Schmuckband Kreuzgang

Die Ginsheimer Weihnachtskrippe 2020 unter dem CORONA-Schleier

Das Covid-19-Virus umspannt wie ein einziger grauer Schleier die Welt

Krippe St. Marien Ginsheim (c) Michael Marx
Krippe St. Marien Ginsheim
Datum:
Sa. 19. Dez. 2020
Von:
Dr. Peter A. Schult; Christ, Arzt und Psychotherapeut

Das Weihnachtsfest 2020 ist geprägt von Abstand, von Ungewissheit und Angst. Da hat es die Botschaft aus Bethlehem schwer. Das Virus ist uns verdammt nahe gerückt. Alles hat sich verändert. Auch unsere eigenen inneren Bilder über Weihnachten sind in Bewegung geraten: Das einst Sentimentale hat sich von den realen Bedingungen dieser Tage verdrängen lassen. Vernunft, Masken und Hygiene. Gesichter und damit Emotionen werden verdeckt. Gesellschaftliche und familiäre Landschaften haben sich total verändert.

Auch unsere diesjährige Krippenlandschaft ist verdeckt. So sieht „Corona“ aus. Alles ist verhüllt, angespannt und verkrampft. Ein Häutungsprozess?

Als ginge es jetzt in der Zeit der schrecklichen Pandemie endlich um das Wesentliche im Leben. Schnörkellos scheint sich die Welt von Profit, Machtstreben, Reichtum und „Angeber-Sucht“ zu verabschieden. Alles scheint langsamer vonstatten zu gehen. Denkpausen sind angesagt. Nicht mehr höher, schneller, weiter, lustvoller und egozentrischer, sondern plötzlich tauchen Achtsamkeit und Nachdenklichkeit auf. Das Virus hat die Menschheit in die Knie gezwungen. – Allein in Deutschland gab es über 25.000 Virus-Tode. Viel Nachdenklichkeit.

Glaube:

Unsere Betrachter entdecken drei farbige Inseln. Fast scheinen diese zu schweben. Dennoch gruppieren sich Figuren auf ihnen. Stehen fest. Bei der gelben, linken Insel geht es um die Menschen, die glauben und erwarten können.

Gelb assoziiert die Sonne, die Geistigkeit und die Kraft des Erwartens und des Schauens; beten eingeschlossen. Heute fehlt es den Menschen an diesen Eigenschaften. Die Kunst des Staunens ist uns gar verloren gegangen, somit auch das Beten. Viele Menschen meinen, sie müssten alles selber tragen und scheitern an ihren ehrgeizigen Vorsätzen. Delegieren! Dabei ist das Beten in allen Religionen das, was Denken in der Philosophie ist: Ein Tor zur endlosen Weite und damit zur Tiefe.

Auf der gelben Insel befinden sich also jene Krippen-Figuren, die den Glauben in irgendeiner Weise für sich entdeckt haben. Chapeau! Bethlehem hat für sie eine fast mystische Anziehungskraft. Warum haben wir uns dieser Kraft entzogen?

Hoffnung

Auf der grünen, rechten Insel geht es um Hoffnung. Menschen, die aufbrechen können, haben in der Regel abgeschlossen. Sie können in ein neues Land treten, hoffnungsvoll. Die
königlichen Figuren sind weise und klug. Sie dürfen alte Wege abbrechen und neue wagen. Sie waren nicht abhängig davon, wie andere über ihren hoffnungsvollen Aufbruch denken.

Die Grundstimmung unserer Zeit ist eher von Resignation und Selbstmitleid oder Depressivität geprägt. Die drei Könige wussten besseres, nämlich dass eine Zeitenwende, wie die Geburt des Erlösers, eine wirklich neue Perspektive einleiten kann. Sie haben ihre rosaroten Brillen zur Seite gelegt und sind dem Impuls „Hoffnung“ gefolgt. So konnten sie sicher über „Löwen und Nattern“ schreiten. Die Begegnung mit dem Kind der Liebesbotschaft aus Bethlehem war ihr Ziel. Die Hoffnung hat sie getragen. – Hoffnung wurde zum Maßstab des Handels.

Was sind heute unsere Maßstäbe? Fehlt es an Hoffnung?

Liebe

Die rote Insel in der Mitte ist der Liebe gewidmet. Rot ist die Ur-Farbe und steht für Liebe und Leidenschaft. In den monotheistischen Religionen steht rot sogar für die Erschaffung der Menschen. Mit der Geburt Jesu ist die Liebe in die Welt gekommen. Denken wir nur an die Berg-Predigt, die Jesus 30 Jahre später verkündet. Ob Maria und Josef dies im Stall von Bethlehem damals schon ahnten, dass jene Liebe des Sohnes zum neuen Gebot wird? Im Corona-Jahr fehlt der Stall bewusst. Alles ist in diesem Jahr anders. Jetzt müssen wir selbst zu Herbergen der Liebe, der Geduld und des Neubeginns werden.

Die Welt wird sich neue Maßstäbe erarbeiten müssen. Auf uns kommt es an, ob wir aus der Pandemie neue Erkenntnisse gewinnen können. Wir können das Jahr 2020 nicht einfach zur Seite wischen.

Auf der roten Insel haben sich auch Ochs und Esel an den Rand gebracht. Sie scheinen mit all den Veränderungen nicht mehr zurecht zu kommen.

Welche Erkenntnisse werden wir aus der Corona-Pandemie ziehen?
Bleiben wir auf dem (roten) Feld der gegenseitigen Liebe?

Frauen

Scheinbar verdrängt, in den Ecken, befinden sich noch zwei blaue Inseln: Die Frau auf der linken Seite schöpft aus dem Brunnen Wasser und gibt damit Leben und Geborgenheit weiter. Sie ist eine Dienerin. Womöglich gibt sie auch den Glauben an ihre Kinder weiter. Hoffnungsvoll schaut sie nach Bethlehem. Frauen sind im gesellschaftlichen Leben unersetzbar. In unserer Kirche dienen sie unentwegt; dürfen aber dort keine Verantwortung tragen.

Da bleiben die verantwortlichen Männer lieber unter sich. Unsere Frau am Brunnen möchte mit Maria intensiv in Kontakt treten. Maria bleibt eben ein Vorbild. Recht hat sie! Ob die beiden Frauen über vertiefende Diakonie in der Kirche reden? Wir müssen gut zuhören!

Wie wird sich die Zukunft der Kirche in einigen Jahren anfühlen? Werden unsere Frauen auch dort noch in 10 Jahren so aktiv sein? Wer wird sie endlich ernst nehmen?

Amtskirche

Die rechte blaue Insel ist der Amtskirche gewidmet. Voller Scham windet sich der bischöfliche Vertreter. Er schaut einfach weg. Er verdreht sich. Er will die verlorenen Schafe
offenkundig gar nicht mehr sehen oder gar einfangen.

Die Schafe bleiben einfach weg. Männliche und Weibliche. Sie sind auf der Suche nach anderen „relevanten Größen“. Bedeutungsverlust der Kirche? Vor 10 Jahren fing es mit der Aufdeckung der sexuellen Missbräuche in der katholischen Kirche an. Eine traumatisierte Kirche in doppelter Hinsicht? Werden wir den Opfern je gerecht werden? Wie war das vor 2020 Jahren?

„Wahrscheinlich herrschte damals mehr Notstand als Wohlstand, mehr Chaos als heile Welt, damals, im Provisorium der jungen Familie mit all ihrem Gewusel und Gewimmel“ schreibt Paul Weismantel. So kommt Gott auch heute noch zur Welt. Sein Licht hat es schwer. Die Hirten sind müde geworden. Wir auch.

Gott ein karges Quartier zu bieten, das wäre Weihnachten. Das Kind braucht wieder ein Dach über seine karge Futter-Krippe. Bauen wir es doch: Benutzen wir die Materialien „Glaube, Hoffnung und Liebe!“

Nachsatz:

Der diesjährige Verkündigungs-Engel („Fürchtet Euch nicht ....“) steht in diesem Jahr ganz dicht beim Hirtenvolk; der österliche Jesus („Ich bin das Leben ...“) ganz dicht bei der Hl. Familie. Warum? Denken wir darüber nach!