2. Sonntag in der Weihnachtszeit

Die Stufen des Lebens – und die „Hoffnung zu der wir berufen sind" (Epheser 1,3ff)

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
So. 3. Jan. 2021
Von:
Martin Weber

Ich kann mich erinnern, liebe Schwestern und Brüder,  dass wir in der Oberstufe einmal einen Kurzfilm aus Polen angeschaut haben, mit dem Titel „Stufen“.  Wie aus dem Nichts entsteht in diesem Trickfilm ein Mensch. Mühsam richtete er sich auf, setzt sich zögernd in Bewegung – und stolpert auch schon über die erste Stufe. Wie sollte es anders sein. Es kommen immer mehr hinzu. Der Mensch macht sich auf den Weg, die Stufen aufwärts. Allmählich gerät er in Fahrt. Fast spielerisch erklimmt er immer weitere Stufen. Mit der Zeit aber werden seine Bewegungen langsamer; am Ende kriecht er nur noch die steile Treppe hinauf. Mit letzter Kraftanstrengung quält er sich auf die letzte Stufe. Dort bricht er zusammen und wandelt sich selbst in eine neue Stufe. Und am Ende des Films sieht man nur noch ein unendliches Stufenlabyrinth, in dem viele der Stiegen im Nichts enden.

Dieser Film ist in den 70- er Jahren in Polen entstanden. Darin manifestiert sich eine geschickt verpackte Kritik am damaligen „real existierenden Sozialismus“. Der verlangte von den Menschen viel Arbeit und Anstrengung und versprach dafür das Arbeiter – und Bauernparadies. Dabei galt der einzelne Mensch nichts. Das stellt dieser Film dar. Kein Wunder, dass in ihm alles grau in grau gehalten ist. Die Vorstellung eines solchen Lebens deprimiert. Das Ende erst recht.

Stellen wir uns den gleichen Film jetzt einmal bunt vor, in tollen Farben. Die Stufen sind zwar da, aber schön dekoriert. Hinter allen möglichen Stufen warten Belohnungen: Ein Auto, eine Auszeit, ein toller Urlaub. Aber auch hier wird es langsamer mit dem Aufsteigen. Es kommt die letzte Stufe und wieder verwandelt sich der Mensch in eine neue Stufe.-

Das ist kein Bild des „real existierenden Sozialismus“, aber vielleicht eines des Kapitalismus, unseres modernen Lebens? Strampeln, hochsteigen, angezogen sein von den kleinen und großen Belohnungen des Lebens – und irgendwann einmal die Frage: War es das jetzt?

Viele Menschen im damaligen römischen Reich lebten genauso. Das römische Bürgerrecht privilegierte sie. Wichtig war das Vorwärts- und Aufwärtskommen.  Oft konnte man  – auf Kosten vieler anderer: Sklaven, unterdrückte Völker – gut und bequem leben. Mitleid und Barmherzigkeit gehörten nicht zu den römischen Tugenden.

In dieser Welt verkündete der Apostel Paulus eine andere Sicht der Dinge. Im Brief an die Gemeinde in Ephesus – wir haben vorhin einen Ausschnitt gehört – bringt er es auf den Punkt: Nein, wir sind nicht dazu verurteilt, sinnlos Stufen emporzusteigen, um ein sinnloses Ende in einem großen NICHTS zu finden. Im Gegenteil: Gott hat uns vor allem was je existiert hat schon berufen in Gemeinschaft mit ihm zu leben. Der Apostel Paulus ist darüber so froh, dass am Beginn seines Briefes  ein großer Lobgesang steht. Ein Lobgesang auf Gott, der uns von Ewigkeit her liebt. Und es ist Jesus Christus, der uns diese frohe Botschaft in seinen Worten und Werken gebracht hat. Er ist von Gott gekommen, hat aber den mühevollen Stufenweg der Menschen auf sich genommen: von der Krippe bis zum Kreuz! Die oberste Stufe war auch bei ihm der Tod. Aber gerade so tat sich bei dieser Stufe eine Tür auf - zum Leben in göttlicher Fülle.

Was bedeutet das für uns? Nicht, dass uns der mühsame Stufenweg des Lebens erspart bleibt. Aber es ist keine Sackgasse, kein „dead end“, wie es im Englischen heißt.  Wir sind zum Leben berufen- alles steht unter dem Vorzeichen göttlicher Gnade und Liebe.

Diese neue Deutung des Menschseins brach ein in die sinnentleerte Welt der späten Antike. Und ist hineingesagt in unsere Welt, die sich da gar nicht so viel unterscheidet. Diese Botschaft wird nicht immer auf offene Ohren und Herzen treffen. Manche werden sagen: Das sind doch fromme Illusionen. Wir haben durch Wissenschaft uns Logik doch längst alles durchschaut und entlarvt.  Doch davon ließ sich Paulus nicht beirren, davon brauchen auch wir uns nicht zu verunsichern lassen. Gott erleuchte vielmehr die Augen unserer Herzen, damit wir verstehen zu  welcher Hoffnung wir berufen sind. Und von dieser Hoffnung Zeugnis geben.