Schmuckband Kreuzgang

„Wörter sind nicht das Wort“

So 19. Mai 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

In der Apostelgeschichte wird von der jungen Kirche berichtet. Es ist gut, wenn wir daran interessiert sind, wenn wir wissen wollen, wie der Ursprung der Kirche war.

In der Apostelgeschichte wird von der jungen Kirche berichtet. Es ist gut, wenn wir daran interessiert sind, wenn wir wissen wollen, wie der Ursprung der Kirche war. Die grundlegenden Elemente haben ihre Bedeutung auch heute nicht verloren. Dazu gehört das Brotbrechen, in dem die Überwindung des Todes zu erfahren ist. Das klingt an in dem Wort aus dem 1. Johannesbrief: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergeschritten sind, denn wir lieben die Geschwister; wer nicht liebt, verbleibt im Tod“ (3,14).

Zur Feier der Eucharistie gehört das Teilen des Brotes, denn Jesus hat beim Letzten Abendmahl im Zeichen des Teilens seine Jünger beauftragt, die Hingabe seines Lebens als die ihr Leben prägende Wahrheit zu feiern. Das Teilen des Brotes ist der wertvollste, aber auch notwendigste Beitrag der Kirche für eine gerechte Welt. Diese Erkenntnis drängt Papst Franziskus, an eine Solidarität zu erinnern, die „es erfordert, eine neue Mentalität zu schaffen, die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt“ (Evangelii gaudium, 188).

Solche Botschaften werden nicht mit großem Beifall aufgenommen. Es ist, wie wir es von Propheten des Alten Testaments kennen. Sie werden abgelehnt, nicht als seien sie unfähig, die sozialen Strukturen zu benennen, sondern gerade weil sie, in unserer heutigen Situation beschrieben, erkennen und es nicht dabei belassen wollen, dass die Zahl der Millionäre wächst und ebenso die Zahl der Armen.

Auch hier kann ein Blick auf die junge Kirche ermutigen. In der Lesung aus der Apostelgeschichte vom vergangenen Mittwoch haben wir gehört: „Das Wort des Herrn aber wuchs und verbreitete sich mehr und mehr“ (12,24). Damit wird die Gemeinde als lebendige Gemeinde beschrieben. Und die Lebendigkeit hat ihren Ursprung im solidarischen Leben, im Teilen nicht nur des Brotes, sondern auch der verschiedenen Gaben. „Seine Freude in der Freude der Andern finden können, das ist das Geheimnis des Glücks“ (Georg Bernanos).

Die in der jungen Kirche gelebte Solidarität wirkte einladend auf die, die Suchende waren nach dem wahren Leben. Dass wir die Sache Jesu nicht nur für uns brauchen, sondern sie Andern vermitteln sollen, ist die Erwartung Jesu an uns: „Ihr seid das Licht der Welt. So erstrahle euer Licht vor den Menschen, auf dass sie sehen eure guten Taten und verherrlichen euren Vater in den Himmeln“ (Mt 5,14.16).

Wir müssen Lernende sein, wir dürfen Lernende sein. Täglich erreichen uns in der Reklame Aufforderungen, was zu tun ist, um glücklich und erfolgreich zu sein. Vieles führt in die Irre. Möglichst oberflächlich zu leben, ist die verdeckte Verführung. Doch „Wörter schaffen Verwirrung. Wörter sind nicht das Wort“, schreibt Eugène Ionesco in sein Tagebuch. Im Kolosserbrief lesen wir: „Das Wort des Christus wohne reich in euch“ (3,16). Und wenn es dann weiter heißt: „in aller Weisheit lehrend und mahnend einander“, dann ist damit die Bedeutung genannt, die das Wort Gottes hat, damit unser Umgang miteinander nicht leer und fruchtlos ist.

Im Anschluss an die Beschreibung der jungen Kirche: „Das Wort Gottes wuchs und mehrte sich“, können wir uns der Frage stellen: Was bedeutet mir das Wort Gottes? Wie kann es sich in mir entfalten? Wie helfen mir die Worte Jesu für mein Beten zu Gott? Der Theologe Hans Urs von Balthasar gibt zu bedenken: „Ich weiß nicht, ob man vor einem lebendigen Wort Jesu Christi wirklich nichts vom ewigen Leben verspüren kann“.

Ich wünsche uns allen, dass wir Hörende sind und es immer mehr werden. Gertrud Fussenegger lädt uns ein, Lauschende zu sein:

 

          Lauschender / Er wartet auf Botschaft / schon lange. / Jemand

          hat ihm gesagt: Sei wachsam / lausche / halte dich still / und

          die Hand am Ohr, / Irgendwo wird das Wort / ausgesprochen.

          Irgendwo / schlägt die Glocke aus / Irgendwann wird sich der

          Ton / ausfiltern lassen aus dem Gesträuch / des Windes. / Auf

          diesen Ton / bist Du gestimmt, / so lausche.