Schmuckband Rad

24. Dezember 1685 - KATHOLISCH RELOADED

Wappen Ordensmann (c) Pfarrer Bretz
Wappen Ordensmann

Oder – Der Geburtstag der ‚katholischen‘ Gemeinde Alzey

Oder sollte man sagen, Wiederaufleben der ‚altgläubigen‘ Gemeinde.

Es sind, seit der Einführung der Reformation 1555 vielschichtige Prozesse, die abliefen.

Das Ringen um die Reform der Kirche, die dann leider doch zum Auseinanderbrechen der Einheit führte hat die Christenheit in Deutschland tiefgreifend verändert.

Katholisch wurde zum Konfessionsbegriff, nicht mehr zum Ausdruck für die eine Kirche in ihren durchaus vielfältigen Strömungen und Bewegungen und Lagern.

Der Religionsfriede, der Krieg eindämmen sollte, machte 1555 die Landesherren zu Herren über den Glauben ihrer Untertanen.

Die ‚katholische‘ Kirche machte ihrerseits Reformwege durch, festzumachen am Konzil von Trient und seinen unterschiedlichen Konsequenzen in Bistümern und Ländern.

Die altgläubige Praxis endet 1555. Die Christen in Alzey machten mehrere Konfessionswechsel zwischen Lutheranern und Calvinisten durch.

1622 bis ca. 1644 war Alzey durch die Spanier besetzt und galt als katholisiert.

Kurfürst Karl, nach seiner Wiedereinsetzung führte ein streng calvinistisches Regiment, dass den Katholiken die eigentlich im Westfälischen Frieden 1648 ermöglichten Toleranzen nicht gewährte.

 

Wir nähern uns nun aber dem Jahr 1685

Kurfürst Karl (1651-1685) war kinderlos und die calvinistische Linie Pfalz-Simmern starb aus. Erbberechtigt und damit Nachfolger wurde Philipp Wilhelm aus der Linie Pfalz-Neuburg, die mit der Koversion von  Wolfgang Wilhelm (1578-1653) im Jahr 1613 wieder katholisch geworden war.

Der westfälische Friede 1648 hatte das 1555 aufgestellte Prinzip ‚cuius regio – eius religio – nicht aufgehoben, wollte es aber in einen Zusammenhang größerer Toleranz gestellt sehen.

Als Normaljahr für den Stand der Konfession galt 1624, wobei für die Pfalz 1618 strittig war, denn 1624 war sie durch die katholischen Spanier besetzt.

Karl suchte nun den Calvinismus noch vor seinem Tod vertraglich zu sichern. Denn streng genommen stand ja nun Philipp Wilhelm das ius reformandi, das Recht der Konfessionsbestimmung zu.

Der Vertrag von Schwäbisch – Hall wurde zwar von den Unterhändlern beider unterzeichnet – 22.05.1685.

Die Fürsten kamen nicht mehr dazu, denn Karl starb am 26.05.1685.

Philipp Wilhelm erklärte aber unmissverständlich, dass er sich an den Vertrag halten werde und den Calvinismus nicht unterdrücken werde.

Anlässlich der ‚Landes- und Erbhuldigung‘ am 13. Oktober 1685 erklärte er dies feierlich mit dem Zusatz:

Was den Calvinisten recht sei, werde er nun auch seinen Katholiken als billig zugestehen.

Nämlich das Recht einer öffentlichen Ausübung ihrer Konfession.

EXERCITIUM RELIGIONIS CATHOLICAE PUBLICUM, d.h. mit öffentlichem Gottesdienst und Sakramentenspendung, Beerdigung, Taufe, Eheschließung und ebenfalls der öffentlichen Einladung, wie üblich mit Glockengeläut.

Er ordnete an, dass alle Organe dies zu unterstützen und zu gewährleisten haben.

 

Das Exercitium religionis publicum in Alzey

Die Geburtstunde am Heilig Abend des Jahres 1685

Durch den Bericht von Pater Arnold von Dittigheim (Archiv der rheinischen Kapuziner Provinz Koblenz-Ehrenbreitstein) und die Alzeyer Kapuzinerchronik (Diözesanarchiv Mainz) sind wir gut informiert.

Von den 700 Einwohnern Alzeys, waren zwar wenige, aber aktive Bürgerinnen und Bürger katholisch geblieben, oder aber nach 1648 durch die notwendig gewordene Zuwanderung in die zerstörten Lande, als Katholiken zugwandert.

 

Zwei katholische Alzeyer Bürger, der ‚geschorene Prokurator‘ Johann Michael Reutter und der Bürger und Schuhmacher Johann Jakob Heck wurden im Wormser Kapuzinerkloster vorstellig und erbaten sich einen Pater für die Seelsorge in Alzey.

Das Kapuzinerkloster in Worms durfte aber, um der Ausweisung 1648 zu entgehen, nur zehn Mitglieder haben, davon waren zwei sehr alt. Der Fußweg nach Alzey betrug immerhin sechs Stunden.

Die Alzeyer blieben hartnäckig, der Guardian betrachtete die Aufgabe dann als so wichtig, dass in der Morgenfrühe des Heilig Abends 1685 Pater Arnold in Alzey eintraf.

Ein streitbarer Pater, freundlich und durchsetzungsfähig, der seine Rechte aus dem Kurfürstlichen Dekret sehr gut kannte.

Geburt ist mit Geburtswehen verbunden. Die kirchliche und weltliche Obrigkeit zeigte sich nämlich nicht kooperationsbereit.

Man hielt ihn hin. Man hielt sich nicht für zuständig. Man sah keine Möglichkeiten  und und und und.

Pater Arnold macht klipp und klar deutlich was die Anweisung des Kurfürsten ist und dass in kirchlichen Fragen der Mainzer Erzbischof für ihn das sagen hat und nicht der Stadtrat oder der reformierte Inspektor.

Am Heilig Abend fand sich ein kleines Häuschen an der Stadtmauer der Nordstadt.

Hier fand die Christmette satt.

Ungefähr 300 Personen feierten mit – die meisten mussten in der regnerischen Nacht auf der Straße stehen, der Altar war im Hausflur.

Für die Messe am Morgen und am Weihnachtstag fand sich dann ein größeres Haus in der Nordstadt, das einer Katholikin gehörte, ihr Mann war reformiert und Maurer.

Aufgehetzt von anderen entfachte er Streit.

Die Gottesdienste an Stephanus (26.12.) und an Johannestag (28.12.) feierten sie noch dort.

Dann zogen sie in Räumlichkeiten des katholischen Maurers Schloigel, wo das Fest der Unschuldigen Kindern (28.12.) gefeiert wurde.

Inzwischen waren zwei Alzeyer in Heidelberg vorstellig geworden, denn man wollte leerstehende Räume des Schlosses.

Die Anweisung und  Zuweisung kam umgehen. Aber zuvorkommend wiesen die Schloßherren einen vermüllten Raum ohne Fenster zu.

Man packte sofort an, räumte aus und auf und beantragte die Instandsetzung der Fenster, aber ab Januar wurde dort der katholische Gottesdienst feiert.

Die Entrümpelung ist für den Sonntag, den 10. Januar 1686 bezeugt.

Der nächste Antrag an Heidelberg war die Bitte um Zuweisung von Wohnraum für die Kapuziner, so dass sie nicht mehr zwischen Alzey und Worms pendeln mussten.

Am 01. März 1686 wurden nun Räume in einem Gebäude des Burggrafiats angewiesen, das ‚Kleinen Kloster‘ konnte nun sein Leben beginnen.

Pater Arnold wurde unterstützt durch Bruder Chrysantus.

Nun wurde täglich Gottesdienst gefeiert, Christenlehre erteilt, Seelsorge geübt.

An Sonn- und Feiertagen kamen ca. 600 Katholiken zusammen (2017 sind es dann nur noch 200).

Da auf dem reformierten Friedhof katholische Bestattungen untersagt waren, wurde den Katholiken in der Vorstadt eine ehemalige Friedhofsstätte zugwiesen, die 21.09.11686 durch den Provinzial eingesegnet wurde.

Am 28.05.1686 kam die Genehmigung öffentlich Prozessionen zu halten, so dass die Gemeinde nun erstmals wieder das Fronleichnamsfest feiern konnte.

Am 10. Mai 1686 wurde Alzey beim Provinzialkapitel offiziell als ‚Mission‘ eingestuft und Pater Arnold wurde der erste ‚Praese‘ (1686-1687). Sein Nachfolger wurde Pater Felicissimus (1687-1690).

In einem Rechenschaftsbericht zu seinem Abschluss stellt Pater Arnold fest:

Er hatte 18 Konversionen begleitet, 30 Kinder zur Erstkommunion geführt und am 04. Oktober 1686 wurden 379 Personen durch Weihbischof Starck gefirmt.

 

Literatur:

Brück, Anton Philipp: Christliches Leben in Alzey im Mittelalter, in: F.K.Becker, 1750 Jahre Alzey, a.a.O., S. 152-167.

Egler, Anna: Die Spanier in der linksrheinischen Pfalz 162o - 1632: Invasion, Verwaltung, Rekatholisierung. Mainz, 1971 (QAMrhKG XIII).

Egler, Anna: Das Exercitium religionis catholicae publicum in Alzey 1685 – 1687, in: Alzeyer Geschichtsblätter, Heft 21, Alzey, 1986, S. 56-70.

Frey, Johannes: Beginn der Gegenreformation in Alzey, in: Alezeyer Geschichtsblätter, Heft 9, Alzey, 1972, S. 76-81.

Brück, Anton Philipp: Christliches Leben in Alzey im Mittelalter, in: F.K.Becker, 1750 Jahre Alzey, a.a.O., S. 152-167.

Rosendorn, Kurt: Die rheinhessischen Simultankirchen bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts : Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung. Speyer, 1958 (QAMrhKG  III).

Schaab, Meinrad: Geschichte der Kurpfalz, Bd. 2 Neuzeit, Stuttgart Berlin Köln, 1992.

Schaab, Meinrad, Hg.: Territorialstaat und Calvinismus, Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Stuttgart, 1993.

Jürgensmeier, Friedhelm: Das Bistum Mainz: Von der Römerzeit bis zum II. Vatikan.Konzil  / Friedhelm Jürgensmeier. 1.Aufl. Frankfurt a. Main : Knecht, 1988 (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte  Bd.2).

Jürgensmeier, Friedhelm (Hrsg.): Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte, Bd. 3 Neuzeit und Moderne Teil 2, Echter Verlag, Würzburg, 2002.

(Pfarrer Bretz)