6. Sonntag in der Osterzeit

Orientierung und Hoffnung

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Sa 16. Mai 2020
Martin Weber

Der oder die, so sagen wir manchmal, müssen eingenordet werden.

Eingenordet werden – ursprünglich, liebe Schwestern und Brüder - hat das mit Kompass und Kartenlesen zu tun. Hier aber meint es, jemanden auf die richtige Spur zu bringen, eine Orientierung zu geben. Das braucht es oft. Und erst wenn sich jemand orientiert hat, kann er vieles um sich herum besser einordnen. Ansonsten sieht er den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich habe den Eindruck, dass es auch dem Evangelisten Johannes darum geht: uns einzunorden, uns Orientierung zu geben. Deshalb arbeitet er viel mit Gegensätzen. Schon im ersten Kapitel, im Prolog spricht er von dem Licht, das in die Dunkelheit gekommen ist. Im Mittelpunkt seiner Verkündigung steht der ewige Sohn des Vaters, der von oben kommt, nicht von unten. Deutlich grenzt er die Welt als das Widergöttliche, von Gott und seinem Reich ab. Und im heute gehörten Evangelium stehen sich Wahrheit und Lüge gegenüber. Für Johannes spielt sich das Leben in dieser Spannung zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Gott und Welt ab. Manchmal nennt man diese Gegensätze und diese Weltsicht „Dualismus“ und ist geneigt, das sehr kritisch zu sehen. Doch zunächst einmal lohnt es sich das Gute einer solchen Betrachtungsweise vor Augen zu stellen. Es hilft uns, uns in dieser Welt zu orientieren, zurechtzufinden.

  • Für das praktische Leben ist es wichtig, dass ich ein Gewissen nicht nur habe, sondern es auch bilde. Die Maßgabe des Gewissens ist zunächst einmal dualistisch: Das Gute tun und das Böse meiden. Wer diese Ausrichtung, aus welchem Grund auch immer, nicht hat, wird keine Richtung im Leben finden.

  • Für das Denken: Logisches Denken braucht den Dualismus. Eine Aussage kann nicht in der gleichen Hinsicht wahr oder unwahr sein. Hier gilt nur hopp oder top, schwarz oder weiß. Ein Drittes hilft nicht. So simpel das klingt, das ist ein Grundgesetz der Logik.

  • Für unsere Emotionen und unsere Psyche brauchen wir diese Gegensätze immer wieder zur Veranschaulichung. So ähnlich, wie es vor dem Altar dargestellt ist: Die Trauer in der dunklen Farbe, die Freude in den verschiedenen hellen Farben und Symbolen. Das ist die Spannbreite unseres Lebens.

Jetzt aber kommt das ABER: So wichtig es ist, eine grundsätzliche ORIENTIERUNG zu haben  - so notwendig ist es aber, das in das alltägliche Leben zu übersetzen. So ist es notwendig ein Gewissen zu haben, das mich orientiert. Aber ich muss dieses Gewissen auch bilden und an vielen kleinen Entscheidungen erproben. So wichtig es ist, logisch zu denken. Aber manchmal - und je mehr wir wissen und immer mehr - merken wir, dass die Welt und der Kosmos so komplex sind, dass klassische Logik allein nicht reicht, um auch nur annähernd zu begreifen. Und auch in meiner Psyche höre ich die vielen Zwischentöne und – Stimmungen zwischen großer Trauer und erfüllender Freude.

Dieses Verbindende findet sich aber auch im Johannesevangelium. Und es ist nichts und niemand anderes als Jesus Christus selbst. Bei aller Entgegensetzung, wenn man so will, bei allem Dualismus: Er ist der, der Gott und Mensch in seiner Person verbindet. In ihm hat Gott Fleisch angenommen. Ist Gott ein „Stück Welt“ geworden. Deshalb kann nach christlichem Verständnis die Welt gar nicht gott- los sein. Johannes schreibt das in seinem Evangelium auch ausdrücklich: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht,sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16)

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist wichtig eine Orientierung zu haben. Dazu gibt uns das Johannesevangelium so manches an die Hand. Dann aber ist es wichtig, in dieser Welt als Christ zu leben. Das ist das Thema des ersten Petrusbriefes, den wir seit einigen Sonntagen als Lesungstext hören. Dieser Brief ist vermutlich um das Jahr 90 geschrieben worden. Das Christentum hat sich ausgebreitet, die Grenzen des Judentums schon lange überschritten. Die Fragestellung ist: Wie soll man der Welt und den Menschen begegnen? Der Verfasser des Briefes gibt einen guten Ratschlag: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“

Hand auf`s Herz: Was würden Sie darauf antworten? Wenn man Sie jetzt- oder draußen fragen würde: Was gibt Ihnen Hoffnung? Was bedeutet ihnen der Glaube? Auch und gerade in dieser schwierigen Zeit? Gar nicht so leicht, das in Worte zu fassen.

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat den Ratschlag des Petrusbriefes bei einer Jugendwallfahrt einmal so übersetzt: Sag ́s einfach. Aber in einer doppelten Bedeutung:

  • Sag ́s einfach: Das heißt: Sag, was du von deinem Christsein verstanden hast. In einfachen Worten. So dass andere eine Chance haben es zu verstehen. Ich bin mir sicher: jeder von Ihnen könnte etwas erzählen und berichten, was ihn am Glauben fasziniert, was ihm Trost oder Zuversicht gibt. – Und das andere:

  • Sag`s einfach: Hab Mut, den Mund aufzumachen, Farbe zu bekennen.

    Für den Verfasser des 1. Petrusbriefes hat die Hoffnung einen Namen: Jesus Christus selber, der Gekreuzigte und Auferstandene. Er ist der einzige Halt in dem Fluss der Zeit, in dem Auf und Ab des Lebens, des Denkens, der Gefühle. Sich an ihm festmachen gibt Hoffnung. Und ermuntert zu einem Leben, das dieser Hoffnung entspricht.

"Ich werde euch nicht allein lassen."

5 Bilder