24. Sonntag im Jahreskreis (13. September)

Ich und die christliche Gemeinde: Ein Ort der Vergebung?

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
So 13. Sep 2020
Von:
Martin Weber

Theoretisch wissen wir das ja alles, liebe Schwestern und Brüder, dass wir vergeben sollen. Nicht nur sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal, also unbegrenzt. Theoretisch wissen wir das, haben es oft genug gehört. Aber grau ist alle Theorie- und in der Praxis sieht es ganz anders aus. Da fällt uns das Verzeihen und Vergeben verdammt schwer.

Und meistens ist das mit drei Warum- Fragen verbunden:

  1. Warum gerade ich? Die andern machen`s doch auch nicht.
  2. Warum soll ich mich ausnützen lassen? Was habe ich davon außer  Nachteilen? Oder dass ich wieder mal als Weichei dastehe.
  3. Und schließlich: Warum soll ich schon wieder den ersten Schritt machen? Hab ich oft genug schon gemacht.

Da ist es gut, andere Sichtweisen einzuüben.  Genau dazu ermutigt uns Jesus in seinen Gleichnissen. Und meistens hält er uns einen Spiegel vor. Damit wir uns verändern, einmal anders auf etwas hinschauen. Und  da erscheint das  Verzeihen und Vergeben in einem anderen Licht. Da sehe ich plötzlich:

  1. Viele Menschen ertragen mich, mit meinen Eigenarten, mit meinen Fehlern und auch,  wenn ich sie immer wieder enttäusche. Bin ich ihnen das nicht auch schuldig?!
  2. Das ständige Kontrollieren und Nachrechnen, ob das Vergeben etwas bringt; das ständige Nachprüfen nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir“ bringt mich eigentlich gar nicht weiter, macht mich unfrei und nimmt mir jede Lockerheit und Spontaneität.
  3. Und schließlich drittens: Ist es nicht Gott selbst, der den ersten Schritt auf mich zu macht? Geht nicht Jesus immer wieder auf die Sünder zu und schenkt einen neuen Anfang? Sollte mir das nicht ein Ansporn sein, das auch zu tun?

 

Liebe Mitchristen,

was für mich gilt, das gilt auch für die christliche Gemeinde als Ganze. Auch da soll der Geist der Vergebung lebendig sein. Paulus sagt: Niemand von uns lebt sich selber. Niemand stirbt sich selber. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Aber bei all dem soll deutlich werden, dass wir dem Herrn gehören. Dieser Herr ist Christus und Er ist auch der Herr seiner Kirche.

Wir nehmen, wenn wir in ein Gotteshaus hineingehen – heute muss ich sagen, normalerweise: Weihwasser. Dieses Zeichen sagt uns: Durch die Taufe gehöre ich zu Christus und seiner Kirche. Das muss sich aber auch in der Art und Weise zeigen, wie wir in der Kirche miteinander leben und umgehen. Vergeben und Verzeihen darf nicht nur gepredigt werden, sondern muss immer wieder gelebt werden. Auch in der Kirche, auch innerhalb unserer Gemeinden. Das heißt nicht, dass man zuweilen auch miteinander streitet. Wenn es um die Sache geht, wenn es um den Glauben geht. Aber immer so, dass man den anderen respektiert, ihm nicht automatisch böse Absichten unterstellt und nie das Tischtuch ganz zerschneidet. 

Diesen Geist werden wir auch auf dem pastoralen Weg brauchen, auf dem wir als Kirche von Mainz sind. Dass größere Einheiten entstehen werden,birgt viele Chancen in sich – und deshalb können wir diesen Weg mit Hoffnung gehen. Es wird aber auch so manches schwer Verdauliche geben. Insbesondere wenn es ans Eingemachte geht: Geld, Gottesdienstzeiten, Pfarrbüros.  Dann gibt es ganz gewiss Vorwürfe, Enttäuschungen, vielleicht sogar Verwerfungen- mit anderen Worten: Ein reiches Arbeitsfeld für den Geist der Vergebung, der in der Gemeinschaft Jesu so wichtig ist.

Hoffentlich bleiben die Worte Jesu vom Vergeben und Verzeihen nicht graue Theorie. Hoffentlich entfachen sie in einem jeden von uns und in der Gemeinschaft der Kirche ihre verwandelnde Kraft.  Amen