Schmuckband Kreuzgang

Gedanken zur Entwicklung unserer Kirche

witting_neu (c) Heinrich Witting
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Datum:
Di. 27. Apr. 2021
Von:
Heinz Witting, Mainz, 22.04.2021

Pfingsten ist das Fest, an dem wir den Geburtstag der Kirche feiern – sicher auch ein Anlass, einmal zurück zu schauen, wie sich diese Kirche im Laufe der Zeit entwickelt hat, welche Erfahrungen gemacht wurden und welche Schlüsse daraus gezo-gen worden sind.

Aber es ist auch ein Anlass, nach vorne zu schauen und zu überlegen, welche Schritte wir heute gehen müssen, damit wir morgen noch eine Form von Kirche vorfinden, die uns Hilfe, Un-terstützung und Heimat sein kann.

Es hat sicher auch in zurückliegenden Zeiten Phasen gegeben, in denen viele der Kirche keine wirkliche Zukunft mehr vorhergesagt hätten – denken wir nur an die Zeit, in der dann die Re-formation auf den Weg gebracht wurde und schauen wir auf die Antworten, die die katholische Seite gefunden hat.

Wenn wir unseren Blick ins 19. Jahrhundert richten, dann hat die Kirche die Arbeiterschaft zum Teil verloren – eine Antwort war dann – verspätet – die katholische Soziallehre.

Im 20. Jahrhundert sind die Menschen aus dem Bildungsbürgertum auf der Strecke geblieben – eine wieder recht späte Ant-wort war dann das Zweite Vatikanische Konzil, an dessen Umsetzung wir uns zum Teil bis heute noch die Zähne ausbeißen.

In unserer Zeit sind wir gerade dabei, die Frauen als wichtigste Stütze in der Pastoralen Arbeit zu verlieren – wann sollen auf die in diesem Umfeld drängenden Fragen denn Antworten gegeben werden? – Soll dies auch erst wieder erfolgen, wenn der größte Teil resigniert seinen Austritt erklärt hat?

Oft wird auch der Rat gegeben, doch einfach Dinge zu tun ohne auf den Segen aus Rom zu warten. Sicher ist dies in vielen Fällen ein pragmatischer Weg, der jedoch die Wertschätzung der handelnden Personen außen vor lässt. Denn es kann doch nicht sein, dass Arbeit geleistet wird ohne die Anerkennung und nur in Bereichen, die zugelassen sind. 

Gerade am Gedenktag des Auftritts von Luther vor dem Reichstag vor 500 Jahren hat Kirchenpräsident Jung am 18.04.2021 den begründeten Widerspruch in seiner Predigt in den Mittelpunkt gestellt und auch auf unser Grundgesetz hingewiesen, dass den christlichen Grundsatz der Gleichheit aller in Artikel eins postuliert.

Neben diesen „großen“ Themen, die angeblich nur mit Antworten aus Rom gelöst werden können, sind wir im Bistum Mainz seit mehr als einem Jahr auf dem Pastoralen Weg und machen uns Gedanken, wie wir als Kirche vor Ort zukünftig aufgestellt sein wollen, um auf die sich verändernden Rahmenbedingungen durch Priestermangel, sinkende Einnahmen aus der Kirchensteuer durch stetig wachsende Kirchenaustritte und älter werdende Gläubige Antworten zu finden. 

Die kleine Pfarrei hat schon länger nicht mehr die Daseinsberechtigung wie es früher einmal war  - ein Kirchturm, ein Pfarrer, eine Gemeinde.

Wir sind schon seit längerem in Pfarrverbünden oder Pfarrgruppen organisiert und machen nun den Schritt hin zur Großpfarrei.

Die Pfarrgruppe Mainspitze hat ihre Vision von der Kirche in dem folgenden Satz zusammengefasst:

Wir wollen eine offene und präsente Kirche sein, die in Gott verankert und den Menschen zugewandt ist!

Doch wie sieht dann die offene und präsente Kirche der Pfarrgruppe Mainspitze mit dem Pfarrverbund AKK konkret aus? Wie verankern wir uns in Gott und wenden uns tagtäglich den Menschen zu?

Auf unsere hauptamtlich Tätigen können wir nicht mehr in dem Maße wie die Älteren unter uns es vielleicht noch gewohnt waren, zurückgreifen. Pfarrer, Gemeindereferent*in, Pastoralreferent*in sind nicht mehr vor Ort anzutreffen.

Ein Pastoralteam, das für rund 16.000 Katholiken zuständig ist, muss Schwerpunkte setzen. Wie bringen wir uns als Gläubige ein, wenn über die Schwerpunkte der Arbeit mit diesen Perso-nen beraten wird. Diese Schwerpunkte, die dort umgesetzt werden sollen, gehen uns hautnah und direkt an.

Wir als Teile dieser Kirche sind in unseren Gemeinden vor Ort gefragt, wie wir zukünftig unser Gemeindeleben gestalten wollen. Die Funktionärskirche hat ausgedient und wird es so nicht weiter geben.

Wir müssen uns einbringen, wenn wir Gottesdienste gemeinsam vor Ort feiern wollen.

Wir müssen uns einbringen, wenn uns Zusammenkünfte von Kindern, Familien, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Senioren wichtig sind.

Wir haben Ideen vor Ort, aber wir brauchen auch Impulse und Unterstützung von außen.

Sicher können wir auf das Pastoralteam als Impulsgeber zurückgreifen  und hoffentlich in dieser Form auch eine Art von Unterstützung bekommen. – Aber es geht kein Weg daran vorbei, dass die konkrete Umsetzung bei uns selbst angesiedelt sein muss. Und wenn sich Frauen und Männer – egal in welchem Alter einbringen, dann müssen wir sie alle unterstützen und nicht im Regen stehen lassen. Bürokratie und Bedenkenträger bringen uns dabei nicht weiter.

Die Veränderung, die wir gerade erleben, ist schon fundamental. Einmal ändern sich Strukturen, aber was noch viel schwieriger zu bewerkstelligen ist, liegt in der Veränderung unserer persönlichen Einstellung.

Bischof Kohlgraf hat es in seiner Predigt in der Karwoche in der Missa chrismatis am 29.03.2021 so ausgedrückt:

„Eine uns geläufige Gestalt von Kirche stirbt, so drastisch muss man es sagen. Und eine neue Gestalt, die tragfähig ist, hat noch nicht Gestalt angenommen. Viele unserer Diskussionen – auch bei uns im Bistum – gehen nicht in die Tiefe, sie bleiben bei Äußerlichkeiten stehen. 

Dennoch glaube ich, dass viele unserer Gläubigen, die ehrlich hinschauen, die Dramatik der Situation erkennen. Wir sollten nicht zu viel Energie und Kraft in die sicher notwendigen Struk-turen stecken. Vielmehr sollten wir den laufenden Prozess geist-lich gestalten, indem wir an einer überzeugenden und den Menschen zugewandten Form der Kirche arbeiten, die dem Sendungsauftrag des Evangeliums gerecht wird.“ (Zitat Ende)

Und das – so sehe ich es – ist auch unsere persönliche Chance, dass wir uns auf unsere eigenen Stärken besinnen und mutig die Schritte gehen, die uns wichtig sind, wenn wir unser Bild von Kirche umsetzen wollen.

Wir müssen uns trauen, unsere Wohlfühlatmosphäre zu verlassen und neue, andere Wege beschreiten.

Denken wir doch an das Evangelium von Pfingsten:

Jesus kommt zu den Jüngern, die aus Angst vor den Juden die Türen verschlossen hielten, durch die geschlossene Tür und haucht die Apostel an. 

Dieses Anhauchen ist ein Nachahmen der Geste des Schöpfers, der den Menschen aus Staub formte und ihm den Geist des Lebens einhauchte. 

Die Jünger waren in ihrer Angst und Hoffnungslosigkeit ge-fangen, sie hatten kein Vertrauen. Vertrauen aber ist das Herzstück unseres Glaubens. 

Jesus macht sie wieder lebendig und sie ziehen los und formen mit der Macht des Geistes die Kirche und gestalten Sie um, sie reanimieren sie. (Aus Tomàs Halìk: Die Zeit der leeren Kirchen, Seite 202/203).

Ich denke, wir brauchen nicht verzagen, wir können uns auf Gott verlassen und mit seinem Segen daran gehen, unsere Ideen umzusetzen. Um nicht zuletzt auch den Gedanken aus dem Luther-Jubiläum mit zu bedenken: lass uns den Mut haben, Neues zu wagen und uns Deiner Hilfe anzuvertrauen!