10. Sonntag im Jahreskreis

„Verrückt geworden?“

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
So. 6. Juni 2021
Von:
Diakon Schäfer

Liebe Schwestern und Brüder, kennen sie verrückte Leute?

Also ich, wenn ich ehrlich bin…..schon. Ein Verrückter wird uns heute im Evangelium vorgestellt.

Ich liebe solche Stellen in der Bibel – die Stellen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie im Laufe der vielen Übersetzungen und redaktionellen Bearbeitungen der Bibel nicht ganz glattgebügelt worden sind. Es sind die Stellen, bei denen man hängenbleibt, die sich nicht sofort erklären und dadurch auch schnell überhören lassen. Was haben wir gehört:

Als Jesus in einem Haus mit vielen Menschen zusammenkommt und lehrt, machen sich seine Angehörigen auf den Weg dorthin und wollen ihn mit Gewalt zurückholen. „Der ist doch von Sinnen“, sagen sie. Und nicht nur sie erklären Jesus für verrückt, auch die religiösen Führer der damaligen Zeit tun das. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie sagen, er sei vom Teufel besessen. Und nur so könne er Dämonen austreiben und heilen. 1.000 Jahre später wäre er so vielleicht als Hexer beschimpft worden.

Wer verrückt ist, der fällt aus dem Rahmen, der passt nicht in die Vorstellungen der Menschen. Jesus wurde ja auch schon vorgeworfen, dass er ein Fresser und Säufer sei, weil er sich nicht an die asketischen Lebensformen anderer Rabbis hielt. Sein Ruf war bei den Pharisäern angeknackst, weil er sich mit Zöllnern, Prostituierten und Sündern abgab, also sich nicht am Mechanismus der gesellschaftlichen Ausgrenzung beteiligte.

Und Unreine, die berührte er sogar.

Wer von ihnen zuhause schon einmal Möbel verrückt hat, der kann verstehen, was es mit dem Begriff „verrückt“ auf sich hat. Das, was vorher seine Ordnung hatte, ist nun anders. Wer etwas verrückt, kann neue Perspektiven entdecken. Vielleicht lässt sich in einer Ecke etwas wiederfinden, was lange verloren war. Vielleicht entdeckt man auch, dass die Ordnung, die vorher so im Raum herrschte längst langweilig oder unzweckmäßig war, dass man sich einfach nur an diesen Zustand gewöhnt hatte, so als müsste alles immer so sein, wie es schon immer war. Wenn etwas verrückt ist, dann stellt es den sogenannten normalen Zustand schon einmal in Frage.

In diesem Sinne war Jesus sicher so etwas wie verrückt, oder sagen wir besser, hat Maßstäbe und alte Ordnungen verrückt, in andere Zusammenhänge gebracht.

Ich schaue auf die Kirche: Sicher, es kann einen schon verrückt machen, wenn es da Menschen gibt, die ständig neue Ideen haben, die immer wieder aus dem Rahmen fallen, die sich an keine Regeln halten.- die machen einen wirklich verrückt –und die nerven auch oft genug, gerade denn, wenn sie sich selbst zum Maßstab aller dinge machen.

Aber was sind denn eigentlich wir Christen in den Augen vieler anderer Menschen? Sind wir nicht auch ein bisschen verrückt? Da der Begriff „Querdenker“ in aktueller Zeit von allzu vielen Narzissten und Egomanen missbraucht wird, möchte ich ihn für die Christen nicht verwenden. Aber so ein ganz bisschen „nicht von dieser Welt“ dürfen wir schon sein.

Was meine ich damit:

Wo wir hören: „Genieße das Leben!“, sagen wir „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, wo andere sagen: „Dem zahle ich`s heim“, sagen wir „70 x 7 mal sollst Du verzeihen“, wo Menschen meinen, dass „alles ja eh keinen Sinn hat“, hören wir Paulus, der uns sagt, dass wir jederzeit Rechenschaft über unsere Hoffnung ablegen sollen. Und letztendlich: Da, wo alle meinen, mit dem Tod ist alles vorbei, da geht’s bei uns doch erst richtig los! Das ist schon verrückt. Denn das stellt vieles auf den Kopf, was ohne den Glauben gar nicht denkbar wäre.

Manchmal, da sind wir sicher selbst an die Grenzen dessen gebracht, was wir uns noch vorstellen können: demjenigen, der mich auf die eine Wange schlägt, auch noch die andere hinhalten oder gar die zu lieben, die unsere Feinde sind, das klingt sogar in den Ohren vieler von uns Christen noch als zu verrückt, um es umsetzen zu können. Aber es zeigt ja auch, dass wir in Sachen Liebe Jesus von Nazareth immer weit hinterher bleiben werden.

Liebe Schwestern und Brüder:

Wir sind mit dem Pastoralen Prozess in einer Situation, in der Vieles verrückt werden wird: Grenzen zwischen jetzigen Pfarreien werden verrückt, manches, an das wir uns so sehr gewöhnt hatten, wird anders, vielleicht wird hier und da auch mal ein bisschen staub gewischt, der sich im Laufe der Zeit in den Ecken angesammelt hat. Manches wird neu.

Und ich wünsche mir, dass wir das alles als Christen angehen: Menschen, die mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben, weil wir diese Kirche mitgestalten wollen – aber auch Menschen, die nicht immer nur jammern, sondern den Kopf hoch erhoben halten, in den Himmel hinein: mit der Aussicht auf Gottes Heiligen Geist, der all das mit uns trägt und gestaltet. Lasst uns mutige Christen sein, die sich verantwortungsvoll den Aufgaben und Herausforderungen stellen, aber auch anders und verrückt genug um aus vollem Mund zu behaupten: Mit Gottes Hilfe  -  da gelingt das!