Schmuckband Rad

Evangelium und Predigt am 4. Fastensonntag

„Sehen können, was im Leben wirklich wichtig ist“

(c) Bild: Martin Manigatterer In: Pfarrbriefservice.de
So 22. Mär 2020
Daniel Braun

Evangelium  Joh 9, 1.6-9.13-17.34-38

 

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit

1sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

6Jesus spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen

7und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

8Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

9Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.

13Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.

14Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.

15Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen.

16Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.

17Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet.

34Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.

35Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?

36Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube.

37Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es.

38Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.

 

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
ich möchte mal mit Ihnen in das Jahr 1990 eintauchen, - damals war ich noch jung, bzw. war ein Jugendlicher und musste mich damit auseinander setzen, was ich denn nach meinem Realschulabschluss beruflich machen werde!

Ich fühlte mich ganz schön unter Druck, eine solche wegweisende Entscheidung treffen zu müssen.  Aber das geht vielen jungen Leuten, denke ich – vielleicht heute noch genauso!                                                
Und weil ich noch auf der Suche war, - was will ich denn werden?  - habe ich kurz vor Schulende in den Osterferien noch ein Praktikum bei einem Augenoptiker absolviert.
Und so entschied ich mich letztendlich, Augenoptiker zu werden, da hat man Kontakt mit Menschen und man kann sogar kreativ sein!

Liebe Gemeinde, ich habe, das, was damals anstand, was für mich wichtig war,
- sein musste - gesehen und eine Entscheidung getroffen. Ich habe den Ausbildungsvertrag beim Augenoptiker unterschrieben. Ich denke, wir sind immer wieder in unserem Leben gefordert Entscheidungen zu treffen! Sie werden uns regelrecht abverlangt, ja, sogar von uns erwartet. Und zwangsläufig müssen wir – es bleibt uns gar nichts anderes übrig - auswählen. Egal ob wir die ganze Weite dieser zu treffenden Entscheidung sehen oder nicht. Und ich war total erleichtert, dass ich einen  Ausbildungsplatz gefunden hatte. Hatte ich hier das Richtige im Blick? Ich habe gesehen und irgendwie doch nicht gesehen. War ich blind?

In der Kurzfassung des heutigen Evangeliums zum 4. Fastensonntag, hörten wir eben davon, dass Jesus unterwegs ist. Und auf dem Weg, sieht und begegnet er dem, der still am Wege sitzt und bettelt. Ein Mann, der seit seiner Geburt blind war!
Jesus geht an der Not nicht vorbei! Er heilte ihn, und das nicht nur körperlich, nein,
hm gehen auch noch die Augen des Glaubens auf. Und er beginnt, in Jesus,
der ihm das Augenlicht geschenkt hat, den von Gott gesandten Messias zu sehen,
und an ihn als den Sohn Gottes zu glauben. Ich habe in diesem Kontakt zwischen Jesus und dem Blinden einen Dreischritt gesehen: nämlich Christus begegnen, neu sehen,
und zum Glauben finden:  begegnen - sehen – glauben.

Ich finde, es ist eine richtige Konfrontation heute mit diesem Evangelium mit der Heilung des Blindgeborenen, und sie gehört zum Programm dieser Fastenzeit.  

Das Evangelium will uns sagen: Wir sehen und sehen doch oft nicht.
Wir sind oft wie mit Blindheit geschlagen, wenn es um Entscheidungen in unserem Leben geht, mit all dem was von uns erwartet wird, wo wir funktionieren (müssen)!                   
Und notgedrungen nehmen wir vieles nicht wahr, was sich um uns abspielt.
Wir sehen, und sehen doch nicht!

Die Begegnung mit Jesus Christus möchte gerade aber unser Sehvermögen schrittweise stärken und unsere partiellen Blindheiten heilen: die Blindheiten des Verstandes,
des Herzens und schließlich des Glaubens.

Nicht zuletzt möchte uns Christus die Kraft geben, uns den Herausforderungen unseres Lebens zu stellen. Und wenn es die Entscheidung ist, einen Ausbildungsplatz zu finden! Wir dürfen darauf vertrauen, wenn wir bereit sind für eine Begegnung mit Jesus, dass auch wir sehend und glaubende Menschen werden. Ich – liebe Schwestern und Brüder, bin aufgrund der Erfahrungen meines bisherigen Weges überzeugt, dass Jesus mit uns ähnlich behutsam umgeht, wie mit dem Blindgeborenen. Er stellt keine großen Forderungen an ihn. Schritt für Schritt führt er ihn zu neuen Einsichten und gibt ihm dazu auch die nötige Kraft. Liebe Gemeinde, ganz mutig, bin ich damals vor meinem Ausbildungsbeginn zum Optikermeister gegangen und habe mich entschuldigt! Entschuldigt dafür, dass ich diesen Weg nicht gehen konnte. Ich habe den Ausbildungsplatz nicht angetreten!
Nichts gegen diesen schönen und auch wichtigen Beruf. Damals hatte ich noch nicht einmal eine Brille, das kommt dann erst mit dem Alter – wie sie jetzt sehen! Ich wollt einfach nicht,
- mal etwas salopp daher gesagt - mein Leben lang mit kaputtenen Brillen zu tun haben. Mein Blick hat mich sozusagen tiefer sehen lassen: Und deshalb habe ich dann drei Jahre bei der Diakonie in der Pflege gearbeitet. Danach war ich in der Schwerstbehinderten-betreuung bei der Caritas. Dann folgte das Abitur und das Studium!
Begegnen, sehen, glauben!

Ich bin der festen Überzeugung, dass mein Werdegang nur möglich war, durch die Begegnung mit Christus, möglich durch einen tieferen Blick für das Leben. Und das festigt meinen Glauben und kann diesen dann auch weitergeben. Liebe Schwestern und Brüder,
was will uns diese außerordentliche Zeit – in der wir uns befinden – sagen? Diese Frage, sie wird uns in den kommenden Wochen und Monaten begleiten! Ich möchte Sie jetzt ermutigen dem Herrn immer wieder zu begegnen, durch ihn tiefer, genauer zu sehen, hinzuschauen! Denn Jesus will allen die Augen öffnen! Er will uns von blinden Flecken, unserer Kurzsichtigkeit, unserer Blindheit befreien. Lassen wir uns alle, in diesen Tagen vor dem Osterfest die Augen öffnen. Werden wir uns wieder bewusst, was wirklich wichtig im Leben ist! Erfahren und erleben wir wieder stärker, dass uns der Glaube zur Kraftquelle werden kann. Jesus geht an keinem vorüber ohne hinzusehen. Es kommt ganz allein darauf an,
ob wir bereit – wie der Blinde am Wegesrand – für die Begegnung mit ihm.

Ich kann nur sagen, mir hat die Begegnung mit ihm, immer wieder geholfen:

So, dass ich sehe und glaube!

 

Thomas Winter, Pfarrer