12. Sonntag im Jahreskreis

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
So 21. Jun 2020
Martin Weber

„Hauptsache gesund!“

Diesen Satz, liebe Schwestern und Brüder, hört man in diesen Tagen und Wochen noch öfters als zuvor. Hauptsache gesund – ist ja logisch. Ich nicke - und dennoch ist da immer auch ein „Aber“ in mir. Ist das wirklich so?

Zunächst einmal: Wer ist gesund? Wenn man der Definition der Weltgesundheitsorganisation folgt, der zufolge Gesundheit der Zustand des „völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens ist“, dann dürfte sich die Zahl der Gesunden schon erheblich reduzieren. Denn wer kann das von sich behaupten: im völligen Wohlbefinden zu sein?-

Da erscheinen zwei eher pragmatische Einschätzungen von Medizinern realistischer: Gesund sei, wer noch nicht genügend untersucht ist. So die eine Aussage, gewiß nicht ohne ein Augenzwinkern.

Oder, und das gefällt mir sehr gut: Gesund sind der oder diejenigen, die mit ihren Krankheiten einigermaßen glücklich leben können. Diese Aussage hat viel Lebenserfahrung mit sich. Meist sind Menschen, auf die das zutrifft, starke und beeindruckende Persönlichkeiten.

Das ist das eine, wo mir das „Hauptsache gesund“ ein wenig Kopfweh bereitet. Gesundheit gibt es nur in vielen Abstufungen. Nie absolut.

Und das andere: Wie kann ein so zerbrechliches Gut wie die Gesundheit das Höchste von allem, die Hauptsache sein?  Philosophisch und politisch gesehen ist das höchste Gut die Würde des Menschen – so steht es im ersten Satz unseres Grundgesetzes.  Theologisch und religiös gesehen ist unbestritten Gott das höchste, allerhöchste Gut.

Aber vielleicht geht es bei „Hauptsache gesund“ gar nicht um solche grundsätzlichen Erwägungen. Es geht wohl vielmehr um Existentielles. Ich kann noch so klug argumentieren, ich kann noch so gläubig sein, dann bringt es mich doch zum Bibbern, dass nächste Woche eine Darmspiegelung angesagt ist. Oder dass da bei einer Routineuntersuchung ein dunkler Schatten auf der Röntgenaufnahme zu sehen ist.

Dieses Existentielle, auch die Angst, die damit verbunden ist, war in den vergangenen Monaten ein ständiger Begleiter. Jemand, der von seinem Beruf her viel mit Menschen zu tun hat, sagte mir: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie panisch, ja von Todesangst umgetrieben viele meiner Klienten waren.“

Es ist schwierig über solche Themen zu sprechen. Denn natürlich gibt es keinen Gradmesser, welche Angst berechtigt ist und welche nicht.  Da haben auch Christen keinen siebten Sinn. Auch die müssen sich immer wieder mit Angst und existentieller Ungewissheit herumschlagen.

Aber was wir haben:  Eine Zusage, eine Verheißung, ein Versprechen, eine Hoffnung, eine Perspektive, einen Sinn. Einen Gott, der das verbürgt. Von diesem Gott spricht Jesus immer und immer wieder. Auch im heutigen Evangelium: „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht“. In einem alten und schönen Wort nennt man diese Haltung Gottvertrauen. Wo das Gottvertrauen fehlt, nimmt die Angst ungebührlich viel Raum ein. Gottvertrauen ist nicht vertrottelt. Natürlich braucht es die Vernunft, den Verstand. Aber das alles kommt an die Grenze. Und da ist dann ein letztes Vertrauen: Egal, wie es ist, du Gott, wirst alles zum Guten führen.

Johann Sebastian Bach, ein genialer Künstler, aber auch ein Mensch, der in seinem Leben ungeheureres Leid erfahren hat:  Über 10 seiner Kinder sind früh gestorben. – hat das in unsterblicher Weise vertont: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“.

„Hauptsache gesund“ – das wird bei jedem von uns einmal vorbei sein. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Wir werden alle einmal sterben. Unser Glaube an Gott sagt uns: Da, wo biologisch und menschlich dann das Ende ist, da beginnt Gottes Vollendung. In der Auferstehung seines Sohnes hat er unübersehbar gezeigt, dass er stärker ist als der Tod. Das, so der Apostel Paulus, ist die Hauptsache unseres Glaubens. Darauf kommt es an.