Schmuckband Kreuzgang

Offen und zugleich verborgen

Datum:
Mi. 25. Mai 2022
Von:
Pfr. em. Kurt Sohns

Wer einzelne Sätze des Johannes-Evangeliums betrachtet, kann eine seltsame Erfahrung machen: Die Aussage ist verstandesmäßig leicht zu verstehen, aber dieses Verstehen erschließt noch nichts von der Botschaft, die in der Aussage verborgen ist. Es kann sein, dass wir dabei von der Botschaft nichts ahnen und uns nichts-ahnend anderem zuwenden. Das ist die Versuchung zu einem oberflächlichen Leben. Da wird die Welt ohne Tiefe erlebt.

Das Geheimnis der Welt will aber entdeckt werden. Im Markus-Evangelium begegnet uns das Jesus-Wort: „Nichts ist verborgen, es sei denn, damit es aufscheine. Und nichts ward verborgen gehalten, außer damit es zum Vorschein komme“ (4,22 ). Es ist also besser, wir ahnen etwas von den in der Welt verborgenen Geheimnissen, als dass wir mit ihr umgehen, als sei nicht mehr in ihr gegeben, als was sich intellektuell erfassen ließe. Wenn wir etwas ahnen vom Geheimnis, dann besteht die Chance, dass es sich, sind wir nur offen dafür, uns auch erschließt. Dass sich die dafür aufgewandte Mühe lohnt-, dass das Suchen sinnvoll ist-, hat Peter Handke einmal so ausgedrückt: „so als würde mit der Entdeckung eines einzigen der Sache näherkommenden Wortes auch dieser ganze Tag glücken, in dem Sinn des „Alles sich Zeigende ist ein Licht“. Hier zeigt sich eine hohe Achtung der Sprache.

In der Schöpfungs-Erzählung der Bibel wird berichtet, wie Gott die Tiere, die er gebildet hatte, Adam zuführte, „zu sehen, wie er ihnen rufe, und wie der Mensch einem lebenden Wesen rufe, das sei sein Name“ (Gen 2,19). Nach der Erschaffung der Frau gab Adam auch ihr einen Namen. Er erkannte sie als vom gleichen Holz geschnitzt wie er selbst. „Die sei gerufen Ischa, Weib, denn vom Isch, vom Mann ist sie genommen“ (V23). In dieser Erzählung wird in idealer Weise dargestellt, dass der Mensch die Wirklichkeit benennen kann.

In der Bibel stoßen wir dann aber auch auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Da wird der Mensch nicht mehr in der Nähe zu Gott, in der Vertrautheit mit Gott geschildert. Die Folge davon ist die Sprachverwirrung. Die Stadt wird Babel genannt, Gemenge. Das Gemenge der Sprache war nicht mehr zu verstehen. Die Eindeutigkeit der Sprache war verloren. (Vgl. Gen 11,6-9) In diesem alten ätiologischen Bericht, also in einer Erzählung, in der die gegenwärtige Situation gedeutet wird durch ein Ereignis, das die ursprüngliche Situation verändert hat, können wir erkennen, wie es um uns steht – im Blick auf die Sprache. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry hat aus diesem Wissen um die Sprache geschrieben: „Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse“. An Pfingsten betrachten wir das Wundere, dass ein Verstehen möglich ist. Doch diesem Ereignis, dass Menschen einander verstehen, wenn es um ein Mitteilen der Wahrheit geht, war ein langes, aufmerksames Warten der Frauen und Männer der entstehenden Kirche vorausgegangen. ( Vgl. Apostel-geschichte 1,12-14). Die Kirche tut sich schwer, eine Sprache zu sprechen, in der die Sache Gottes enthalten ist und mit der die Menschen erreicht werden.

Jesus sagt: „Wenn einer mich liebt, so wird er mein Wort wahren“. Wenn wir gegen die Missdeutung des Menschen, er sei im Blick auf seinen Wert an seinem Wert als Produktionskraft zu messen, darauf bestehen, dass er, weil von Gott so gesehen, als Kind Gottes gesehen und behandelt werden muss, dann tun wir das, was Jesus nennt mit den Worten „mein Wort wahren“. Wenn wir gegen den Missbrauch der Worte in der Lüge, in der Diffamierung anderer, in der Zerstörung der Sprache, im banalen ehrfurchtslosen Reden darum besorgt sind, dass die Sprache der Wahrheit, der Gerechtigkeit, dem Leben dient, dann tun wird, was Jesus nennt: „mein Wort wahren“ (vgl. Mt 12,36f.).

Wenn wir bei unserm Sprechen von Gott und zu Gott uns nicht mit gelernten Sätzen begnügen, sondern zu einer unserer Erfahrung entsprechenden Sprache finden-, zu einer Sprache, in die unser Leben, unsere Sehnsucht eingehen-, wenn wir die Sehnsucht in uns tragen, die den Maler Alexej Jawlensky sagen ließ: „O! Wie möchte ich etwas Göttliches sagen“, dann entsprechen wir der Erwartung Jesu an uns, sein Wort zu wahren.

Sein Wort wahren, an seinem Wort festhalten, damit ist nicht eine von vielen Frömmigkeitsübungen gemeint. Mit seinem Wort leben, hat die Grundbestimmung unseres Lebens zu sein. Als Wunsch, als Hoffnung ist es im Kolosserbrief ausgesprochen: „Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ (3,16). Wenn sich daran die Forderung anschließt: „In aller Weisheit lehrt und weist einander zum Rechten“, dann ist damit an die große Aufgabe erinnert, die uns gegeben ist: Unser Leben, unser Reden sollen für andere orientierend sein im Sinne Jesu. Die Wahrheit, die uns anvertraut ist, soll durch uns auch andere erreichen. Es ist keine kleine Aufgabe, die Jesus uns zutraut. Ist sie schwer oder leicht zu bewältigen? Es gibt ein Wort von Augustinus, das Antwort auf diese Frage ist: „Hole einen Liebenden her, und er begreift, was ich sage“.

Damit sind wir wieder an den Anfang unsrer Besinnung zurückgekommen: Die Botschaft des Evangeliums ist einfach und offen und zugleich verborgen. Sie lässt sich nicht im schnellen Zugriff verstehen. Sie will angenommen werden, aufgenommen. Vor allem mit dem Herzen.


Kurt Sohns