Schmuckband Kreuzgang

Jesus betont die Gemeinschaft

Datum:
Mi. 19. Jan. 2022
Von:
Pfr. em. Kurt Sohns

Wenn im Evangelium berichtet wird, dass viele Menschen zu Jesus hindrängen, ist in ihrem weiteren Verhalten erst zu erkennen, ob es ein Zeichen echten Glaubens ist. Im 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums wird von der wunderbaren Speisung berichtet. Als daraufhin die Menschen wieder zu Jesus kamen, sagte er zu ihnen: „Ihr sucht nicht nach mir, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen und euch gesättigt habt“ (6,26). Jesus sieht seinen Auftrag vor allem im Verkünden. Die, die hören wollen, sollen von der befreienden Botschaft erfahren: Gott ist euch gut.

In der Erfahrung des Gutseins Gottes können wir bereit werden, einander gut zu sein. Im 1. Johannesbrief steht die Einladung: „Lasst uns lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt“ (4,19).
Ein Zeugnis von der notwendigen und schönen Solidarität aus der Begegnung mit Jesus ist im Bericht von der Heilung des Gelähmten gegeben (Mk 2,1-12). Da der Gelähmte nicht selbst zu Jesus gehen kann, wird er hingetragen. Es macht den Trägern Mühe, doch sie finden einen Weg. Ich finde es beachtenswert, wenn es heißt: „Als Jesus ihren Glauben sieht, sagt er zu dem Gelähmten: „Kind, nachgelassen sind deine Sünden“. Der Glaube der Freunde wird im Zusammenhang gesehen mit der Heilszuwendung für den Kranken.

Diese Verbindung ist von Bedeutung. Wir können von der äußeren Gegebenheit ausgehen: Wie der Behinderte ohne die anderen nicht zu Jesus hingelangen kann, so steht es aber auch mit der inneren Verfassung. Ob ich ein glaubender Mensch bin, das hängt nicht nur von mir ab, obwohl Glauben eine zutiefst mir eigene Realität ist. Ich kann froh sein, wenn andere mit mir sind, die mich auf meinem Weg begleiten.
Der frühere Bischof von Limburg Wilhelm Kempf hat das in einem Brief zur Fastenzeit 1981 in Bezug auf den Weg des Glaubens gut beschrieben: „Wir können nämlich diesen Weg kaum allein gehen. Denn allein sind wir leicht müde und mutlos. Allein bleibt man gern auf halbem Weg stehen oder liegen. Jeder braucht dann und wann den Anstoß und die Ermutigung durch andere, die ihn wieder eine Wegstrecke weit mitnehmen. Jeder kommt einmal in die Situation, dass er zum Beispiel nicht mehr recht beten kann und dankbar ist, wenn ne-benan einer ist, der es noch vermag, oder es für ihn mittut und an dem er sich ein wenig halten kann“.

Wir könnten weiterfahren: Jeder kann in die Lage kommen, in der sich der Gelähmte befindet: aus eigenen Kräften nicht mehr dorthin zu finden, wo Vergebung und Heil erfahren werden kann.
Zwei Dinge spricht Jesus dem Gelähmten zu: „Kind, nachgelassen sind deine Sünden“. Und: „Ich sage dir, steh auf, nimm deine Bahre und geh in dein Haus!“ Jesus spricht dem, der notwendig Hilfe braucht, die Vergebung zu. Letztlich kann nur Gott Sünden vergeben. Doch Jesus kann als Beauftragter Gottes dem Gelähmten die Vergebung der Sünden zusprechen.

Jesus hat diesen Auftrag weitergegeben. Wenn wir heute von Sündenvergebung sprechen, sollte uns das klar sein: Nicht ein Mensch, nicht ein Priester, nicht der Papst können Sünden vergeben. Nur Gott kann es. Was wir tun können, ist: Aus der Gewissheit heraus, dass Gott ein vergebender Gott ist, dem schuldig gewordenen Menschen, der auf Vergebung wartet, die vergebende Liebe Gottes zusagen. „Gott ist dir gut“ ist die befeiende Botschaft, die nicht nur im sakramentalen Geschehen die Menschen erreichen soll. Die im Glauben mögliche
Gemeinschaft ist ein wunderbares Geschenk. Dem entsprechend endet das Evangelium von der Heilung des Gelähmten, dem gemeinschaftlichen Tun der Freunde des Gelähmten und Jesus, mit einem Preis Gottes: „Alle waren außer sich und priesen Gott“.

Und sie sagen noch etwas, das uns zum Nachdenken anregen kann: „So etwas sahen wir noch nie“. Vielleicht haben wir schon einmal gedacht: Unser Glaube ist so reich, und wir begegnen in uns und bei anderen so viel Armut, zu wenig Gemeinschaft. Jesus betont die Gemeinschaft, und Bischof Kempf hat davon in seinem Brief geschrieben. Uns zur Hoffnung. Uns zur Ermutigung. „Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zur Verherrlichung Gottes“, schreibt Paulus der Gemeinde in Rom (15,7).


Kurt Sohns