Schmuckband Kreuzgang

Wenn es erlaubt ist zu zweifeln

Do 5. Sep 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

In der Wochenzeitung „Christ und Welt“ (in: „Die Zeit“ vom 29. August) ist ein Beitrag überschrieben: „Es tut auch nur ein bisschen weh“. Die Überschrift ist ergänzt durch die Erklärung: „Die katholische Kirche braucht eine Frischzellenkur. Das wissen auch die Bischöfe. Im Herbst diskutieren sie in Rom und Fulda über den Zölibat, die Rolle der Frau und die Missbrauchskrise. Wo sind Reformen möglich?“ Zu dem im Beitrag vom 29. August genannten Problem sind fünf Stellungnahmen zu lesen: » Frauenordination, Zölibat, Sexualmoral, Gemeinsames Abendmahl, Konzil«. Ich halte alle fünf Vorschläge im Blick auf eine Reform in der Kirche für wertvoll. Ergänzend mein Beitrag zu „Gemeinsames Abendmahl“ und „Frauenordination“.

Gemeinsames Abendmahl: Die katholische Kirche hat über lange Zeit erklärt: Weil die Pfarrer der protestantischen Kirche nicht gültig geweiht seien, könnten sie auch nicht gültig das Altar-Sakrament feiern. Inzwischen sind die beiden christlichen Kirchen einander so nahe gekommen, dass diese Erklärung offiziell nicht mehr auszusprechen ist.

Papst Franziskus hat die deutschen Bischöfe angesprochen, ermutigt, sie sollten entscheiden, ob bekenntnisverschiedene Ehepaare gemeinsam in der Eucharistiefeier am Mahl teilnehmen dürfen oder nicht. Für viele war es erstaunlich, dass über 70 Prozent der Bischöfe für einen gemeinsamen Empfang der Kommunion stimmten. Diese Entscheidung der deutschen Bischöfe hat eine besondere Bedeutung, weil sie in dem Land zustande kam, in dem die Reformation entstand und wir über Jahrhunderte, zuerst in einer aggressiven, aber vor allem in der letzten Zeit in einer auf gegenseitiges Verstehen ausgerichteten Weise einander begegneten und miteinander redeten und auch Gottesdienst feierten. Dass die hochprozentige Entscheidung unserer Bischöfe letztlich vom Vatikan abgelehnt wurde, angeregt durch zehn deutsche Bischöfe, die sich auf den Weg zum Vatikan machten, hat viele Mitglieder der beiden Kirchen enttäuscht.

Das Blockieren des Vatikans mag durch das Kirchenrecht legitimiert sein, doch das Kirchenrecht darf sich in einer sich verändernden Welt nicht als ewig gültig erklären. „Wurde falsch, was nach rückwärts bindet, so muss das Band zerschnitten werden“ (Ernst Bloch). Die Glaubwürdigkeit der Kirche(n) ist auch daran gebunden, dass sie die Zeichen der Zeit erkennt (Mt16,3). Wenn das nicht geschieht, ereignet sich, was Papst Franziskus mit den Worten beschreibt: „Die Herde selbst besitzt ihren Spürsinn, um neue Wege zu finden“ (Evangelii gaudium, Kap. 31). Der neue Weg ist für immer mehr christliche Frauen und Männer, nicht nur für bekenntnisverschiedene Ehepaare, die verwirklichte eucharistische Gastfreundschaft.

Frauenordination: 1994 hat Papst Johannes Paul II. in einem Apostolischen Schreiben erklärt, „dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“. Jeder Zweifel daran soll damit beseitigt sein. Der Papst hat sich mit seiner Erklärung erschreckend nah an eine Dogmatisierung gewagt, wenn er sagt, seine Entscheidung sei „unrevidierbar“. Dazu müsste es aber Argumente geben, die überzeugend sind für die gesamte Kirche. Das aber ist nicht der Fall. Ich habe es in vielen Gesprächen erlebt. Der Zweifel, den der Papst end-gültig beseitigen wollte, lässt sich so nicht beseitigen.

In seinem Gedicht „Lob des Zweifels“ schreibt Bertold Brecht: „Lest die Geschichte und seht. So stand eines Tages ein Mann auf dem unbesteigbaren Berg. Und ein Schiff erreichte das Ende des unendlichen Meers“. Brecht schreibt nicht, um mit dem Zweifel die Wahrheit zu zerstören. Im Gegenteil: „Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt, so lobt nicht das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!“

Dass Zweifeln angebracht ist, gilt für mich besonders bei dem Argument, Jesus habe keine Frauen als Priesterinnen gewollt, sonst hätte er es gesagt. Diesem Argument widersprechen die Worte Jesu, die im Johannes-Evangelium zu finden sind. Jesus spricht zu den Jüngern: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Kommt aber jener, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in alle Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Der Theologe Otto Hermann Pesch schreibt gegen die Behauptung, wenn Jesus Frauen als Priesterinnen gewollt hätte, hätte er es ja sagen können: „Im übrigen hätte Jesus, den die Umwelt für einen Rabbi hielt, im sozialen und religiösen Kontext Israels jede Anerkennung und damit jedes Ernstnehmen seiner Botschaft sofort verspielt, hätte er unter denjenigen, die in seinem Auftrag das nahe gekommene Reich Gottes verkünden sollten, auch Frauen berufen“.

Von den Menschenrechten her gesehen, hat sich seit der irdischen Zeit Jesu Entscheidendes getan. Dürfen wir nicht annehmen, dass die Abschaffung der Sklaverei, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau Werk von Gottes Geist ist? Wir beten ja: „Sende aus Deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu“ (Ps 104,24). Im 1. Korinther-Brief schreibt Paulus: „Wir haben den Geist aus Gott empfangen, damit wir wissen, was Gott uns gnadenhaft schenkt“ (2,12). Jetzt geht es darum, dass wir die Zeichen unserer Zeit erkennen (Mt16,3). Wenn, wie es Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika „Pacem in terris – Frieden auf Erden“ 1969 schreibt, die Frau zu den Zeichen der Zeit gehört, muss dann unsere Kirche nicht vermuten, hoffen und danken, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden können?