7. Sonntag in der Osterzeit

Wenn die Welt aus den Fugen gerät

Die betende Urgemeinde (c) Oliver Schäfer PG Heusenstamm
Die betende Urgemeinde
Sa 23. Mai 2020
Oliver Schäfer

Wie steht es mit Ihnen in dieser Zeit, in der die Einschränkungen in unserem Land langsam gelockert werden – gehören Sie zu den Vorsichtigen, oder sogar Ängstlichen, denen das alles viel zu schnell geht? Wenn unsere Welt aus den Fugen gerät, dann ist ja Angst durchaus ein verständliches und auch nützliches Befinden, das uns zur Vorsicht warnt. Oder gehören Sie eher zu denen, denen die Lockerungen gar nicht schnell genug gehen können, die all die Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben halten und am Liebsten wieder ganz schnell zur Tagesordnung übergehen würden. Vielleicht steckt aber auch ein bisschen von beiden Einstellungen in jedem von uns.

Extremsituationen – Krisen führen oft auch zu extremen Reaktionen. Wir können Beispiele extremer Zuwendung und Hilfsbereitschaft von Menschen sehen, die sich für andere bis zum Letzten einsetzen. Aber man sieht auch extreme Formen von Egoismus, von Selbstbezogenheit und Rücksichtslosigkeit, wenn sich Menschen nicht an Regeln halten, die dafür da sind, alle zu schützen. Große Not lässt zusammenrücken, sie kann aber auch dazu führen, dass Menschen nur noch sich selbst der Nächste sind.

Kurzum: Wie reagieren wir auf etwas, das unsere Welt auf den Kopf stellt: durch Flucht, Resignation, Leugnen, Egoismus, bis hin zu Verschwörungstheorien, oder Solidarität, Opferbereitschaft, Rücksicht?

Eine sehr extreme Situation, eine schwere Krise hatten auch die Jünger Jesu zu bestehen.

Vor gerade mal gut 6 Wochen hatten sie die Katastrophe der Kreuzigung Jesu, auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt hatten, erlebt. Sie hatten das Gerücht von seiner Auferstehung gehört, waren ihm teilweise selbst begegnet oder hatten von seinem Erscheinen gehört, hatten wieder Hoffnung erschöpft. Und dann hatten sie ihn wieder verloren, als er, wie wir an Christi Himmelfahrt gefeiert haben, von Gott in den Himmel aufgenommen wurde. Dieser Wechsel von Hoffnung, Katastrophe, erneuter Hoffnung und dem wieder Loslassen müssen – all diese Ereignisse hatten die Welt der Jünger sicher auch auf den Kopf gestellt. Und was tun sie?

In der Apostelgeschichte haben wir gehört, dass sie Jesus trotz seiner Aufnahme in den Himmel eben nicht ganz verloren hatten. Sie hatten ihn vielleicht aus den Augen verloren, nicht aber aus ihrem Leben. Sie hatten nicht vergessen, was er ihnen zugesagt und versprochen hatte: „Ich lasse Euch nicht allein zurück wie Waisen, ich sende Euch meinen Beistand, den Heiligen Geist.“ Und auf den warten sie nun: Der enge Jüngerkreis, der Kreis der Frauen und Männer, die ihm folgten und Maria und seine Brüder, wie wir hörten.

Unsere Szene, die wir hier gestellt haben, veranschaulicht das sehr schön.

Der heutige Sonntag befindet sich zwischen den beiden Festen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Und er zeigt sozusagen die Zwischensituation der Jünger wieder, in der sie sich befinden: Da ist die Vergangenheit mit dem, was sie mit Jesus erlebt haben, auf der einen Seite. Mit dieser Vergangenheit setzen sie sich intensiv auseinander, es ist ein Erinnern, ein Verinnerlichen der Worte und Taten Jesu. Nicht umsonst hören wir ja in der Lesung, dass sie vom Ölberg, an dem sie Jesus aus ihrer Mitte in die Hände der Soldaten geben mussten nach Jerusalem in das Obergemach hinaufgingen. Und dieses Obergemach erinnert ja auch stark an den Ort, den die Jünger für das letzte Mahl Jesu hergerichtet hatten. Ja, sie leben aus dieser Erinnerung, zu der das Versprechen Jesu gehört, dass er sie nicht alleine lässt. Also leben sie neben der Erinnerung gleichzeitig aus der Hoffnung, nämlich auf das, was sich an Pfingsten ereignet. Diese Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten, das ist, so würde ich sagen, die Zeit, an das Versrechen Jesu zu glauben, die Zeit, ihm zu glauben und auf den Geist zu vertrauen. Für die Jünger war es damals sicher keine leichte Zeit, um am Vertrauen auf das, was Jesus gesagt hatte, festzuhalten, so wie auch unser Vertrauen auf ihn in einer Zeit wie dieser, in der wir gegen ein Virus, aber auch gegen eigene Ängste oder Ansprüche zu kämpfen haben, in Gefahr sein kann.

Und die Jünger beten in dieser Zeit, sie bilden eine Gemeinschaft, Männer und Frauen in der Hoffnung vereint, die auf dem Versprechen Jesu gründet: „Ich bleibe bei Euch, alle Tage, bis ans Ende“.

Auch wir dürfen in dieser Zeit, in der uns die Hände für viele konkreten Taten gebunden sind, auf die tragende Kraft des Gebets vertrauen, wie es viele Menschen gerade in Zeiten großer Not schon getragen hat. Wir haben das Versprechen, dass Gott, das Christus, uns liebt. Und das gilt doch erst Recht in Zeiten wie der unsrigen. Und er will diesen Geist der Liebe, der Kraft, des Trostes und der Ermutigung sicher auch mitten in unsere Angst hineinsenden.

Extreme Zeiten, so habe ich am Anfang gesagt, rufen oft extreme Verhaltensweisen hervor.

Christen sind keine Menschen, die sich irgendeinem extremen Lager zurechnen sollten, außer vielleicht dem der extrem Hoffenden und der bis aufs Äußerste Liebenden. Dann würden Glaube, Hoffnung und Liebe uns tragen, auch wenn uns um uns herum vieles aus den Fugen geraten ist. Im 1. Johannesbrief heißt es hierzu: „Furcht gibt es in der Liebe nicht. Sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“ ( 1 Joh 4,18)

Die betende Urgemeinde

So 24. Mai 2020
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