Schmuckband Kreuzgang

Fingerspitzen

Predigt 26. Sonntag

Fresko von dem Hund, der die Wunden des Lazarus leckt (c) Ronald Ashley Givens
Fresko von dem Hund, der die Wunden des Lazarus leckt
So 29. Sep 2019
Pfarrer Dr. Ronald Givens

Was für zwei berührende Bilder: Da ist einer der wünscht sich seiner Not, in seiner Qual eine ganz winzige Berührung: Die Fingerspitze, in Wasser getaucht, möge seine Zunge berühren. Das ganz Leben zusammengeschmolzen auf eine klitzekleine Berührung: eine lindernde Fingerspitze.

Wie anders das andere Bild: Berührung von allen Seiten. Der arme Lazarus im Schoß von Abrahams. Mehr Berührung geht fast nicht mehr. Von allen Seiten Wärme, Nähe, Berührung.

Das zweite Bild erzählt davon, dass Berührung heilt, ausgleicht, schützt. Das wissen wir. Es braucht oft kein Wort, es gibt oft kein Wort, aber es gibt Berührung, die alles sagt, die alles auffängt, die alles korrigiert. Berührung nimmt den Zweifel weg. Berührung gibt Licht. Berührung schafft Nähe, wo zuvor Einsamkeit war. Berührung baut Brücken. All das, was im Leben dem armen Lazarus gefehlt hat, an Aufmerksamkeit, an Nahrung, an Heilung, all das wird durch die Berührung im Schoß von allen Seiten nun geheilt.

Und umgekehrt erzählt das erste Bild davon, wie Ungerührtheit, wie das, was uns nicht berührt, nicht anrührt, was wir nicht berühren wollen, wie all das Distanz schafft. Einen Graben schafft zwischen und dem Leben. Auch das wissen. Ein Kind nie in den Arm genommen, vergisst das nicht, bis ans Lebensende. Eine ausgestreckte Hand nicht ergriffen, schafft einen Graben. Ob in der Sexualität, ob in der Not, ob im Krankenbett oder beim Sterben, je schutzloser wir uns zeigen oder sind, umso größer wird die Distanz, wenn der Schrei unserer Haut zurückgewiesen wird. Die nicht geschenkte Berührung kann kein Wort, kein Blumenstrauß, kein teures Geschenk und kein noch so toller Grabschmuck überbrücken.

Weil Gott berührbar ist und heilend berührt, wird er mit Haut und Haar Mensch. Weil unter der Haut des Menschen Jesus in gleicher Weise Gott steckt, macht er mit der Berührung ernst: Im Abendmahlsaal sagt er: so bin ich berührbar, in einem Stück Brot und in einem Schluck Wein. Das ist die Lebensberührung mit Jesus, mit Gott. Und er ergänzt: im Nächsten, im Geringsten bin ich berührbar. Das ist die Lebensberührung mit Jesus, mit Gott.

Wenn uns das eine oder das andere nicht mehr anrührt, das Brot des Lebens oder der Nächste, dann schaffen wir einen Graben zum Leben, dann begnügen wir uns mit Berührung aus Purpur, aus Leinen, aus rauschenden Festen. Mit Berührungen, die vergänglich sind, und die noch nicht einmal zusammenangehäuft, so viel Lebenskraft besitzten, wie eine lindernde Fingerspitze. Amen.

Pfarrer Ronald Ashley Givens, Viernheim

Lk 16, 19–31

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.

 

In jener Zeit sprach Jesus zu den Pharisäern: Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lázarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel.

 

Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lázarus in seinem Schoß.

 

Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lázarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lázarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

 

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen,

damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.

 

Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.