Christi Himmelfahrt

Wohin schauen wir? Neben uns und nach vorne, in uns und zum Himmel.

- (c) PG Heusenstamm
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Mi 20. Mai 2020
Martin Weber

Liebe Schwestern und Brüder,

ganz bestimmt kennen Sie Heinrich Hoffmann?

- Wie, Sie wissen nicht wer das ist? Ein dicker Hund. - Und wenn ich Ihnen sage: Das ist der, der den Struwwelpeter geschrieben hat und den Zappelphilipp und den Suppenkasper…… Dann werden die meisten nicken. Die Jüngeren aber möglicherweise nicht. Denn spätestens seit den 70-er Jahren war das Buch nicht mehr gut gelitten. Der Struwwelpeter und die vielen anderen Erzählungen galten als Angstmacherei und wurden unter der Rubrik „Schwarze Pädagogik“ entsorgt. Dabei dürfte das ganz und gar nicht die Absicht von Heinrich Hoffmann gewesen sein. Er, der gebürtige Frankfurter, der im vorletzten Jahrhundert in Frankfurt gelebt hat, war politisch liberal und als Nervenarzt und Psychiater ein Menschenfreund. Als es noch ganz normal war, geistig behinderte oder psychisch kranke Menschen wegzusperren, setze er sich dafür ein sie in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Vielleicht habe ich Ihnen jetzt Appetit gemacht, bald einmal das Struwwelpeter Museum in Frankfurt zu besuchen.

Aber eigentlich habe ich mich bei der Vorbereitung der Predigt doch an eine weitere Geschichte Hoffmanns erinnert, die so beginnt:

„Wenn der Hans zur Schule ging/ stets sein Blick am Himmel hing. Nach den Dächern, Wolken, Schwalben/ schaut er aufwärts allenthalben. Vor die eignen Füße nicht/ ja, da sah der Bursche nicht. Also dass ein jeder ruft/ Seht den Hans- guck – in-die Luft.“

Manchmal wirft man das uns Christen vor. Ihr seid doch „Hans guck in die Luft“ Menschen. Ihr seht die Realitäten nicht, das, was vor euch ist. Und dieser Vorwurf kann sich sogar auf die Apostelgeschichte berufen. Da sind die Jünger, die, als Jesus, wie es wörtlich heißt„emporgehoben wurde“, unverwandt zum Himmel starren. So sehr, dass „zwei Männer in weißen Gewändern“, ein Synonym für Engel, Gottesboten, sie in die Realität zurückholen:

„Was starrt ihr zum Himmel?“ Mit anderen Worten: Schon da eine deutliche Warnung, keine „Hans guck in die Luft“ Christen zu sein.

Für mich heißt das: Der fromme Blick zum Himmel hilft nichts, wenn er die Erde vergisst. Die Menschen, die Aufgaben die hier auf mich warten. Ein Glaube ohne Werke, ohne glaubwürdiges Leben. Ein Glaube, bei dem man nicht mehr merkt, dass er immer auch eine Hilfe zum Leben sein muss.

Ich denke Christen sollten sich durch folgende Blickrichtungen auszeichnen:

  • Um mich herum und nach vorne. Ich lebe in dieser wunderschönen Welt. Sie ist mir geschenkt, aber auch anvertraut. Ich bin berufen, sie zu gestalten. Nicht allein, sondern mit anderen Menschen. Diesen Menschen liebend zu begegnen ist das, was Jesus uns aufträgt. Deshalb darf ich andere nicht einfach aus den Augen verlieren, soll ihnen auf Augenhöhe begegnen, ein Blick für ihre Sorgen und Nöte haben. Das klingt so allgemein, fast schon banal. Konkret wird es, wenn wir das in unser Tun umsetzen. Wenn wir versuchen, so zu leben. Dann wären wir wirklich Zeugen Jesu Christi! In der Kraft des Heiligen Geistes, den er uns verheißen hat. Und dann hat der christliche Glaube auch Zukunft. Und brauchen nicht nostalgisch zurück- sondern zuversichtlich nach vorne schauen. Manchmal ist da viel Verzagtheit spürbar. Oder auch Angst: Wie geht es mit dem Glauben weiter? Da ist unser Zeugnis gefragt und wir als Zeugen: Liebend neben sich und mutig nach vorne schauen.
  • Dann aber auch: nach innen schauen. Was ich da entdecken kann? Mich? Was soll das sein: mein ICH? Manche Hirnforscher sagen: Eine Illusion. Da wird uns von unseren Neuronen was vorgespielt. Darüber kann man trefflich streiten. Oder spotten, etwa mit Karl Valentin: „Heute wollte ich mich besuchen, aber keiner war zu Hause.“ So unrecht hat der Valentin gar nicht. Oft sind wir tatsächlich „außer uns“. Nach innen schauen bedeutet auf jeden Fall, tiefer schauen. Und in der tiefsten Tiefe und im Innersten des Inneren da begegnet uns ein Größerer: Gott. Angelus Silesius, der Mystiker, schreibt: „Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du ihn anderswo- du verfehlst ihn für und für“.
  • Und als Drittes: Zum Himmel schauen – aber ohne damit zum „Christ- guck-in-die-Luft“ zu werden“. Der Himmel aber ist nicht der physikalische Himmel, so schön und faszinierend er sein kann. Der Himmel ist der Bereich Gottes. Ist nicht sky, sondern heaven- wie die englische Sprache so gut differenzieren kann. Zum Himmel, zu Gott aufschauen gibt unserem Leben die Spannkraft, die Ausrichtung, Antrieb und Orientierung. Der offene Himmel ist Kraft und Verheißung zugleich und Christus ist Der, der in seiner Himmelfahrt Himmel und Erde, Gott und Mensch verbindet. Er, der uns versprochen hat: Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende dieser Welt.