Schmuckband Kreuzgang

Hände

Predigt 18. Sonntag

Der arme Lazarus vor der Tür des Reichen. Nationalmuseum Barcelona (c) Ronald Ashley Givens
Der arme Lazarus vor der Tür des Reichen. Nationalmuseum Barcelona
So 4. Aug 2019
Pfarrer Dr. Ronald Givens

Im Nationalmuseum in Barcelona gibt es eine Darstellung der sieben Wurzelsünden, zu der auch die Habsucht oder Habgier gehört. Man sieht auf dem Bild zwei Menschen, die ihre Hände so um ihr Hab und Gut geklammert haben, dass diese so verkrampft sind, dass sie diese nicht lösen können, um die Hand zu ergreifen, die sich ihnen vom Himmel her entgegenstreckt.

In Indien wollte Mahatma Gandhi einen Zug besteigen. Im Gedränge der Menschen verlor er beim Hinaufsteigen auf den Waggon eine seiner Sandalen. Zu viele Menschen drängten hinter ihm nach, und der Zug wollte losfahren, als dass er ins Gleisbett hätte hinabsteigen können, um die verlorene Sandale heraufzuholen. Da ging er an das Fenster seines Abteiles, zog die verbliebene Sandale aus und war sie aus dem Fenster zu der anderen Sandale. Ein Mitreisender frage verwundert, warum er dies gemacht habe: Da antwortete Gandhi: Eine Sandale nützt mir nichts. Aber jetzt da ich sie der anderen hinterhergeworfen habe, nützen sie beide dem, der sie findet.

Zum Ritus der Krankensalbung gehört neben der Salbung der Stirn, zur Erinnerung an unsere Taufe und Firmung, die Salbung unserer Hände. Für mich ist das immer ein sehr eindrücklicher Moment, wenn ich eine Hand in meine Hand nehme und salbe. Es sind manchmal sehr starke Hände, andere die Zittern vor Angst. Manchmal sind die Hände fast schon federleicht, andere verkrümmt. Mitunter stecken die Infusionsnadeln darin und oft genug spüre ich schon die Kälte des nahen Todes, wenn ich eine Hand zum Salben nehme. Zusätzlich füge ich dabei immer noch folgendes Gebet an: Gesegnet sei was du empfangen hast. Gesegnet sei was du gegeben hast. Gesegnet sei was du losgelassen hast.

Gesegnet was du empfangen hast: Wir können uns das Leben nicht selbst geben. Wir empfangen es. Es ist wie die beiden Sandalen. Ich kann sie aufheben und mich darüber echauffieren, dass sie schon getragen sind, dass es schadhafte Stellen gibt, dass die Farbe nicht meine ist. Alles was ich empfange kann ich wiegen, messen und vergleichen. Dann verliert es seinen Segen, dann nehme ich mir selbst das Geschenk. Mich beschenkt zu wissen, zu glauben dass ich gemeint bin, nicht das Geschenkte zu vergleichen, ist eine Übung, die mein Herz davor bewahrt bitter zu werden. Gesegnet sei was du empfangen hast

Gesegnet sei was du gegeben hast. Nur was wir selbst als schön empfinden, nur was für uns einen Wert hat, nur was wir gerne selbst besitzen, taugt als Geschenk. Der andere muss satt werden durch das was wir geben, der andere muss schön werden durch das was wir schenken, der andere muss reich werden, durch das was wir geben. Eine Sandale nützt nichts. Das was wir geben wird erst dann zum Segen, wenn das Leben des anderen dadurch wirklich beschenkt wird, etwas in eine gute Bewegung kommt. Gesegnet sei was du gegeben hast

Gesegnet sei was du losgelassen hast. Das Loslassen ist das Schwierigste. Anders als das Geben, ist das Loslassen oft nicht freiwillig. Das Loslassen beginnt mit der Erkenntnis, es geht so nicht mehr weiter. Gandhi spürt: mit einer Sandale bin ich nicht gut unterwegs. Ich muss ganz loslassen. Wenn ich mich an den Verlust klammere, wenn ich nicht einsehe möchte, dass das Loslassen, der Abschied längst begonnen hat, dann verkrampfe ich. Durch das Geben kommt das Leben des Nächsten in eine gute Bewegung. Aber durch das Loslassen kommt mein eigenes Leben in eine gute Richtung. Gesegnet sei was du losgelassen hast.

Gesegnet sei was du empfangen hast. Gesegnet sei was du gegeben hast. Gesegnet sei was du losgelassen hast. Es kann eine gute Übung sein jeden Abend die eigene Hand und/oder die Hand eines geliebten Menschen zu nehmen und zu beten: Gesegnet was ich heute empfangen habe. Gesegnet was ich heute gegeben habe. Gesegnet was ich heute loslassen musste.

Diese Übung kann uns helfen, dass unsere Hände beweglich bleiben, um einmal, in der Stunde unseres Todes, die ausgestreckte Hand des Auferstandenen ergreifen zu können.

 

Pfarrer Dr. Ronald Ashley Givens

 

Lk 12, 13–21

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.

In jener Zeit  bat einer aus der Volksmenge Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen! Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht,hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte.

Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht.
Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr!

Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt,aber bei Gott nicht reich ist.