Pfingsten

Vom heiligen Geist erfüllt (c) Edith Hemberger 2020
Vom heiligen Geist erfüllt
Fr 29. Mai 2020
Mertin Weber

Liebe Schwestern und Brüder,

seit Beginn der Corana Krise malt  Edith Hemberger Szenen aus den Lesungen oder Evangelien der jeweiligen Sonn- und Festtage. Was Sie heute, an Pfingsten in diesem Bild festgehalten hat, ist unschwer zu erkennen. Es ist die Sendung des heiligen Geistes, von dem die Apostelgeschichte  so eindrücklich berichtet. Schauen wir uns das Bild etwas näher an:

  • Das sind die Feuerzungen. Im Bild ist dies nochmals ein Bild: Für den Heiligen Geist. „Wie in Feuerzungen“, so heißt es in der Apostelgeschichte, kommt er auf die Jünger herab. Der Heilige Geist kommt von oben - er gehört hinein in das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit. Er ist Gott und zeigt sich und wirkt kraftvoll und stark. Das Feuer ist ein Symbol dafür. Es hat eine ungeheure  Das wissen wir, das braucht keine nähere Erklärung.  Die Feuerzungen nehmen fast die Hälfte des Bildes ein.
  • Ins Auge fallen uns aber vor allem die Menschen. Wer könnte es anders sein als die Jünger. Die den Heiligen Geist empfangen. Ihre Hände erheben, sich selbst erheben, den Flammen, den Feuerzungen entgegen. Manche werden direkt von den Flammen berührt - am Kopf, an den ausgestreckten Händen, manche weniger. Und so differenziert sind die Farben. Das Rot des Gottesgeistes ergreift die Jünger verschieden: Manche sind ganz davon erfüllt, andere nur zum Teil, einer so gut wie gar nicht. In der Psychologie spricht man davon, dass alle Organisationen „burning people“ brauchen. Das sind leidenschaftliche Menschen. Die mit Leiden und Frustrationen umgehen können.  Die begeistert bei der Sache sind und andere begeistern können. Das waren die Apostel. Alle haben ihr Leben für Christus hingegeben. Ohne Angst Zeugnis für Gott gegeben. Sie waren Zeugen – und im Griechischen heißt das: Märtyrer. In all ihrer Verschiedenheit, wie das auf dem Bild angedeutet ist. So hat damals Kirche begonnen, deren Geburtstag wir heute feiern!  Die Initiative geht ganz und gar von Gott aus, aber es braucht immer wieder Menschen, die sich dafür öffnen. Die bereit sind in der Kraft Gottes Zeugen zu sein.
  • Ich zähle die Jünger. Es sind elf an der Zahl. Dabei hatte Jesus doch zwölf Das ist kein Zufall. In vielen Religionen spielt die Zahl „zwölf“ eine wichtige Rolle als Platzhalter für die Vollkommenheit. In der jüdischen Religion steht am Anfang der Geschichte des Volkes Israel der Stammvater Jakob, der 12 Söhne hat. Aus ihnen gehen die 12 Stämme Israels hervor. So beruft auch Jesus, der das neue Israel sammelt 12 Apostel. Und wie selbstverständlich hat sogar das himmlische Jerusalem 12 Tore, durch die man hineingelangen kann. Viele Kirchenbauten greifen die „12“ in ihrer Architektur auf. Zumindest aber 12 Apostelkerzen finden sich in den katholischen Kirchen, so klein sie auch sein mögen. Und nun sind hier, beim Geburtstag der Kirche, wie wir Pfingsten auch nennen, „nur“ 11 Apostel zusammen. Was für eine Wunde – gerade an dieser Stelle. Die Wunde des Verrats, für die Judas steht. Diesen Judas, den wir gerne aus dem Blickfeld schieben. Früher hat man ihn verbrannt – symbolisch natürlich. Als ob das so leicht wäre. Er gehörte ja zu den Berufenen, zu denen, die Jesus liebevoll angeschaute. Judas ist nicht fern, er ist als Möglichkeit in uns. Dass wir uns aus Enttäuschung abwenden; dass wir die Liebe verraten; die Ehrlichkeit mit Füßen treten; dass wir unser Falsches und Böses schönreden; dass wir immer selbstbezogener werden. Und so ist es gut, dass diese Wunde beim Geburtstag der Kirche präsent ist. Als Mahnung vor jeder Selbstgefälligkeit, die ganz und gar konträr zu Pfingsten ist.
  • In vielen Pfingstdarstellungen ist die besagte Wunde gleichsam zugedeckt. Da kommt zu den Aposteln, die Männer sind, eine Frau dazu: Maria. Oft ist sie mittendrin. Wie hier am Ambo, am Lesepult vorne dargestellt. Sie zeigt den Männern, wie es geht, nur gehen kann: ganz offen zu sein für den Geist Gottes. „Mir geschehe nach deinem Wort“- so hat sie einst zu dem Engel gesagt. Dieses Geschehen - lassen ist auch das Geheimnis von Pfingsten: Offen sein für den Heiligen Geist, der über alle kommen soll. Maria ist das betende Herz der Kirche. Kirche als Gemeinschaft der Glaubende ist so apostolisch, aber auch und vor allem: marianisch.
  • Und ganz vorne im Bild: Ein Mensch, der zuschaut, die Szene beobachtet. Es könnte ein Mensch damals in Jerusalem gewesen sein. Der geschaut, gestaunt oder gespottet hat. All diese Reaktionen werden uns beichtet. Besonders amüsant die Vermutung: Ob die Apostel zu viel des süßen Weines getrunken hätten. Aber vielleicht ist dieser Mensch im Vordergrund niemand anderes als ich selbst. Wie ist das mit Pfingsten? Ist das bloß eine schöne und kraftvolle Erzählung für mich? Ein Bericht, was damals gewesen ist? Oder betrifft es mich? Weil der Heilige Geist auch mich erfüllen will. Ja schon erfüllt hat. In der Taufe, in der Firmung! Aber habe ich dazu mein Ja gesprochen? Mein „Mir geschehe“ wie es Maria getan hat?  Paulus spricht davon, dass wir alle Tempel des Heiligen Geistes sind. Der Heilige Geist will in uns wohnen und wirken.  Als Christ kann ich deshalb nicht nur Beobachter bleiben. Ich gehöre in das Bild mit hinein. Dann ist Pfingsten. Nicht nur damals in Jerusalem. Sondern auch heute. Hier und jetzt.