Schmuckband Kreuzgang

Wenn Du kommst

Fr 29. Nov 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Das Advents-Lied „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu“ beginnt mit einem lebendigen Glaubensbekenntnis. Die Lebendigkeit ist auch in der Melodie ausgedrückt mit der höchsten Note des Liedes bei dem Wort „kommen“. In allen vier Strophen ist das Entscheidende, das geschehen soll, abhängig vom Kommen Gottes. Als erstes ist das Neu-werden der Welt genannt. Die Welt als Schöpfung Gottes war nie eine fertige Welt. Schon immer, so ist es in der Bibel dargelegt, war sie dem Menschen anvertraut, damit sie ein schöner Lebensraum, ein Paradies bleibt. Heute sind wir so weit, dass wir erkennen: Dieser Lebensraum ist für viele schon jetzt durch Naturkatastrophen geschädigt und wird es in Zukunft für alle sein.

Im Lied ist „das Heute Gottes“ anders gesehen: „Du baust dein Reich unter uns“. Wir beten im Vater-unser: „Dein Reich komme“. Diese Bitte muss in Verbindung mit dem Wort Jesu gebracht werden: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21). Weil Jesus Gott ganz tief verbunden war, konnte er wahrnehmen, wo im Handeln der Menschen Reich Gottes verwirklicht wird. In der Gerichtsrede Jesu ist beschrieben, wo sich Reich Gottes verwirklicht: Dort wo ihm selbst,  ohne ihn zu erkennen, im Hungrigen das Brot gegeben wird, der Durstige getränkt, der Fremdling aufgenommen wird (Mt 25, 35-40). Im Lied ist das angedeutet mit den Worten: „Denn heute schon baust du dein Reich unter uns“.

Auch in der zweiten Strophe des Advents-Liedes wird Wichtiges angesprochen. „Wenn du kommst, wird es Nacht um uns sein, drum brennt unser Licht, und wir bleiben wach“. Wir werden an das Gleichnis von den zehn Jungfrauen erinnert, die mit ihren Lampen dem Bräutigam entgegen gingen. Die fünf törichten Jungfrauen hatten zwar ihre leuchtenden Lampen dabei, aber kein Gefäß mit Öl. Anders die klugen Jungfrauen. Sie hatten, da sie nicht wussten, wann der Bräutigam kommt, auch Öl in ihren Gefäßen mitgenommen. Und es wurde spät, bis der Bräutigam kam. Jetzt erkannten die törichten Jungfrauen, dass ihre Bereitschaft, den Bräutigam zu empfangen, zu gering war. Das Bild dafür sind die nicht mehr leuchtenden Lampen. Im Lied wird die große, notwendige Aufmerksamkeit beschrieben: „O Herr, wenn du kommst, wird es Nacht um uns sein, drum brennt unser Licht, und wir bleiben wach“. Im alttestamentlichen Hohenlied der Lieder wird diese Aufmerksamkeit beschrieben: „Ich schlief, doch mein Herz war wach“ (5,2). So endet die zweite Strophe unseres Adventliedes: „Und wenn du dann kommst, so sind wir bereit“.

In der dritten Strophe unseres Liedes geht es um die Erfüllung der Sehnsucht, wie sie Paulus im Römerbrief beschreibt: „Das sehnende Verlangen der Schöpfung wartet auf das Offenbar-werden der Kinder Gottes“ (8,19). Es lohnt, die darauf folgenden Aussagen im Römerbrief zu betrachten Da wird das befreiende Handeln Jesu nicht als schon erreichtes Ziel beschrieben, sondern als ein Freigelassen-sein aus der Knechtschaft des Verderbens. Wenn Paulus zu bedenken gibt: „Denn nur auf Hoffnung hin wurden wir gerettet“, dann ist das «nur» nicht eine Erklärung, was uns durch das Befreit-werden aus der Knechtschaft des Verderbens geschenkt wurde, sei kein großes Geschenk. Im Gegenteil: Die uns geschenkte Hoffnung ist ein Vertraut-sein mit Gottes Heiligem Geist, der sich unserer Schwachheit annimmt, so dass wir im Vertrauen leben dürfen, Gott werde, weil wir Ihn lieben, alles zum Guten zusammenwirken (in einem göttlich-menschlichen Synergismus). Im Lied wird das Befreiende mit den zuversichtlichen Worten benannt: „Das  Leid wird von Deiner Klarheit durchstrahlt“. In der vierten, der letzten Strophe wird das Adventliche, das Nahe-kommen Gottes und unser Wahrnehmen seines Kommens zum Ausbruch einer großen Freude: „O Herr, wenn du kommst, hält uns nichts mehr zurück, wir laufen voll Freude den Weg auf dich zu“. Es ist ein Versprechen, das wir als Dank für Gottes Zusage, Er werde kommen, Ihm geben: Wir wollen begreifen, dass unsere Bitte: «Dein Reich komme» schon in vielem erfüllt ist, ohne dass wir es wahrgenommen haben. Wenn wir die Evangelien im Gottesdienst hören oder in Bibelkreisen oder im privaten Betrachten erkennen, worauf Jesus aufmerksam macht, dann erkennen wir, er will aufmerksam machen auf die Erfahrung von Reich Gottes. Diese Aufmerksamkeit nicht aufzubringen, bedeutet, die Welt, den Alltag unseres Lebens ohne Gott zu deuten. - Ich weise auf Beispiele aus den Evangelien hin.

Matthäus-Evangelium (19, 13-15): Die Jünger Jesu herrschen die Eltern an, die ihre Kinder zu Jesus bringen, dass er sie segne. Was die Eltern für ihre Kinder wünschen, ist Sehnsucht nach der Prägung der Kinder durch Gott, der durch Jesus erfahrbar war und ist. Auch heute ist es vielen Eltern ein Anliegen, dass Reich Gottes für ihre Kinder und für sie selbst erkennbar und erfahrbar wird.

Markus-Evangelium (12, 41-44): Jesus nimmt wahr, wie eine arme Witwe zwei Kleinmünzen, die ihre ganze Habe sind, in den Opferstock wirft. Er ruft seine Jünger zusammen, damit sie die Erfahrung machen, wo und wie die Erfüllung der Vater-unser-Bitte «Dein Reich komme» in unscheinbarer Weise aussieht. Im Unscheinbaren geschieht das Wunderbare. Kierkegaard betet: „Gott gib mir blöde Augen für Dinge, die nichts taugen, und Augen voller Klarheit für alle Deine Wahrheit“.

Johannes-Evangelium (8, 1-10): Gesetzeslehrer  führen eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden sei, zu Jesus. Sie verweisen auf das Gesetz, nach dem Mose Weisung gegeben hat, solche Menschen zu steinigen. Jesus durchschaut die Absicht der Gesetzeslehrer, denen es darum geht, ihn so oder so anklagen zu können: als Übertreter des Gesetzes oder gegen die Liebe Handelnder, also mitleidlos. Was Jesus sagt: „Der von euch, der ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“, ist nicht nur für die Frau, sondern heute noch für uns Reich-Gottes-Erfahrung: ein mutiges Handeln Jesu, der für die Wahrheit Zeuge sein wollte.

Ich wünsche uns allen, dass wir uns nach der Reich-Gottes-Erfahrung sehnen und sie wahrnehmen, wenn sie erkannt werden will. Das Lied kann uns dazu verhelfen, wenn wir es singen oder es als Gebet schweigend betrachten. „O Herr, wenn du kommst, hält uns nichts mehr zurück, wir laufen voll Freude den Weg auf dich zu. Dein Fest ohne Ende steht für uns bereit. O Herr, wir warten auf dich.“