4. Sonntag der Osterzeit

Der Gute Hirte und andere gute Hirten

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
Di. 27. Apr. 2021
Von:
Martin Weber

Eine Familie in Anatolien hatte viele Kinder und noch viel mehr Schafe. Eines der Kinder hatte ein Lieblingsschaf. Die beiden freundeten sich regelrecht an. Wenn der Kleine von der Schule kam, rief er – und schon war „sein“ Schaf zur Stelle. Eines Tages aber nicht. Der Vater hatte eine große Anzahl von Schafen zum Schlachthof gebracht – auch das Lieblingsschaf seines Sohnes. Der aber bestürmte ihn so lange, bis die beiden dorthin fuhren. Der Besitzer des Schlachthofes lächelte nur mitleidig. Schau – so viele Schafe. Hunderte, vielleicht sogar über tausend. Wie willst du dein Schaf finden? Der Junge aber rief – immer wieder. Und siehe da: Das Schaf hörte auf seine Stimme. Überglücklich nahm er es wieder mit nach Hause.

Jahre später; er studierte schon in einer großen Stadt, hörte er zufällig das Evangelium vom guten Hirten. Es berührte ihn tief und ließ ihm keine Ruhe. Er wollte diesen guten Hirten kennenlernen. Ein Jahr später wurde er getauft.

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Geschichte, die ich vor kurzem gehört habe, illustriert sehr schön das heutige Evangelium: Jesus Christus als der gute Hirte. Das ist ein Bild, das uns sehr vertraut ist. Dieser gute Hirte kennt seine Schafe, geht jedem Einzelnen nach, ja gibt sogar sein Leben hin für die Schafe. Was für ein wunderbares Bild! Eines das man intuitiv versteht – auch in einer Welt, die so ganz anders als die vor 2000 Jahren.

Die Kirche feiert heute den Sonntag des Guten Hirten. Eigentlich tut sie das an jedem Sonntag. Immer ist Christus, der gute Hirte, die Mitte von allem. Sein Evangelium ist uns eine frohe, Mut machende Botschaft. Sein Tod und seine Auferstehung werden gegenwärtig in der Eucharistie.

Heute aber ist der Akzent, dass die Kirche auf der ganzen Welt um gute Hirten, besonders um Priesterberufungen, betet. Die Priester sollten wie gute Hirten für die Gläubigen da sein. Mit ihnen leben, um ihre Sorgen und Nöte, ihre Freuden und Hoffnungen wissen. Ihnen die Sakramente spenden. Mit und für sie heilige Messe feiern- Den Weg des Lebens und Glaubens gemeinsam gehen.

Jahrhundertelang hat das alles gut gepasst. Es gab überschaubare, gewachsene Gemeinden – und ihnen waren die Pfarrer zugeordnet. Hier die Hirten und dort die ihnen anvertraute Herde.

Im Grunde bin auch ich so Priester geworden. Ich bin jemand, zumindest schätze ich mich so ein, der mit und für die Menschen in der Gemeinde da sein will. Der direkte Kontakt ist mir wichtig. Am Krankenbett, bei Geburtstagsbesuchen, bei Tauf- Trau – und Trauergesprächen. Mich interessiert es, wie Leute miteinander verwandt sind und zusammengehören. Ich feiere gerne Gottesdienste. Ich gehe in die Schule oder versuche Kommunionkindern zu erklären, warum das so und das so ist. Ich freue mich darüber, wenn jemand sagt: Dieses Wort von Ihnen oder diese Ansprache hat mir gutgetan, hat mir geholfen. Natürlich weiß ich aber auch, dass nicht alles gut läuft. Manche Menschen verliert man aus den Augen – und leider Gottes auch aus dem Sinn. Manche stößt man ärgerlich oder ungeduldig vor den Kopf. Man kann nicht allen gerecht werden.

Wie gesagt: Jahrhundertelang hat das gut gepasst– mehr oder weniger. Nun aber passt es definitiv nicht mehr. Die Zahl der Priester ist rapide zurückgegangen. Kaum ein Priester kann seine Schäfchen überhaupt noch kennen. Und das Bild selbst hat gelitten: Im Zuge der Missbrauchsdebatte ist ein ganzer Berufsstand unter Generalverdacht geraten. Dazu kommt: Unsere Welt ist in einem radikalen Wandel. Und damit auch unsere Kirche. Viele fragen, ob diese Kirche überhaupt noch Zukunft hat. Die Kirchenaustritte sind, auch bei uns, massiv. Junge Leute, die in den Beruf kommen- und zum ersten Mal Kirchensteuer abgezogen bekommen, treten oft ganz selbstverständlich aus. Aber auch Leute, von denen man es nicht erwartet hätte. Die Zahl der Taufen und Trauungen nehmen stark ab. Und Corona wird, da können wir uns sicher sein, all diese Prozesse beschleunigen.

In unserem Bistum Mainz sind wir auf dem sog. Pastoralen Weg. Gemeinden werden zusammengelegt. Vermutlich werden aus dem ganzen Dekanat Rodgau zwei Pfarreien entstehen.

Ein leitender Pfarrer wird dieser Großgemeinde vorstehen. Er soll immer noch Hirte sein. Aber seine Schafe kennt er wohl kaum mehr. Sein Selbstverständnis und die Art und Weise, wie er Pfarrer ist wird sich wandeln. Ehrlich gesagt: Wenn ich daran denke, wird mir mulmig zumute. Wie soll das alles gehen? Wie kann das gelingen.

In dieser kirchlichen Großwetterlage gibt zwei Antwortversuche, die gegensätzlich sind und recht holzschnittartig so beschrieben werden können.

  • Wir ziehen uns zurück auf die kleine Herde und ignorieren die böse Welt. Wir sind eine Gemeinde der Reinen und Rechtgläubigen. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Dahinter ist oft auch die apokalyotische Vorstellung: Gott wird bald für Ordnung sorgen.
  • Die andere Antwort: Wir müssen alles vom Kopf auf die Füße stellen. Modernisierung ist angesagt. Dogmen, die man nicht versteht: Weg damit! Moralvorstellungen, die unbequem sind: Weg damit. Die Kirche muss demokratisiert werden. Priester sollen heiraten, Frauen Priester werden können. Ich habe den Eindruck, manche Verfechter des sog, Synodalen Weges haben genau diese Agenda.

Während also die ersteren sagen: Nichts darf sich ändern, behaupten die zweiten: Alles muss sich ändern.

Ich meine: Vieles wird sich ändern. Nicht der Glaube, noch nicht einmal zuerst die Strukturen. Etwas viel Entscheidenderes: Wir alle und wie wir unseren Glauben leben und verstehen, muss sich ändern. Wir müssen zu missionarischen Gemeinden werden. Wo wir das nicht schaffen, werden wir sterben, untergehen. Gemeinden, die nicht wachsen wollen; die keine Kraft und keinen Willen haben nach außen zu wirken, die nur versorgt werden wollen, die nur Nabelschau nach innen betreiben, die werden nicht überleben. Wir stehen, da bin ich mir sehr sicher, vor einem großen Veränderungsprozess.

Ein kanadischer Priester, James Mallon, hat das schon vor vielen Jahren erkannt. Mit seinen Gemeinden ist er auf dem Weg der Veränderung gegangen. Damit ist er beispielhaft für Katholiken auf der ganzen Welt geworden. Drei Punkte sind für ihn entscheidend:

  • Gott und seinen heiligen Geist wieder in den Mittelpunkt stellen. Das ist das Erste und Grundlegende. Manchmal hat man ja in all den Debatten den Eindruck, dass Gott überhaupt keine Rolle mehr spielt.
  • Das zweite ist die Evangelisation: Der Glaube darf kein Rucksack sein, den ich mühsam mitschleppe. Sondern eine Kraft zum Leben. Deshalb muss ich ihn zu einem Teil von mir machen. Dabei helfen Glaubenskurse, etwa die Alphakurse, die es auch bei uns zunehmend gibt.

Evangelisation fängt immer bei mir an bedeutet Bekehrung. Eine Buße und Bekehrung aber, die zum Leben führt.

  • Und das dritte ist „leadership“: Ich übernehme Verantwortung für den Glauben und die Gemeinde. Ich bin sozusagen selbst ein guter Hirte nach dem Bild Jesu. Eltern, die ihre Kinder im Glauben erziehen, sind gute Hirten. Menschen, die vom Glauben Zeugnis geben, sind gute Hirten für andere. Christen, die für andere beten, sind gute Hirten.
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Liebe Schwestern und Brüder,

die Kirche von morgen wird weiter Priester brauchen, wird sie dringend brauchen. Die uns zur Eucharistie versammeln, die Sakramente spenden, die Gemeinden zusammenführen und leiten, die andere inspirieren. Es gibt keine katholische Kirche ohne diesen spezifischen und unersetzlichen Hirtendienst der Priester Aber leben, lebendig sein und wachsen wird diese Kirche nur, wenn unzählige andere „gute Hirten“ dazu kommen. Sie werden diese Kirche wieder aufbauen, wo es notwendig ist erneuern und reinigen- und mit Gottes Hilfe in einem neuen Licht erstrahlen lassen.