Osterpredigt

Die Fragen der Menschen – die Antwort Gottes

Auferstehung (c) Martin Manigatterer - Sr. Hanna Ecker by pfarrbriefservice.de
Auferstehung
Datum:
So. 4. Apr. 2021
Von:
Martin Weber

Liebe Schwestern und Brüder,

in den Predigten der Heiligen Woche habe ich von den Fragen Jesu gesprochen, die uns an diesen Tagen begleiten. Am Gründonnerstag war es die Frage, die Jesus den Jüngern nach der Fußwaschung stellt: „Begreift ihr, was ich an Euch getan habe“? Nur unser Leben kann die Antwort auf diese Frage des Herrn sein.

Und am Karfreitag ist es die Frage Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Die Frage, wie Gott das Leid zulassen kann. Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, aber das Vertrauen, dass Gott auch im tiefsten Leid bei uns ist.

An den Anfang dieser österlichen Predigt möchte ich wieder Fragen stellen. Diesmal sehr menschliche Fragen. Lothar Zenetti, ein Frankfurter Pfarrer, hat sie in seinem Gedicht „Gebet am Grab“ so formuliert:

Alle unsere Namen wird der Wind verwehn/ oder ruft uns einer, dass wir fortbestehn?

Kann es sein, dass Gott uns einst vom Tod befreit/ und in Freude wandelt alles Menschenleid?

Ob wir dann wie Kinder vor dem Vater stehn/ und mit neuen Augen seine Wunder sehn?

Eine neue Erde, wie soll das geschehn/ dass wir unsre Lieben einmal wiedersehn?

Oder sind das Träume, die wir uns erdacht? / Wer von uns ist jemals aus dem Grab erwacht?

Wer wälzt von dem Grab uns den schweren Stein? / Wer kann, wenn wir tot sind, uns vom Tode befrein?

Mit der letzten Frage, liebe Schwestern und Brüder, „wer wälzt von dem Grab uns den schweren Stein“, sind wir schon am Ostermorgen angekommen. Wir begleiten Maria von Magdala, die frühmorgens auf dem Weg zum Grab ist. Was sie da will? Trauern, ihren Gedanken nachhängen, beten. Sehr menschlich, sehr verständlich. Vermutlich hat sie Salben dabei um ihren Herrn und Meister zu salben. Die hatten einen praktischen Zweck: Den Verwesungsprozess aufzuhalten! So ist sie auf dem Weg – und sicher schwirren ihr auch manche der Fragen, die Lothar Zenetti genannt hat, durch den Kopf. Nicht zuletzt jene ganz praktische Frage: „Wer wälzt den schweren Stein vom Grab?“

Was für eine Überraschung als sie sieht: Der Stein ist weggenommen, der Leichnam Jesu nicht da! Die Verwirrung ist perfekt. Maria ruft Johannes und Petrus, die sich einen regelrechten Wettlauf zum Grab geben. Mit dem Ergebnis, dass der eine versteht, der andere noch stutzt. Osterjubel sieht anders aus. Ostern braucht offensichtlich Zeit. Maria nimmt sich diese Zeit und sie verweilt am leeren Grab. Für mich eine der schönsten Szenen im Neuen Testament. Zwei Engel sind – wie so oft – Hinweisgeber zum Göttlichen. Und schließlich begegnet Maria ihrem Herrn und Meister. Zuerst meint sie, es sei der Gärtner. Die Trauer trübt offensichtlich ihren Blick. Ein Motiv, das uns auch morgen bei den Emmausjüngern noch einmal begegnen wird. Erst als Jesus sie beim Namen nennt, erkennt sie ihn: „Rabbuni, Meister“!

Jetzt hat sie die Antwort auf ihre vielen Fragen: Jesus ist nicht im Tod geblieben. Er geht hinauf zu seinem Vater, zu seinem Gott und unserem Gott. Er lebt – und dieses Leben kann ihm niemand mehr nehmen. Und auch denen nicht, die zu ihm gehören!

Liebe Schwestern und Brüder,

im diesjährigen Ostergespräch mit Stephan Bedel – vielleicht hat es der eine oder andere gesehen - haben wir auf das zweite Deckengemälde der St. Cäcilia Kirche geschaut. Da sieht man den auferstandenen Christus. Er hat den Tod überwunden, er trägt die Siegesfahne. Alle blicken gebannt zu ihm ihn: Die Menschen, die vor ihm gelebt haben. Stellvertretend für alle ergreift er Adam und Eva und zieht sie zu sich. Und die anderen: Die Jünger, die Apostel, die Zeugen.

Doch etwas fällt regelrecht aus dem Bild heraus: Der Tod in Gestalt eines Totengerippes. Der Tod, so haben wir bei dem Gespräch gesagt, fällt aus dem Rahmen. Maria durfte das erfahren – aber ihr Jesus trägt nicht die Siegesfahne, sondern ruft sie ganz behutsam beim Namen.

Ostern ist die Botschaft, dass Jesus den Tod überwunden hat. Dass der Tod ein für alle Mal aus dem Rahmen gefallen ist. Ostern singt das Lied der Freude, dass wir leben sollen. Einmal ewig – und schon jetzt in der Kraft dieser Hoffnung. Österliche Menschen dürfen wir sein! Das schenkt einen gelassenen, heiteren Blick. Auf uns, auf unsere Welt. Das bewahrt vor Verzweiflung und letzter Depression. Das ist eine Antwort, die uns aufatmen und leben lässt.

So möchte ich mit dem „Gebet am Grab“ von Lothar Zenetti, mit dem ich begonnen habe, mit den vielen Fragen und der einen Antwort – nun auch schließen:

Niemand weiß, wie lange werden wir noch sein/ morgen oder heute holt der Tod uns ein.

Keiner kann uns helfen, jeder stirbt allein/ und es bleibt am Ende nur ein Grab, ein Stein.

Alle unsere Namen wird der Wind verwehn/ oder ruft uns einer, dass wir fortbestehn?

Kann es sein, dass Gott uns einst vom Tod befreit/ und in Freude wandelt alles Menschenleid?

Ob wir dann wie Kinder vor dem Vater stehn/ und mit neuen Augen seine Wunder sehn?

Eine neue Erde, wie soll das geschehn/ dass wir unsre Lieben einmal wiedersehn?

Oder sind das Träume, die wir uns erdacht? / Wer von uns ist jemals aus dem Grab erwacht?

Wer wälzt von dem Grab uns den schweren Stein? / Wer kann, wenn wir tot sind, uns vom Tode befrein?

Einen sah ich sterbend in das Leben gehen/ und ihm will ich glauben, dass wir auferstehn.