„Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde ...“

KB-Kommentar (c) PG Heusenstamm
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Datum:
Do. 18. Nov. 2021
Von:
Norbert Holzamer

An einer prominenten Stelle der Messfeier, direkt nach dem Vater Unser beten wir darum, dass Gott uns vor dem Bösen, vor „Verwirrung und Sünde“ bewahrt. Insbesondere das erste Wort finde ich bemerkenswert: Verwirrung. Es hat für mich zwei Komponenten. Eine objektive: Verwirrung im Sinne von Durcheinander, Unklarheit, Orientierungslosigkeit, dem Fehlen klarer Maßstäbe. Und eine eher psychologische Komponente: Verwirrung als Aufregung, Bestürzung, Fassungslosigkeit.

Die so beschriebene Verwirrung scheint mir ein Signum unserer Zeit zu sein. Wir leben in einer aufgeregten Zeit. Ganz schnell sind Menschen empört, beleidigt, auf 180. Kleinste Dinge bringen sie in Aufregung oder machen ihre Traurigkeit bodenlos. Gleichzeitig werden grundlegende Fragen nicht mehr gestellt, geschweige denn beantwortet: Wie wollen wir leben? Ist es sinnvoll Kinder zu haben, Familie zu gründen? Was ist uns als Gesellschaft wichtig? Welchen Stellenwert hat der Glaube an Gott? Sind wir bereit ein Teil unseres Egoismus und Individualismus zugunsten der Gemeinschaft abzugeben? Und vieles mehr.

Stattdessen machen sich allerorts Ersatzreligionen breit. Und sie beanspruchen den ganzen Menschen. Mit welcher Inbrunst diskutieren manche über das Essen und definieren sich regelrecht darüber. Alle möglichen „Glaubensgemeinschaften“ haben sich da schon gebildet.

Nicht nur eine klimagerechte Umweltpolitik stehtauf der Agenda, sondern für viele nicht weniger als die „Rettung der Welt“. So wichtig ich dieses Thema und die entsprechenden Bemühungen erachte, so sehr irritiert mich der pseudoreligiöse Ton der Apokalypse bei einem Teil der Klimaaktivisten.

Wahren Fanatismus und unguten Glaubenseifer nehme ich bei nicht wenigen wahr, die uns seit neustem „die Welt erklären“. Zum Beispiel, dass das Geschlecht nur eine Konstruktion ist, das ich frei wählen und gestalten kann. Dass es egal ist, ob Kinder Väter und Mütter haben. Oder die dekretieren, dass bestimmte Menschen zu bestimmten Themen gar nichts sagen dürfen, weil die Welt sauber aufgeteilt ist in Opfer und Täter, in Verbündete und Täter. Die, die an diesen Prämissen auch nur Anfragen haben, verdienen nichts Anderes als die „Exkommunikation“.

Verwirrung hat viel damit zu tun, dass Maßstäbe fehlen. Religiös gesprochen, dass „der“ Maßstab fehlt: Der lebendige Gott. Wolfgang Weimer hat ein bemerkenswertes Büchlein geschrieben. Er prognostiziert, dass das 21. Jahrhundert ein Zeitalter der Religion wird: „Gott kehrt zurück. Nicht nur als philosophische Kategorie, revitalisierte Tradition, theologische Überzeugung oder spirituelle Kraft. Er kommt mitten hinein ins wahre Leben“. Wo aber Gott ist, ist Klarheit und Wahrheit und gerade keine Verwirrung.