch brutaler Weise Menschen gefoltert werden, dass Menschen verschleppt und als Geiseln über lange Zeit mit ihrer Ermordung bedroht werden, dass Kinder durch Priester sexuell missbraucht und mit ihrer Not alleingelassen wurden, dann frage ich mich, wie sie ihre Bedrängnis überstehen können und wie wir als Christinnen und Christen helfen können.

Es ist zu wenig, wenn wir nur darauf warten, dass die Leitung der Kirche die Lösung hat. Im Blick auf den synodalen Weg, der zur Zeit versucht wird, ist Hoffnung gegeben, aber auch Zweifel am Gelingen des Weges ist angebracht. Wenn wir es ernst nehmen, dass die Kirche missionarisch ist, gilt für uns alle das Wort Jesu: „Ihr seid das Licht der Welt. So erstrahle euer Licht vor den Menschen, auf dass sie sehen eure guten Taten“ (Mt 5,14.16). Dazu gehört die nötige Freiheit, mein Geld zu teilen-, in Konflikten Menschen gerecht zu beurteilen-, Nachteile hinzunehmen, wenn es darum geht, solidarisch mit den Unterlegenen zu sein. Wir brauchen dazu eine Hoffnung voll Unsterblichkeit. Im Matthäus-Evangelium wird erzählt, dass Petrus zu dem Weg Jesu noch nicht fähig war und dass er sogar Jesus von seinem Weg abbringen wollte. Jesus kritisiert ihn hart. Sein Wort zu ihm: „Geh fort, hinter mich“ (Mt 16,23) verweist ihn, der Jesus den Weg vorschreiben wollte, in die Nachfolge Jesu, also darauf, hinter ihm zu gehen, um seinen Weg gehen zu lernen. Das Sich-einlassen auf Jesus kann den Menschen verändern, kann ihm neue Orientierung geben, kann ihn zu einem Hoffenden machen. Das ist auch unser Weg, damit wir mit der Hoffnung voll Unsterblichkeit leben.


 Kurt Sohns