23. Sonntag imJahreskreis (6. September)

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…….“ Anmerkungen zur Gemeinschaft

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
Di 8. Sep 2020
Von:
Martin Weber

Liebe Schwestern und Brüder,

das dürfte eines der bekanntesten Jesuswörter überhaupt sein. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ Für mich der Anlass, zu zwei oder drei Anmerkungen.

Ein Mensch ist kein Mensch – so lautet ein Rätselwort, das gar nicht so rätselhaft ist. Niemand von uns kann oder will alleine sein. Wir Menschen sind auf Gemeinschaft angelegt. Zwei oder drei sollten es dazu schon sein, meistens ein paar mehr. Gemeinschaft in Familie, im Verein, in meinem näheren Umfeld, in meiner Kirchengemeinde. Denn natürlich gilt auch hier: Ein Christ ist kein Christ.

Wir alle wissen, dass unsere Gemeinschaften in die Krise geraten sind. Es fällt einem auf die Spitze getriebenen Individualismus schwer, „Wir“ zu sagen statt immer nur „Ich“. Eine Gemeinschaft aber fordert etwas von uns. Wer Gemeinschaft möchte muss einen Teil Egoismus abgeben. Das klingt selbstverständlich, aber dazu sind viele Menschen nicht mehr bereit oder willens. Eine Entwicklung hin zu einer Single Gesellschaft und Mentalität. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Auch in unserem Evangelium ist die Rede davon, dass es mit der Gemeinschaft nicht immer so leicht ist. Da wird von dem Fall gesprochen, dass einer oder eine sündigt. Wörtlich übersetzt heißt sündigen: Sich absondern. Auch von den anderen. Auch von der Gemeinschaft. Wie soll man damit umgehen? Der Rat des Evangeliums: Behutsam. Stufenweise. Jeder von uns weiß, wie schwierig es ist, andere auf Fehler hin anzusprechen, Kritik zu äußern. Und wie es umgekehrt schwierig ist, so etwas zu akzeptieren, anzunehmen. Beides ist eine Kunst, die in unseren Gemeinschaften gelernt und eingeübt werden muss: In den Ehen und Familien, in den Vereinen, am Arbeitsplatz, in unseren Kirchengemeinden. Beides fällt leichter, wenn es im Geiste Jesu geschieht. Bei Kritik und Korrektur darf es nicht darum gehen, den anderen kaputt oder klein zu machen, sondern ihm helfen zu wachsen, sich zu entwickeln. Alles andere ist von Übel. So wie es auch von Übel ist, ständig nur unter den Teppich zu kehren,  nicht ehrlich die Meinung zu sagen oder aus Feigheit die Klappe zu halten, wenn man doch sieht, dass etwas in die falsche Richtung geht.

Wo zwei oder drei zusammen sind, wo Gemeinschaft ist, da wird es immer auch Konflikte geben – aber entscheidend wird sein, in welchem Geist sie ausgetragen werden.

Gemeinschaft, eine zweite Anmerkung, schließt Nähe ein.  Geistig und körperlich. Ich erinnere mich an ein Gedicht von Wilhelm Wilms, das ich – und viele andere Prediger – öfters schon zitiert habe: „Wussten Sie schon, dass die Nähe eines Menschen gesund machen kann? Wussten Sie schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt? Wussten Sie das alles schon?“

Diese Frage gewinnt in Corona Zeiten eine ganz neue Aktualität. Distanz scheint doch das Gebot der Stunde. Monatelang haben Großeltern ihre Enkel nicht gesehen. Heute fragt man sich, ob das wirklich so nötig war.  Ich habe inzwischen sehr viele Gespräche geführt mit Angehörigen von kranken oder verstorbenen Menschen, die von ihren Lieben ferngehalten wurden. Ein Mann, der über 60 Jahre lang keine drei Tage von seiner Frau getrennt war, konnte sie – als sie krankheitsbedingt ins Pflegeheim musste - wochenlang nicht besuchen. In seiner Verzweiflung fuhr er mit dem Auto in der Nähe herum, um wenigstens das Gefühl zu haben ihr nah zu sein. Das kann, das darf nicht sein. Und da braucht es auch nicht das Beklagen, da braucht es den Gesetzgeber, der Menschen ihre Grundrechte wieder zurückgibt.

Bei allem Verständnis für Abstand und Sorge um die Gesundheit, frage ich mich, was das alles aus uns macht? Dass wir Mitmenschen nicht mehr als Mitmenschen, sondern – gewiss zugespitzt formuliert - nur noch als potentielle Virenschleudern wahrnehmen.

Ein Beispiel: Aerosole- schon das Wort erzeugt inzwischen Gänsehaut. Erst recht, wenn man dann noch optisch vorgezeigt bekommt, wie viele Aerosole ausgestoßen werden - beim Sprechen oder gar beim Singen. Bei diesen aufgepeppten Bildern frage ich mich aber schon: Wo endet da die Aufklärung en  und wo beginnt die Panikmache? Was dann dazu führt den oder die anderen nur noch als potentielle Bedroher wahrzunehmen.

Bei aller notwendigen Vorsicht in diesen Zeiten gilt immer noch das, was Wilhelm Wilms als Frage formuliert hat: „Wussten Sie schon, dass die Nähe eines Menschen gesund machen kann?“

Ein dritter letzter Gedanke: Das Wort Jesu ist nicht nur vertont, sondern auch gemalt worden. Das Bild von Edith Hemberger steht hier vorne- und Sie haben es, wenn auch leider nicht in Farbe – auf diesem kleinen Zettel – in den Händen.

Drei Personen: Zwei Erwachsene, ein Kind. Wohl eine Familie. Sie berühren sich nicht, aber dennoch sind sie ganz deutlich miteinander in Verbindung. Eine vertraute, fast intime Atmosphäre geht von den Drei aus. Sie scheinen sich einig zu sein. Alle drei breiten auf unterschiedliche Weise ihre Hände aus. Zum Gebet. Zwischen ihnen ist etwas Transparentes, etwas Leichtes gespannt. Was ist das? Etwas, das was auffangen kann. Etwas, das zerreißen würde, wenn einer ginge. Vor allem etwas, das eine Helligkeit in die Mitte zieht. Eine Helligkeit, die das Dunkel teilt. Etwas, das nicht von den drei kommt. Ihnen geschenkt ist. Ihre Gemeinschaft erfüllt, bereichert.  Christliche Gemeinschaft, die sich selbst nicht genügt, sondern Gott Raum gibt.

Immer wenn Menschen aus dem Glauben heraus mit anderen zusammen kommen. Die sprichwörtlichen zwei oder drei. Aber auch in vielen anderen Konstellationen, da verheißt uns Jesus, dass Er mit seiner Liebe und Güte, mit seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit,  mit seinem Geist und seiner Kraft unter uns sein will. So auch jetzt- in dieser Stunde. Ein letztes Mal dürfen wir das – und jetzt gemeinsam besingen –