13. Sonntag im Jahreskreis (28.Juni)

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Sa 27. Jun 2020
Martin Weber

Der ist ein armes Schwein, die sind arme Schweine,

diese Redewendung rutscht, liebe Schwestern und Brüder,  immer wieder mal heraus, wenn man Menschen bemitleidet. Die in den Flüchtlingslagern; der, bei dem sich Unglück auf Unglück häuft; oder die, die in der Corona Zeit mit vier Leuten in einer Zweizimmerwohnung ohne Garten und Balkon auskommen müssen. „Arme Schweine“.

In diesen Tagen haben wir nicht nur die sprichwörtlichen, sondern die richtigen armen Schweine vor Augen.  Die in den großen Schlachtfabriken zu Millionen getötet und zu Fleisch verarbeitet werden. Nachdem sie vorher in engen Ställen hektisch gemästet und dabei mit allen möglichen Medikamenten  stabilisiert und behandelt wurden. Damit die Discounter immer und überall günstiges Fleisch anbieten können und die Exporte in die ganze Welt laufen. Was hier mit dürren Worten beschrieben ist, kann man sich auf bewegten Bildern anschauen – und der Anteil derer, die nach diesem Anschauen eines seelenlosen Tötens von Tieren auf Fleisch ganz verzichten, steigt danach immer wieder an. Das Elend der Massentierhaltung schreit zum Himmel.  Und ich habe das beklommene Gefühl, dass in unserer Kirche viel zu selten darüber gesprochen wird. Denn selbstverständlich gehören all diese „armen Schweine“ genauso zur Schöpfung Gottes wie wir Menschen.

Dass das ausgerechnet in der Corona Krise und  im Zuge der Masseninfektionen  so deutlich wird, ist kein Zufall.  Ich habe den Eindruck: Corona ist nicht nur ein Virus, sondern beschleunigt auch Prozesse und wirkt – wie mir vor kurzem jemand sagte-  wie eine Lupe: Wir schauen plötzlich genauer hin, obwohl wir das vorher im Grunde schon wussten. Aber jetzt ist das Empfinden: So kann es nicht weiter gehen. Wir dürfen nicht wie „Schweine“ mit den Schweinen, mit der Schöpfung Gottes umgehen. Dabei  geht es mir nicht darum, dass wir alle Vegetarier werden müssten. Mir selbst würde das mehr als schwer fallen. Ich liebe ein gutes Stück Fleisch. Aber wir müssen wieder würdigen und schätzen, dass dieses Stück Fleisch einen Preis hat. Der zunächst  nicht mit Euro, sondern dem Leben eines Tieres bezahlt ist.

Corona wirkt wie eine Lupe, wir schauen genauer hin. Plötzlich sehen wir noch viel mehr „arme Schweine“: Die rumänischen und bulgarischen Leiharbeiter, die unter unmöglichen Bedingungen leben und arbeiten. Auch das wussten wir längst, haben es aber gerne verdrängt. Denn diese Arbeiter sind nicht nur in den Schlachtbetrieben. Die sind in ganz vielen Branchen da und machen die Arbeit, die sonst niemand mehr machen will. Wie die leben, interessiert uns eigentlich gar nicht. Zumindest so lange alles funktioniert. Jetzt aber steht nicht nur ein Unternehmer in der öffentlichen Kritik, sondern wir alle: Als Konsumenten- natürlich. Aber auch als Wegkucker!

Viele alte Menschen in Deutschland werden von osteuropäischen Frauen gepflegt. Ohne diese Menschen würde unser System kollabieren. Viele werden schwarz beschäftigt. Ich finde es immer wieder bewundernswert, was diese Frauen leisten: 24 Stunden sind sie bei alten, oft dementen Menschen. Sie sind zum Teil viele Monate am Stück hier. Mit dem Geld unterstützen sie ihre Familien zu Hause. Von denen sie so lange getrennt sind. Viele der Frauen gehören fast schon zur Familie. Werden gut behandelt und bezahlt. Es gibt aber auch eine Reihe, die weder richtig geschätzt und respektiert, noch anständig behandelt und bezahlt werden.

Ich denke an den Bettler, der lange Monate vor der Cäcilia oder Himmelskron Kirche Geld gesammelt. Stefan war sein Name. Soviel habe ich herausbekommen, ansonsten war sprachbedingt die Kommunikation schwierig.  Am glücklichsten war er, wenn er arbeiten konnte. Ansonsten hat er gebettelt. Um seine Familie zu ernähren. Er zeigte mir Bilder. Bilder der Armut. Oft war er im Gottesdienst. Die Kerze an der Muttergottes hat er immer bezahlt. Einmal wollte ich ihm die Heimfahrt mit dem Bus auslegen. Ich hatte keine Chance: er nahm das Geld nicht an. – Wo Stefan jetzt ist, weiß ich nicht. Ob Corona auch sein Leben durcheinander gewirbelt hat? Er fehlt mir!

Normalerweise beginne ich die Predigt immer mit dem Bezug auf das Evangelium oder eine andere Bibelstelle, die im Lesejahr gerade dran ist. Das habe ich heute nicht getan.  Aber was heißt Evangelium? Übersetzt: Die frohe Botschaft. Die frohe Botschaft, dass Gott uns liebt. Dass er einen liebevollen Blick auf uns „arme Schweine“ hat. Und dass wir diesen Blick auch haben sollen. Hinschauen, wo Menschen oder Tiere, wo die Schöpfung in Not ist. Und es nicht beim Mitleid belassen, sondern handeln. Anteil nehmen, anpacken. Unrecht benennen, wirksam helfen, Wunden verbinden. Und wenn das auch nur wenig erscheint, so ist es vielleicht dieser eine Becher mit frischem Wasser, von dem das heutige Evangelium spricht.