Schmuckband Kreuzgang

„Noch Vieles habe ich euch zu sagen“ (Joh 16,12)

So 13. Okt 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Ich nehme an, das Lied „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land“ wird heute kaum mehr gesungen. Es ist ein triumphales Lied, und wenn wir über Kirche nachdenken oder mit anderen darüber sprechen, ist uns nicht triumphal zumute. Zu schockierend sind die Informationen über Priester, die Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Es ist erschreckend, wenn immer größere Zahlen dazu genannt werden. Darum der Einspruch, nicht immer wieder darüber zu sprechen. Der Einspruch ist zu verstehen. Doch nicht jeder Vorwurf gegen das Verhalten der Kirche ist aus echter Sorge gesprochen.

Das lange Schweigen der Kirchenleitung über das Vergehen von Priestern, auch von Bischöfen bis zu Kardinälen, hat bewirkt, dass ihre Glaubwürdigkeit großen Schaden erlitten hat. Viele, die aus der Kirche austreten, tun es, weil von der Kirchenleitung ein hoher moralischer Anspruch an das Volk Gottes gestellt wird, ihre Vertreter selbst aber diesem Anspruch oft nicht entsprochen haben. Natürlich betrifft das nicht alle Bischöfe und Kardinäle, doch es ist zu vermuten, dass alle davon gewusst haben.

Kritische Theologen haben schon lange von einer sündigen Kirche gesprochen. Doch es wurde ihnen verboten. Es wurde zwar eingestanden, dass einzelne Personen, einzelne Kleriker sündige Menschen waren. Doch dass die Kirche in ihren Strukturen sündig sein kann, das wurde nicht gelten gelassen. Es wurde von denen, die in der Eucharistiefeier das Glaubensbekenntnis sprechen, erwartet, die Kirche als ‹heilig› zu bekennen. Das gilt auch für die meisten Credo-Lieder. Eine wertvolle Ausnahme ist das Glaubenslied ‹Ich glaube an den Vater› (T.u.M: Markus Pytlik). Es lässt sich ehrlich und mit frohem Herzen singen. Jede der vier Strophen endet mit dem Bekenntnis: ‹Ich glaube daran›.

Wir müssen als Einzelne, als Gruppe, als Gemeinde dazu beitragen, dass die Texte von Gebeten und Liedern daraufhin gestaltet werden, dass sie der Botschaft Jesu entsprechen. Je weniger wertvoll ein vorgegebener Text ist, desto schneller wird er gedankenlos dahergeredet und müsste doch kritisch hinterfragt werden.

Es gibt aus den letzten Jahren eine große Anzahl von Büchern und Aufsätzen, in denen die Frage gestellt wird: Wie ist der Kirche zu helfen, damit sie erkennbar wird als Kirche im Sinne Jesu Christi? Manche sehen keine Chance mehr dafür. Andere hoffen, dass es eine Art von Wiederbelebung, von Lebendigkeit geben wird. Da muss aber mehr geschehen als kleine Korrekturen. Viele erwarten die Zustimmung der Kirchenleitung zwar nicht als die Lösung, aber als eine Notwendigkeit, als Schritte zu einer Lösung, dass der Zugang zum Priester-sein erweitert wird. Wenn die Eucharistie auf dem Spiel steht, weil immer mehr Gläubige am Sonntag wegen Priestermangel keine Möglichkeit haben, an der Eucharistiefeier teilzunehmen, dann muss der Pflichtzölibat hinterfragt werden, ob er nicht ein Hindernis ist, das nicht weiterhin bleiben darf. Die Ehelosigkeit für Priester wird ja dadurch nicht abgeschafft. Doch wer Priester werden will, soll entscheiden können, ob er ehelos oder verheiratet Priester sein will.

Den Frauen darf die Weihe zur Priesterin nicht weiterhin verwehrt werden; davon sind viele überzeugt. Die vor allem von der Kirchenleitung dagegen angeführten Gründe sind nicht überzeugend. Es geht aber gerade darum, dass die Kirchenleitung nicht diktiert, wie es zu sein hat.

Ich nenne den von der Kirchenleitung angegebenen Grund, Jesus habe nicht davon gesprochen, Frauen könnten und sollten keine Priesterinnen werden, sonst hätte er es gesagt. Doch wie ist das Wort  Jesu zu betrachten, das er an seine Jünger gerichtet hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, doch ihr könnte es jetzt nicht tragen. Kommt aber jener, der Geist der Wahrheit, einweisen wird er euch in die ganze Wahrheit“ (Joh 16,12)?

Ich weise gern auf Papst Johannes XXIII. hin, der die Stellung der Frau als Zeichen der Zeit aufgezeigt hat. Die Gleichwertigkeit von Frau und Mann ist von Anfang an von Gott gewollt: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf Er ihn“ (Gen 1,27). Zur Zeit des irdischen Lebens Jesu hatte die Frau in der Öffentlichkeit nicht  gleichrangig die Position mit dem Mann. Wir dürfen die jetzt gegebene Gleichrangigkeit der Frau mit dem Mann als weltweites Wirken des Geistes Gottes über die Zeit hin betrachten. Jetzt kommt es darauf an, die Zeichen unserer Zeit wahr-zunehmen, sie nicht zu übersehen. Ein wichtiges Wort dazu hat Paulus im 1. Korintherbrief geschrieben: „Der Mensch, der dahinlebt, nimmt die Sache des Gottesgeistes nicht auf.  Wir aber haben den Geist aus Gott empfangen, damit wir wissen, was Gott uns gnadenhaft schenkt“(1 Kor 2,14.12).

Wir dürfen in Zuversicht leben, wenn und weil wir überzeugt sind von dem, was zu uns in dem Lied, das ich am Beginn der Besinnung genannt habe, gesagt wird: „Seht Gottes Zelt auf Erden! Verborgen ist er da; in menschlichen Gebärden bleibt er den Menschen nah. Sein wandernd Volk will leiten der Herr in dieser Zeit; er hält am Ziel der Zeiten dort ihm sein Haus bereit“.