Schmuckband Kreuzgang

DAS WORT ZUM SONNTAG

Das wichtigste Gebot

Pfarrer Karl Zirmer (c) Markus Schenk, Büttelborn
Pfarrer Karl Zirmer
Datum:
Fr 23. Okt 2020
Von:
Pfarrer Karl Zirmer

Die erste Predigt eines neuen Pfarrers in seiner Gemeinde wurde mit großer Spannung erwartet. Er predigte über die Liebe zu Gott und zum Nächsten – und erntete viel Lob von seinen Zuhörern. Als er am darauffolgenden Sonntag die gleiche Predigt hielt, waren manche verwundert, andere vermuteten, er habe in seiner Aufregung und Unerfahrenheit aus Versehen noch einmal das Manuskript von der vorhergehenden Woche eingesteckt. Als aber am dritten Sonntag wieder die gleiche Predigt kam, reagierten die Gläubigen ungehalten und man stellte ihn zur Rede. Die Antwort des Pfarrers: Wenn ihr die Liebe zu Gott und zum Nächsten praktiziert und damit Ernst macht, brauche ich diese Predigt nicht mehr zu halten; aber solange ihr nur zuhört und euch nicht ändert, werde ich euch weiterhin diese Botschaft Jesu ins Gewissen predigen.

Eine wunderschöne Geschichte, die unser Problem mit der Botschaft Jesu auf den Punkt bringt: Wir alle kennen das Hauptgebot Jesu: das Doppelgebot der Liebe. Und genauso wissen wir, wie schwer es uns fällt, im Alltag danach zu leben.

Gott mit ganzem Herzen lieben und den Nächsten wie sich selbst, das ist nach Jesu Worten das wichtigste Gebot. Darauf kommt es an im Leben! Und daran hängt „das ganze Gesetz und die Propheten.“ Du kannst Gott nur mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft lieben, wenn du ihn im Nächsten erkennst und diesen so liebevoll behandelst, als ginge es um dein eigenes Leben.

Ganz wichtig ist für Jesus, dass diese beiden Gebote zusammengehören. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Liebe zu Gott, die Ehrfurcht und der Respekt davor, dass Gott alle Menschen liebt, ist der Grund, warum alle Menschen, ganz gleich, ob ich etwas mit ihnen zu tun haben will oder nicht, ganz gleich ob Familienangehörige oder Fremde, Freunde oder Feinde, Nachbarn oder Ausländer, meine Achtung und meinen Respekt verdienen. Und umgekehrt: wenn ich behaupte, Gott zu lieben, aber meine Mitmenschen sind mir gleichgültig, dann ist das pure Heuchelei! Es kann einer noch so fromm tun, kann noch so oft in die Kirche rennen: wenn er im Umgang mit den Menschen rücksichtslos und ungerecht ist, oder auch sich selbst nicht wirklich annehmen und lieben kann, dann stimmt auch etwas nicht mit seiner Gottesliebe. Dann ist es wie bei den Pharisäern, die Jesus so oft als Heuchler bezeichnet, weil sie zwar all die vielen Gebote und Verbote genau kennen und befolgen, ihnen der Mitmensch aber im Grunde völlig gleichgültig ist und es ihnen nur um sich und ihr Ansehen geht. Fazit: Sie können getrost die Zehn Gebote vergessen, wenn Sie nur wirklich begriffen haben, was Jesus mit diesen beiden Geboten der Gottesliebe und der Nächstenliebe meint. Und zwar nicht, weil die Zehn Gebote nicht mehr wichtig wären, sondern weil diese beiden Gebote alle anderen enthalten. Wer damit ernst macht, der hält automatisch die Zehn Gebote und all die anderen Vorschriften in der Bibel, die nichts anderes sind als die eine große Einladung Gottes, ihn mit ganzem Herzen zu lieben und aus Liebe zu Gott auch den Nächsten und sich selbst.

In dieser Corona-Zeit ist die Befolgung der sogenannten AHA-Regeln auch Ausdruck des Doppelgebotes der Gottes- und Nächstenliebe. „Abstand halten“ aus Rücksicht aufeinander, Hygiene-Maßnahmen befolgen aus Sorge um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Mitmenschen, Alltagsmasken tragen, um andere und sich selbst zu schützen. Bei all diesen Regeln, die jetzt unseren Alltag bestimmen, geht es um viel mehr als nur um lästige Vorschriften, die von den Behörden erlassen werden. Ein bewusster Verstoß dagegen wird so auch zu einem Verstoß gegen das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Sämtliche Lebensregeln, sämtliche moralische Überzeugungen lassen sich also letzten Endes auf eine einzige Wurzel zurückführen: auf die Grundhaltung der unbedingten Liebe. So einfach ist das – und doch so schwer! Denn was das mit unserem persönlichen Leben macht, das kann nur jeder für sich selbst beantworten. Hier noch einige Denkanstöße: Gott von ganzem Herzen im Nächsten lieben wie sich selbst – ist das vereinbar mit der Ausbeutung der Schöpfung, der Verschwendung von Ressourcen, die allen Menschen zur Lebensgrundlage gegeben sind? Mit Wegsehen oder Weghören, wenn Menschen – die Fremden, die Flüchtlinge oder wer auch immer – ausgegrenzt oder benachteiligt werden? Mit Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr, im Berufsleben oder einfach nur an der Supermarktkasse? All die kleinen Sünden im Alltag und die großen strukturellen Sünden in Politik und Wirtschaft – sie alle stehen im krassen Widerspruch zur Gottes- und Nächstenliebe!

Es bleibt dabei, was Jesus uns ins Stammbuch schreibt: Liebe Gott. Und deinen Nächsten wie dich selbst. Dann kommt alles andere von ganz allein.