Schmuckband Kreuzgang

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Predigt 19. Sonntag

Strassenszene in Barcelona. Einen Schatz haben. (c) Ronald Ashley Givens
Strassenszene in Barcelona. Einen Schatz haben.
So 11. Aug 2019
Pfarrer Dr. Ronald Givens

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Wo Dein Schatz ist, da ist dein Herz

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Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz

Im Deutschen gibt es unterschiedliche Bedeutungen von Schatz. Zum einen kann der Schatz das sein, was in einer Piratenhöhle versteckt ist, was auf meinem Bankdepot angehäuft ist, was kostbar und wertvoll im Acker, in einem gesunkenen Wrack, einem Tresor funkelt und glitzert.

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Schatz kann im Deutschen auch ein Mensch ein. Jemand der mir kostbar ist. Ein Schatz ist ein Mensch, der mein Leben reich macht durch sein Leben und seine Liebe.

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Für Jesus war dieser Schatz im Himmel. Sein Vater. Gott. Das ist für Jesus sein Schatz. Nach dieser Fülle von Leben und Liebe hat er sich gesehnt, diesen Schatz wollte er mit uns teilen und uns versichern: ihr habt einen Schatz im Himmel. Die Schwierigkeit mit diesem Schatz ist leider dies: den Schatz in der Piratenhöhle oder im Banktresor, denn kann ich sehen, wiegen. Der glitzert und funkelt, meine Augen, meine Hände können sich vergewissern dass er da ist. Das gibt Sicherheit. Mit dem menschlichen Schatz wird es schon ein bisschen schwieriger. Ich muss meinem Herzen vertrauen. Mein Herz muss jeden Tag neu sich wie einen Kompassnadel ausrichten und glauben: ja das ist mein Schatz, der Mensch, der mir kostbar ist. Da gilt es alte Narben nicht mächtig werden lassen, da gilt es den wandernden Blick einzufangen, da gilt es immer neu dem Herzen zu vertrauen: das ist mein Schatz.

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Maria Hilfrich hatte einen Schatz. Sie war Lehrerin. Begeisterte Lehrerin, und sie war Christ. Das hat sie als Lehrerin nicht verheimlicht. Mit ihren Schülerinnen hat sie im Unterricht gebetet. Und als in der Nazizeit die Rassenlehre auf dem Lehrplan stand, da hat sie Ihren Schülerinnen, die sich auf das Abitur vorbereitet haben, die Augen geöffnet wie menschenverachtend diese Ideologie ist. Ein Kollege an der Schule zeigt sie bei der Gestapo an. Ihr Unterricht wird überprüft, und weil sie an ihrem christlichen Weltbild festhält, wird sie strafversetzt. An der neuen Schule beobachtet die Frau des Schulleiters sie sehr genau. Eines Tages platzt sie in den Unterricht von Maria Hilfrich herein, als diese gerade mit den Schülern betet und schreit: „Wissen sie nicht, dass sie damit dem geliebten Führer in den Rücken fallen? Maria Hilfrich wird verhaftet, kommt nach Frankfurt ins Gefängnis und von dort, ohne Prozess ins Konzentrationslager Ravensbrück.

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Maria Hilfrich werden ihre Kleider genommen, ihr werden die Haare rasiert, die bekommt auf ihre Lagerkleidung einen rotes Dreieck genäht als politische Gefangene, ihre Name wird ersetzt durch eine Nummer: 17938.

Wo dein Schatz ist da ist ein Herz. Heiraten durfte eine Lehrerin damals nicht, sonst hätte sie den Schuldienst beenden müssen. Ihr Schatz war ihr Wissen und ihre Begeisterung dieses Wissen mit ihren Schülern zu teilen. Dieser Schatz wurde ihr genommen. Mit der Freiheit. Mit den Kleidern. Mit den Haaren. Mit dem Namen. 17938.

Wo dein Schatz ist, da ist den Herz. Maria Hilfrich hat einen Schatz. Sie glaubt, dass Gott ihr Schatz ist. Auch im KZ Ravensbrück. Sie sucht seine Gegenwart im Lager, und findet ihn in Frauen aus Polen, aus der Tschechei, aus Litauen, aus Deutschland, die wie sie glauben, dass es Gott gibt. Sonntags feiern diese Frauen die Hl. Messe. Jede betet einen Teil der Messe für die anderen vor, den sie noch auswendig wissen. Kommunion gibt es keine. Sie müssen nebenher Wäsche waschen, damit man nicht merkt, dass sie Messe feiern. Eine Polin schenkt ihr einen Rosenkranz, den sie aus Essensresten gefertigt hat. Für die Nummer 17938 sind das alles Beweise, dass sie einen Schatz im Himmel hat. Als 1945 das Lager Ravensbrück völlig überfüllt ist, weil aus anderen Konzentrationslagern Gefangene dorthin verlegt wurden, als die Essen Ration auf einen Scheibe Brot am Tag gekürzt ist, da hört die 17938 ihre Nummer. 17938. Mit 54 anderen Frauen wird sie entlassen. Sie will zurück an ihre Schule. Zwei andere Frauen schließen sich ihr an, weil sie vom Glaubensmut der Maria Hilfrich beeindruckt sind. Maria Hilfrich teilt mit diesen zwei erschöpften Frauen, ihre Kraft und ihren Mut. Am Bahnhof besteigen sie einen Zug. Voller Soldaten, Flüchtlinge, Verwundeten. An der nächsten Station müssen sie aussteigen. Ein SS Mann wirft sie hinaus, Entlassenen aus dem KZ nimmt man in einem deutschen Zug nicht mit. Kurz hinter dem Bahnhof wird der Waggon, in dem sie eben noch saßen, unter Beschuss genommen, von Tieffliegern. Ihr Schatz im Himmel, so ist Maria Hilfrich jetzt überzeugt, ist der wahren Grund dafür, dass sie diesen Zug hat verlassen müssen. Maria Hilfrich und die beiden Frauen, die sich angeschlossen haben, überleben. Dank dem tiefen Glauben dieser Frau, dass Gott ihr Schatz ist und sie aus dem Reichtum dieses Schatzes leben kann.

 

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Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz. Den irdischen Schatz hat man Maria Hilfrich genommen, ganz und gar. Sie ist Konzentrationslager Ravensbrück Frauen begegnet, die als Mensch, als Mitgefangene, als Glaubende einander zum Schatz geworden sind. Keine Läuse, keine Erniedrigung, kein Hunger, kein Stacheldraht konnte ihr den Glauben nehmen, weiterhin Ausschau zu halten, wo erfahre ich hier und jetzt, dass Gott mein Schatz ist.

Wir sind die Schatztruhen Gottes. Wenn die, die wir lieben, die uns eine Schatz sind, wenn die, die unseren Lebensweg kreuzen und uns anvertraut werden, wenn diese Menschen uns öffnen, wenn sie also die Schatztruhen Gottes aufschließen, dann sollen sie uns darin finden. Nicht unsere Titel, nicht unser Geld, nicht das was wir vererben können. sondern uns und unser Herz. Denn nichts anderes feiern wir jetzt: Gott verschenkt alles was er hat: seinen Himmel, sein Leben, seine Ewigkeit, denen die ihm vertrauen, dass in einem kleinen Stück Brot und in einem Schluck Wein sein ganzer Himmel, sein ganzes Leben, seine ganze Ewigkeit steckt, die er mit uns teilen möchte.

Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.

 

Pfarrer Ronald Ashley Givens, Viernheim