Vom Winde verweht …

KB-Kommentar (c) PG Heusenstamm
KB-Kommentar
Fr 19. Jun 2020
Martin Weber

Ältere werden sich an diesen Hollywood Schinken noch erinnern, der dieser Tage wieder in die Schlagzeilen gekommen ist. Ein amerikanischer Streamingdienst hat ihn aus seinem Angebot entfernt - wegen angeblich rassistischer Bilder. Überall auf der ganzen Welt hat der Tod von George Floyd die Debatte um Rassismus und Diskriminierung beflügelt. In England gingen Demonstranten zur Selbstjustiz über – und entfernten das Denkmal eines Mannes, der in seiner Zeit am Sklavenhandel beteiligt war. Auch bei uns in Deutschland gibt es regelmäßig große Debatten, wenn es darum geht Straßen umzubenennen.

Mir bereitet der Furor dieser Debatten Kopfweh. Jede Zeit macht ihre Fehler. Wie selbstgerecht - und a-historisch - ist es, sie im Nachhinein abzuurteilen. Auf welch hohem moralischem Ross sitzen da viele, die gottgleich dekretieren, dass wir erst heute verstehen, was richtig und gut ist. Und wie vermessen ist das. Vielleicht werden unsere Nachkommen uns sehr kritisch betrachten. Dass wir die Welt ökologisch an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Dass wir es als Zeichen der Befreiung gesehen haben, kleine Kinder im Mutterleib zu töten. Und dieses Thema in einer Weise tabuisieren, die zum Himmel schreit. Oder dass wir Menschen hervorgebracht haben, die nicht mehr zur Bindung und Hingabe fähig sind. Weder in einer stabilen Familienbeziehung, noch an ein Land oder eine Religion.

Was mich aber vor allem irritiert, sind die unrealistischen Prämissen. Als ob „Angst vor dem Fremden“ (Xenophobie) oder Diskriminierung einfach überwunden werden könnten. Die Angst vor dem Fremden ist ein Erbe unserer Entwicklung, unserer Evolution. Und Diskriminierung kommt vom lateinischen discriminare, d.h. übersetzt: Trennen, eine Unterscheidung treffen. Ohne zu unterscheiden („diskriminieren“) vermögen wir weder zu denken noch zu handeln. Diese Diskriminierung ist gewiss nicht im Sinn der Abwertung gebraucht, aber ganz zu trennen ist das nicht. Ist es zum Beispiel schon eine Diskriminierung, wenn ich unterscheide zwischen einer Ehe zwischen Mann und Frau und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft?

Kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück, der Diskussion um den Rassismus. Wiewohl es ein Fakt ist, dass Menschen von ihrer Entwicklung her die „Angst vor dem und den Fremden“ mitgegeben ist, so sehr kann ich das reflektieren und hinterfragen. Alles, was Jesus sagt, hat das im Blick. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter bringt es auf den Punkt: Jeder der in Not ist, ist für mich der Nächste. Oder kann es eine universalistischere Maxime geben als der Satz: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“? - Und so sehr ich als Mensch „diskriminiere“, unterscheide, so klar ist es für den Christen, dass wir alle Kinder des einen Vaters sind. Die gleiche Würde haben. Das zu vergegenwärtigen ist ein langer Weg. Filmverbote oder Denkmalstürze braucht es dazu nicht, aber die Bekehrung unserer Herzen immer wieder!