Schmuckband Kreuzgang

Der Weihrauch

„Hier riecht es nach Weihrauch!" - Beim Besuch der Kirche bringen mich die Kinder unserer Kindertagesstätte zum Schmunzeln. Wir stehen im Mittelgang, schauen nach vorne zum Altar und die Kinder nehmen den Wohlgeruch war. Noch immer erfüllt der Duft des Weihrauchs den Kirchenraum.

Unser Glaube braucht eine bestimmte Duftnote, die sich bewahrt und sich in unseren Sinnen eingeprägt. Das ist gut so. Mit allen Sinnen glauben heißt: hören, schauen, berühren, schmecken und riechen. Dies meint sich als Mensch auf Gott in Jesus Christus einlassen, auf seine Liebe zu uns Menschen. Die kennt keine Berechnung oder Verzweckung. Einfach umsonst, weil ER es ist und weil wir es sind! Dieses Verschwenderische drückt sich bereits in der Bibel in bestimmten Zeichen aus: Maria von Bethanien tut etwas völlig Überflüssiges, Verschwenderisches, woran Judas Anstoß nimmt: „Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt." Judas Iskariot kritisierte: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?" (Johannes 12,3-4).

Genau so überflüssig und verschwenderisch wie das Öl ist der Gebrauch von Weihrauch, dem wohlriechenden Harz einer arabischen Staude, zuweilen auch mit einheimischen pflanzlichen Duftstoffen vermischt. Weihrauch gehört zu den Schätzen, die die Weisen aus dem Morgenland dem göttlichen Kind bringen. Romano Guardini, der bekannte katholische Religionsphilosoph und Theologe, deutete den aufsteigenden Wohlgeruch einmal so: „Ohne allen Zweck, rein wie ein Lied. Schönes Vergeuden von Kostbarkeiten. Schenkende, alles hingebende Liebe ... Und das ist auch im Weihrauch: Ein Geheimnis der Schönheit, die von keinem Zweck weiß, sondern frei aufsteigt. Der Liebe, die brennt und verbrennt, und durch den Tod geht."

Der Duft des Weihrauchs erinnert also an die schenkende, alles hingebende Liebe gegenüber Jesus, dem Kind in der Krippe und dem Gast in Bethanien. Was für uns heute so selbstverständlich ist, lehnte die alte Kirche zunächst ab: Zwar gebrauchte man Weihrauch bei Bestattungen, um den Verwesungsgeruch zu vertreiben. Im Gottesdienst wurde Weihrauch allerdings nicht verwendet, weil er beim Kaiserkult als Zeichen der Anbetung eingesetzt wurde. Das Auflegen von Weihrauch vor dem Kaiserbild bedeutete das Bekenntnis zur Staatsreligion und der Abfall vom christlichen Glauben. Wer dem Kaiserbild das Weihrauchopfer verweigerte, wurde verfolgt und getötet. Erst im vierten Jahrhundert kam Weihrauch in der christlich-byzantinischen Liturgie auf, später in der römischen. Nun wird Weihrauch zum Zeichen der Anbetung Christi. Man verwendet ihn zur Prozession und Verkündigung des Evangeliums: Christus ist der Herr, der Kyrios, der Heilige, der Höchste. Ihm gebührt allein Anbetung. Seine Botschaft soll sich wie der Duft des Weihrauches verbreiten und zu den Menschen dringen.

Heute werden in den Ostergottesdiensten das Kreuz und die Osterkerze, in welche fünf Weihrauchkörner als Zeichen der Wundmale Christi eingefügt sind, beräuchert. Mit dem Weihrauch wird etwas Tiefes ausgedrückt: Die Körner verbrennen und duften und weißer Rauch steigt auf. Die Körner gehen durch das Feuer, durch den Tod. Erst dann entfalten sie ihr Leben, ihren Duft in der aufsteigenden Rauchwolke aus dem geschwungenen Rauchfass.

Bei der Heiligen Messe tragen die Messdiener beim Einzug Weihrauch als Zeichen der festlichen Freude mit. Der Priester inzensiert zu Beginn des Gottesdienstes den Altar als Zeichen der Verehrung des in der Feier der Eucharistie gegenwärtigen Herrn. Zur Gabenbereitung werden die bereiteten Gaben, der Priester und die versammelte Gemeinde beweihräuchert. Man ehrt dabei nicht die Gaben oder eine bestimmte Person. „Dadurch soll angedeutet werden, dass die Gabe der Kirche und ihr Gebet wie der Weihrauch vor das Angesicht Gottes emporsteigen." (Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch = AEM 51). Der Weihrauch steht somit als ein Symbol für die Bitten und Anliegen, mit denen die Menschen zu Gott kommen. Der Mensch bringt sich selbst und seinem Leben als Gabe dar. Der Weihrauch ist ein Zeichen der Hingabe des Menschen an Gott. So wie der Weihrauch nach oben in den Himmel steigt, erhebt der Mensch sein Herz zu ihm empor, richten es auf Gott - noch oben - aus.

Wenn ich die vielen Menschen sehe, die täglich in der Apostelkirche beten und nachvollziehen, was das Symbol des Weihrauchs meint, dann erinnert mich dies an die Sätze von Romano Guardini: „Das liegt im Weihrauch: ein Geheimnis der Schönheit, die von keinem Zweck weiß, sondern frei aufsteigt; der Liebe, die brennt und durch den Tod geht: des Gebetes, und gerade jenes Gebetes, das an keinen Zweck denkt, sondern Gott lobt und Ihm dankt, weil so groß seine Herrlichkeit ist."

Angela Eckart