Kirchweih St. Cäcilia (20.September)

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ –„Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet“

Predigt lesen (c) PG Heusenstamm
Predigt lesen
Datum:
So 20. Sep 2020
Von:
Martin Weber

Liebe Schwestern und Brüder,

viel sollen wir nicht singen – aber im Freien und an Kirchweih darf es schon dieses katholische „Leib- und Magenlied“ sein: Ein „Haus voll Glorie schauet“. Es gab Zeiten, da hat man das mit stolzgeschwellter Brust gesungen. Vielleicht auch mit einer Portion Trotz. 

Manchmal erzählen das ältere Leute von der Nazizeit. Aus „ewigem Stein erbauet“ versus die Erzählung vom „1000 jährigen Reich“. Der Priester Hans Brantzen, dessen Gedenktafel hier an St. Cäcilia angebracht wurde, ist für solche Töne im KZ gelandet. Der Heusenstammer, der ihn damals denunzierte war gewiss der Meinung der Nazis: Das Christentum gehöre der Vergangenheit an und nach dem Krieg werde man eh „tabula rasa“ machen.

Ganz anders sahen das viele Katholiken nach dem letzten Konzil. Man war skeptisch geworden gegenüber der Kirche. Sie schien ihren Bogen überspannt zu haben. Spätestens nach der Enzyklika Paul VI über die künstliche Empfängnisverhütung schien sie vielen unmöglich. „Peinlich“, so wie heute noch Kinder gerne über ihre Eltern sagen. „Mutter Kirche“ oder gar ein „Haus von Glorie“ war nicht mehr drin. Man verkehrte geschäftsmäßig miteinander.

Wie singen wir dieses Lied heute? Wir alle spüren, dass wir mitten in einem epochalen Umbruch stehen. Der durch Corona ganz gewiss noch beschleunigt wird. Die, die noch dazugehören wollen- und Gott sei Dank, es sind ja noch viele, wenn auch längst nicht mehr so viele wie früher, die fragen: Wie soll es weitergehen? Wenn die Großpfarreien kommen? Wenn die Zahl der Austritte weiter hoch bleibt?

Ich höre zwei Rezepte:

Die einen sagen: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit! Das leuchtet auf den ersten Blick ein. Das ist überall so. Wir können uns dem Wandel nicht verschließen. Er ist einfach ein Faktum. Doch was heißt das innerkirchlich: Lockere Gottesdienste, schwierige Dogmen in die Abstellkammer, die Dauerbrenner: Abschaffung des Zölibats, Einführung des Frauenpriestertums, Demokratisierung  auf allen Ebenen.

Sofort höre ich aus der anderen Ecke das zweite Rezept, eine Warntafel: Wer sich heute mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen schon verwitwet. Und in der Tat: In den christlichen Gemeinschaften, in denen all das verwirklicht ist, was vorher gefordert wurde, da  ist alles andere als „high life“. Erst recht boxt dort nicht der Papst.

Was also tun? 

Dass ich kein drittes- jetzt passendes „Rezept“ aus dem Hut zaubern kann, darum bitte ich schon jetzt um Verständnis. Doch ein paar Stichworte sollen es sein.

Das erste ist die Verabschiedung von der Illusion, wir könnten frühere,  vermeintlich wunderbare Zustände wieder herstellen. Wie so oft im Leben gilt es auch loszulassen. Trauerarbeit zu leisten. Viele Formen und Formate hatten ihre Zeit, sind aber nicht mehr zu halten. Eine Kinder- und Jugendarbeit wie sie früher in Gruppen und Kreisen organisiert war, werden wir nicht mehr stemmen können.

Das zweite ist es, dass die „Kirche“ sich zurücknimmt und Gott und Christus mehr Raum gibt.  „Durch ihn und mit ihm und in ihm“ beten wir in jeder Messfeier. Eine Kirche darauf zu beziehen, also auf Christus, um den es gehen muss, das heißt eine evangelisierende Kirche zu sein, von der unser Papst immer wieder spricht.

Das dritte ist: Der Glaube darf keine bloße Gewohnheit mehr sein. Wir müssen lernen vom Glauben zu sprechen. Den Alphakurs, den wir vor einiger Zeit in der Pfarrgruppe hatten, ist ein kleiner Anfang dazu. Es geht regelrecht um glaubensmäßige Alphabetisierung. Und ich schließe mich nicht aus davon. Auch ich muss das immer wieder einüben.

Schließlich gilt es als viertes, dass wir als Kirche „gottdurchlässig und gastfreundlich werden“(G. Fuchs).  Das sind Grundhaltungen, die man an einer Kirche, die sich auf  Jesus beruft, herausspüren muss. Gottdurchlässig und gastfreundlich! Im Großen und im Kleinen.

Wenn wir noch einmal auf die beiden Rezepte des Anfangs zurückkommen. Kirche, und speziell unsere katholische Kirche, wird ganz bestimmt mit der Zeit gehen müssen. Es geht gar nicht anders. Sie wird aber auch nicht einfach stromlinienförmig sein können. Sich mit dem ach so wechselhaften Zeitgeist verheiraten. Sie bleibt sakramentale, von daher auch hierarchische Kirche. Das wird ein Stachel im Fleisch bleiben. Vielleicht besonders für unsere deutsche Kirche, die sich sehr wichtig nimmt, obgleich sie nur ein winziger Teil der Weltkirche ist.

Mutter Teresa wurde einmal gefragt: Was meinen Sie, was sollte sich als erstes in der Kirche ändern.  Und sie antwortete: „Sie und ich.“

Das heißt: Wir können Kirche nicht einfach umkrempeln. Aber wir können schon jetzt vieles tun. Aber nicht ohne uns – oder in den Worten Mutter Teresa, ohne dass wir uns bekehren: Gut mit der Schöpfung umgehen. Auch in diesen schwierigen Zeiten versuchen dem Gottesdienst, der Messe treu zu bleiben. Caritative Initiativen unterstützen. Gute Nachbarn sein. Verständlich vom Glauben sprechen. Ansprüche herunterschrauben. Formen der Erwachsenkatechese finden. Gebets- oder Glaubensgesprächskreise suchen. 

So wächst Kirche. Ob diese Kirche weiter ein Haus der Glorie ist? Wenn man überlegt dass „Glorie“ von „Gloria“ kommt, von dem „Ehre sei Gott“, dass die Engel gesungen haben, lautet die Antwort: Ja. Kirche ist mehr als Menschenwerk, ist von Gott herkommend, von „seiner Meisterhand“.  Ist auf Jesus Christus erbauet- und wenn sie auf „Ihn nur schauet, wird sie im Frieden sein“. 

So dürfen wir Kirchweih feiern. Dankbar sein, dass wir uns immer wieder in dieser wunderschönen Kirche St. Cäcilia versammeln dürfen. Aber uns auch zu jener Gemeinschaft bekennen, zu der wir durch unsere Taufe gehören und die auch Kirche heißt. Und Gott sei Dank gilt dieser Gemeinschaft eine Verheißung: „Sein wandernd Volk will leiten/ der Herr in dieser Zeit;/er hält am Ziel der Zeiten/ dort ihm sein Haus bereit/ Gott, wir loben dich/ Gott wir preisen dich/ O lass im Hause dein/ uns all geborgen sein.“