Schmuckband Kreuzgang

Nachdenken über Heiligkeit

So 29. Sep 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Die katholische Kirche spricht Menschen heilig. Sie spricht damit die Überzeugung aus, diese Frau oder dieser Mann habe so überzeugend im Suchen nach Gott und in der Verantwortung für Menschen gelebt, dass sie oder er das Ziel des Lebens in Gott erreicht hat. Es gibt Heilig-gesprochene, so die heilige Elisabeth und der heilige Franziskus, deren Heiligsprechung von kaum jemand in Frage gestellt wird. Das gilt auch für „Heilige“, die ohne offizielle Heiligsprechung vom Volk Gottes als Heilige verehrt werden, weil sie in außergewöhnlicher Weise ihr Leben für andere eingesetzt haben oder es im Bekenntnis ihres Glaubens hingegeben haben.

Wie es im Fußball eine Verehrung von besonders leistungsfähigen Spielern gibt, die als Fußball-Götter beschrieben werden, eine Verehrung, die doch recht geschmacklos ist, so muss eine übertriebene Heiligen-Verehrung vermieden werden. In einer Präfation von den Heiligen wird ihr Handeln, ihre „Leistung“ so beschrieben: „Die Schar der Heiligen verkündet deine (Gottes) Größe, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade“.

Wir dürfen froh sein über viele Heilige, weil ihr Leben auf eine Lebensgestaltung hinweist, die den geistlosen Konsumismus, die Sucht erfolgreich zu sein, um jeden Preis Karriere machen zu müssen als falschen Weg erkennen lässt.

Noch eine wichtige Botschaft geht von den Heiligen aus: Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zu Gott zu gehen. Paulus weist im Römerbrief darauf hin: „Wir haben, je nach der uns gegebenen Gnade, verschiedene Gnadengaben“ (12,6). Im 1. Korintherbrief schreibt er: „Die Gnadengaben sind verschieden – der Geist aber ist derselbe“ (12,4). Wenn wir mit der uns von Gott geschenkten Gnade unseren Lebensweg gehen, gelingt unser Leben. Wir sind Gott so wertvoll und alle Menschen sind es, auch wenn wir es im Tiefsten nicht begreifen, aber vielleicht erahnen. Rainer Maria Rilke hat im Blick auf die Begegnung mit anderen, mit denen wir uns oft schwer tun, sie zu lieben, das Wort geschrieben, das sich uns im Glauben erschließen soll und kann: „Daraus, dass Einer dich einmal gewollt hat, weiß ich, dass wir dich lieben dürfen“. Rilke hat das Wort «Einer» so geschrieben, dass es uns auf Gott verweist. Weil Gott uns gewollt hat, sind wir alle der Liebe wert. Liebens-wert, weil Er uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19). Also bevor wir selbst geliebt haben und selbst dann noch, wenn wir gegen die Liebe gehandelt haben.

Der Lieblosigkeit, der wir in erschreckendem Maße in unsrer Welt begegnen, fehlt in vielen Menschen die Erkenntnis: Ich bin geliebt. Papst Franziskus weist in seinem Schreiben «Die Freude des Evangeliums» hin auf die Entwicklung der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Wichtig ist sein warnendes Wort dazu: „Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen“. Die Anderen sind die Nicht-Gehörten, die Nicht-Gesehenen. Sie sind von Jesus beispielhaft im Gleichnis vom barmherzigen Samariter genannt (Lk 10,30-37). Die auf die Leidenden nicht hinsehen und nicht hinhören beschreibt Jesus: „Erstarrt ist ihr Herz“ (Mt 13,15).

Jesus hat den mit hartem Herzen Lebenden eine erschreckende Zukunft vor Augen gestellt: „Ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Fremdling war ich und ihr habt mich nicht aufgenommen. So viel ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, mir habt ihr es nicht getan“ (Mt 25,42.43.45).

Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Kenntnis der Wahrheit kommen (1 Tim 2,4). Jesus hat die heiliggesprochen, die mit einem liebenden Herzen leben: „Denn hungrig war ich und ihr habt mir zu essen gegeben. Fremdling war ich und ihr habt mich aufgenommen. So viel ihr nur einem meiner geringsten Brüder getan habt, mir habt ihr es getan. – Die Gerechten werden hingehen in unendliches Leben“ (Mt 25,35.46). Das soll unsere Zukunft sein.