Karfreitag Predigt

„Mein Gott, mein Gott, warum…….?

Karfreitag (c) jeffjacobs 1990 by pixabay.com
Karfreitag
Datum:
Fr. 2. Apr. 2021
Von:
Martin Weber

Gestern, liebe Schwestern und Brüder, habe ich von den Fragen gesprochen, die uns auf dem Leidensweg Jesu begleiten.

Heute, am Karfreitag, ist es die eine Frage, die Jesus am Kreuz stellt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In der Leidenserzählung nach Johannes, die wir an diesem Tag immer hören, kommt sie nicht vor. Aber bei Markus ist es das letzte Wort, das Jesus am Kreuz spricht. Umso mehr hallt diese Frage nach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von unserem Kopf her wissen wir: Warum Fragen sind oft schwer zu beantworten. Schon als Kinder haben wir das irgendwie kapiert: Warum ist die Banane krumm? Eben kaum zu sagen. Und als Erwachsene verstehen wir: Es ist viel leichter zu erklären, wie etwas funktioniert und sehr viel schwerer, warum das so ist. Das „Wie“ gehört zum technischen, naturwissenschaftlichem Denken- da gibt es viele Antworten und faszinierende Erkenntnisse. Das „Warum“ bleibt auf einer existentiellen Ebene. Es ist einfach „menschlich“ so zu fragen – und diese Frage oft genug zu durchleiden. Es gibt Menschen, die daran zerbrechen. Warum diese Krankheit? Warum der Tod meines Kindes? Warum das ganze Leid? Warum meine Einsamkeit? So viele Warum`s!

Viele stellen sich diese Frage auch in der gegenwärtigen Zeit. Warum ist das so? Dass ein Virus unser altes Leben zertrümmert! Wie und warum kann Gott zulassen, dass gerade die Schwächsten von Corona in den Tod geschickt werden? Sind wir denn von Gott verlassen? Ist nicht alles sinn- und ziellos?

Auch Jesus leidet am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Als wahrer Mensch durchleidet Jesus mit uns das „Warum“. Gerade er, dessen Innerstes es ist, in tiefer Verbundenheit mit seinem himmlischen Vater zu sein, wird in eine elementare Verunsicherung hinausgestoßen. Das macht seinen Ruf so bodenlos, aber auch so universal. Er spricht mit Worten, die der ganzen Menschheit gehören. Alles „Leid der Welt“ ist in dieser Frage enthalten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Vieles spricht aber dafür, dass Jesus am Kreuz aber nicht nur diese eine Frage gestellt hat. Die eine Frage ist nämlich der Beginn eines ganzen Gebetes. Der Beginn von Psalm 22. Die Psalmen waren das Gebetbuch des jüdischen Volkes. Auch Jesus ist damit großgeworden. Oft kannte man diese Gebete auswendig. Jesus hat am Kreuz wohl das ganze Gebet gesprochen, den ganzen Psalm. An dessen Ende steht aber nicht die Verzweiflung, sondern das Vertrauen in Gottes Treue. – Der römische Hauptmann, der das Sterben Jesu am Kreuz miterlebt, bekennt am Ende: „Wahrhaftig, das war Gottes Sohn“. Und der Evangelist Johannes überliefert als letztes Wort Jesu: „Es ist vollbracht!“

Die Frage des „Warum“ bleibt aber! Warum all das schreckliche, das namenlose, das unzählbare Leiden? Für den religiösen Menschen ist das die Frage aller Fragen: Wie passt das zusammen – Gott und das Leid? Warum lässt Gott das zu? Wie so viele Warum- Fragen ist auch diese Frage nicht zu beantworten! Zumindest nicht auf der theoretischen Ebene. Obwohl es da so manche Versuche gibt. Die Antwort kann nur auf der existentiellen Ebene zu finden sein. Und da könnte sie lauten:

  • Gott – das sagen uns die Texte der Bibel und besonders die Passionserzählungen – ist mitten in unserem Leid! Mitten in unseren Fragen, in unserer Verzweiflung, in unserem Sterben. Jesus, der von Gott kommt und zu ihm zurückkehrt, hat all das mit uns, für uns durchlitten. Nur an einen solchen Gott kann ich glauben. Nur einem solchen Gott kann ich vertrauen. Der hilft mir nicht am Leid vorbei, aber er hilft mir durch das Leid hindurch.
  • Ein zweites: Es wird nicht genügen, bei der Frage stehenzubleiben. Sondern die Frage in Praxis zu übersetzen. Wenn unser Gott sich so entäußert hat: Gestern in seiner Fußwaschung. Heute am Kreuz. Dann muss ich versuchen ähnlich zu handeln. Zu einem Menschen zu werden, der bereit ist zu dienen, Liebe zu geben. Auch und gerade, wenn es weh tut.

So gehen wir nun hinein in die Verehrung des Kreuzes und des Erlösers, der Gestern, liebe Schwestern und Brüder, habe ich von den Fragen gesprochen, sich am Kreuz für uns hingegeben hat.