Dirty Harry

KB-Kommentar (c) PG Heusenstamm
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Datum:
Fr 25. Sep 2020
Von:
maw / noh

Von 1995 bis 2012 lief in Sat1 die Harald Schmidt Show - ein Late Night Format, das in mir einen treuen Fan hatte. Intelligent, scharfzüngig, ironisch und immer wieder überraschend. Ein Abend mit Dirty Harry alias Harald Schmidt war nie langweilig. Vor kurzem schrieb Schmidt über diese Zeit: „Meine Sendungen wären heute gar nicht mehr möglich. Das, was früher mein Markenzeichen war, würde heute in den Shitstorms der sozialen Medien untergehen“.

Ja, es hat sich viel geändert im öffentlichen Diskurs. Sehr schnell ist da von „Empörung“ oder „unglaublichen Ereignissen“ die Rede. Als vor einigen Wochen ein paar verwirrte Leute auf den Treppen des Reichstags zweifelhafte Fahnen schwenkten, sprachen Medien von der „Erstürmung des Reichstages“. Und ich dachte mir: Wenn das schon eine „Erstürmung“ ist, welche Worte würden wir bei einem wirklichen Angriff auf den Reichstag wählen?

Ein anderes Thema ist die moralische Aufladung der Diskussion: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise von 2015 war jede kritische Anfrage an die sog. Willkommenskultur – zumindest im öffentlichen Diskurs – ein No-Go. Böse, unchristlich, ohne Empathie. Meine Meinung ist: Rationale Auseinandersetzungen und moralische Überzeugungen können sich zwar ergänzen, aber wo man sie überhaupt nicht mehr trennt, werden Gespräche schwierig.

Voltaire hat einmal gesagt: „Ich verachte dich dafür, was du sagst. Aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst“. Das ist eine Art Grund-Satz der Toleranz. Toleranz kommt vom lateinischen „tolerare“: erdulden, ertragen. Im Sinne Voltaires kann das bedeuten, die Ansichten eines anderen abzulehnen und dennoch zu „ertragen“ und vor allem: Seine Person zu achten und zu respektieren. Doch inzwischen – so der Journalist Peter Hahne – „ist Akzeptanz die neue Toleranz“. Es genügt nicht mehr, etwas zu tolerieren, man muss es in allen Facetten akzeptieren - alles andere wäre Diskriminierung. So werden viele Diskussionen schon im Keim erstickt und verunmöglicht: Über Zuwanderung, Islam, Genderideologie, Familie als Gemeinschaft von Mann, Frau und Kind, Heimat und Nation. Hinter allem lauert der Vorwurf der unterschwelligen Diskriminierung. Irgendwelche Minderheiten könnten sich immer beleidigt und angegriffen fühlen. Also spricht man nicht darüber, um sich nicht in die Nesseln zu setzen. Die Theorie/Ideologie mag dann stimmen, in der Praxis bleiben die Probleme.

Darüber zu streiten, das würde ich mir wünschen. Respektvoll und tolerant. Nicht mit dem Tremolo der Empörung oder der moralischen Arroganz. Sondern mit offenem Visier. Weil ich der Überzeugung bin, dass nicht alles gleich gültig ist. Gegen die „Diktatur des Relativismus“ (Benedikt XVI) brauchen wir eine neue Leidenschaft für die Wahrheit. Die bekanntlich frei macht. Und dann ist vielleicht auch wieder Raum für den Humor. Der in den Debatten unserer Tage so ganz abhandengekommen ist. Weil sie so moralinsauer und sprachlich überwacht daherkommen. Humor dagegen relativiert: Nicht die Themen, um die es geht. Sondern mich. Und das tut zuweilen gut.

Martin Weber, Pfr.