Schmuckband Rad

In welcher Welt leben wir?

Sa 11. Jan 2020
Pfr. em. Kurt Sohns

Liturgisch endet die Weihnachtszeit mit dem Gedenken an die Taufe Jesu. Das ist bemerkenswert, war doch die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, der Advent, eine recht lange Zeit. Und es war eine Zeit, die emotional stark besetzt war. Darum werden nicht überall die Krippen und auch die geschmückten Tannenbäume weggenommen. Für einige schöne Advents- und Weihnachtslieder ist es schade, dass sie erst wieder am Ende des Jahres gesungen werden.

Vergessen dürfen wir Weihnachten nicht. Dass die Gefahr dafür besteht, ist im Anfang des Johannes-Evangeliums schon benannt: „Die Welt erkannte ihn (den Messias) nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (1,10f.). Zu seinen Gegnern sagt Jesus: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt“ (Joh 8,23). Hier ist das Wort „Welt“ im negativen Sinn gebraucht. Jesus urteilt hier von einer Gott gegenüber verschlossenen Welt. Die Liebe Gottes zur Welt dagegen ist so beschrieben: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Joh 3,17).

Im Blick auf die Jünger Jesu, auf seine Schüler, sieht es an manchen Stellen des Evangeliums so aus, als lebten sie in einer anderen Welt als er. Es ist zwar nicht so, als hätten die beiden Welten nichts miteinander zu tun. Jesus will die Jünger für seine Welt gewinnen. Er betet für sie, dass sie in der Konfrontation mit der sie ablehnenden Welt bestehen können: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit“ (Joh 17, 15-17).

Es ist für Jesus keine einfache Sache, die Jünger so weit zu bringen, dass sie in seiner Nachfolge leben. Das zeigt sich in der Reaktion des Petrus, als Jesus den Jüngern sagte, er müsse nach Jerusalem gehen und vieles leiden, und er werde getötet werden. Petrus fährt Jesus an: „Keinesfalls soll dir dies geschehen“ (Mt 16, 21-22). Jesus reagiert auf das, was Petrus sagt: „Geh fort, hinter mich, Satan! Ein Ärgernis bist du mir, weil du nicht sinnst das von Gott, sondern das der Menschen“ (V. 23). Wichtig beim Betrachten dessen, was Jesus sagt, ist zu erkennen: Jesus schickt den Petrus nicht weg. Er schickt ihn hinter sich, dass er im Nachfolgen lernt, den Weg Jesu zu gehen. (vgl. V.24).

Am vergangenen Donnerstag wurde das Evangelium vom Erscheinen Jesu auf dem See verkündet. Ich benenne im Blick auf diesen Bericht die Welt Jesu und die Welt seiner Jünger und die Verschiedenheit der beiden Welten.

Die Welt Jesu ist geprägt durch sein Beten. Es ist bezeichnend, dass er allein sein will und dass er auf den Berg steigt, um zu beten. Sein Beten ist wie ein Sich-weit-aufmachen, damit Gottes Geist in ihn einströmt. – Die Welt der Jünger ist anders. Jesus nötigt sie, im Boot vorauszufahren. Sie haben sich der Situation auszusetzen. Bild dafür ist das Boot mitten im See, dazu starker Wind. Ihre eigene Kraft ist gering. Vom Beten der Jünger wird nichts gesagt.

Jesus sieht, wie die Jünger sich quälen beim Rudern. – Die andere Welt, die Welt Jesu wird im Evangelium dadurch gekennzeichnet, dass Jesus ganz anders vorankommt als die Jünger. Es heißt: „Er wollte an ihnen vorübergehen“.  Das heißt, er kann sie überholen. Die Art der Jünger Jesu ist durch die Art Jesu überholt. Das ist für die Jünger gespenstisch, Angst erregend.

Jesus lässt die Jünger nicht in der Verwirrung. Indem er sie anspricht, bietet er ihnen eine Ebene der Verständigung an: „Fasst euch! Ängstet euch nicht!“ Damit ruft er die in ihnen schlummernden, ihnen noch fremden, aber schon zu ahnenden Kräfte an. Seine Solidarität: ER steigt zu ihnen ins Boot.

Es ist für die Schüler Jesu schwer, die eigene Sicht auf die Welt zugunsten der Sichtweise Jesu aufzugeben. Die Konfrontation mit der Lebensweise Jesu bringt (noch) Verwirrung. Im Übermaß entsetzten sie sich. So endet die Darstellung im Evangelium. So endet aber nicht das Evangelium. – Wir haben Lernende, Schülerinnen und Schüler Jesu zu sein.