Schmuckband Kreuzgang

Gemeinde im Meer der Angst - 3. Teil

Gastbeitrag zu "Glaube und Leben"

Dr. Peter A. Schult (c) Dr. Peter A. Schult
Dr. Peter A. Schult
Datum:
Fr 9. Okt 2020
Von:
Dr. Peter A. Schult

 „Christus ist die Software“ und „Der Schatten muss nicht bleiben“: In zwei Zwischenrufen hat der Arzt Peter A. Schult hier seine Sorgen um die Zukunft der Kirche dargelegt. Heute folgt ein dritter und letzter Teil: mit Gedanken zur „fehlenden Transformation“ – und was Karl Rahner schon dazu gesagt hat.

Wenn der große Theologe Karl Rahner (1904 bis 1984) be­geistert von „Transformation“ sprach, beschrieb er keineswegs mathematische Funktionen. Viel­mehr wies er auf die zwingenden kirchlichen Veränderungs-Pro­zesse hin. Er war Visionär und Prophet. Ein spiritueller Mensch. Er suchte Veränderungen – eben die Transformation. Seine Ge­genwarts- und Zukunfts-Analy­sen von Kirche sind heute nicht mehr so präsent. Vielleicht auch wurden sie damals schon nicht wirklich beachtet. Leider. Aktu­eller denn je aber sind Fragen, die Rahner aufgeworfen hat: Gerät die katholische Kirche weiter in eine Nebensächlichkeit? 

Zum 31. Dezember 2019 zählt man gerade noch 27 Prozent Ka­tholiken bezogen auf die bundes­deutsche Gesamtbevölkerung, verwaltet und betreut von 27 Diö-zesen und deren Ordinariaten. Die Bischöfe wissen nur zu gut um diese Entwicklung. Aber ir­gendwie wollen die neuen pasto­ralen und synodalen Wege nicht greifen. Die Corona-Krise wirkt dabei zusätzlich als eine Bremse, das eigentliche Trauma hat Rom indessen selbst geschlagen: keine Transformation! Davor war noch von Kardinal Reinhard Marx zur emsländischen Frühjahrskonfe­renz 2019 in Lingen zu verneh­men: „Die Mehrheit der Bischöfe sehen einen Veränderungsbe­darf.“ Gemeint waren nicht nur die Missbrauchs-Skandale. Wel­che „Ermutigungen an das pil­gernde Volk Gottes in Deutsch­land“ gibt es nun? Der Papst er­hofft sich eine Evangelisierung. Das wollen die Bischöfe auch; aber zusammen mit den Laien. Und alle wissen, ohne Frauen wä­re Veränderung im Ansatz schon scheinheilig und brüchig. 

Damals bei der Würzburger Sy­node (1971 bis 1975), also sechs Jahre nach Ende des Konzils, suchten katholische Christen be­reits Wege der Transformation. Wir saßen damals im Jugend­keller des Pfarrhauses und übten mit unserem Pfarrer sportlich: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit ...“ Das Schlagzeug wurde erstmals auch beim Hochamt ein­gesetzt. Der Pfarrer predigte über Rom und Würzburg. Die Kirchen­fenster waren weit geöffnet, der Aufbruch spürbar. Die KjG war dabei und behauptete: „Wir wis­sen, wo die Glocken hängen.“ Der Pfarrer wusste es auch. Er war ein Pfingst-Mensch. Heute ist er 90 Jahre alt, bezieht vom Bischof seine Rente und freut sich ver­schmitzt über seine Lebenserin­nerungen. „Aber wir sind stehen geblieben, haben nichts bewegt“, bedauert er. Er wirkt nachdenk­lich und doch befreit. 

„Wer zu spät kommt, den be­straft das Leben“ – ein legendärer Satz. Alle haben ihn verstanden. Heute steckt die Kirche in dieser Gefahrenzone. Die christliche Tradition wirkt nur dann als echte Sendung nach vorwärts, wenn sie zugleich auch eine kritische Erin­nerung rückwärtig übt. Nur, die­ser Hausaufgabe stellt sie sich nicht. Auch Marx will nicht mehr! – „Der große missionarische Elan des Zweiten Vatikanischen Kon­zils ist so gut wie abgestorben“, klagte Kardinal Karl Lehmann in seiner Adventspredigt schon 2009. Und sein damaliger Weih­bischof Werner Guballa noch zugespitzter 2011: „Das Haus Kirche wird verkommen, wenn wir es als unseren alleinigen Besitz be­trachten.“ Wird sich daran nichts än­dern? Kirchenhisto­riker meinen sogar, dass die Erfindung der päpstlichen Un­fehlbarkeit vor 150 Jahren die syste­mische Bremsblo­ckade erst so richtig in den Geist der Kir­che zementiert hat. Kritische Bischöfe damals konnten dies leider nicht ver­hindern. Auch nicht Bischof Ketteler, der bei Papst Pius IX. Änderungsbedarf einforderte. 

„Was unfehlbar ist, muss sich nicht ändern“, könnte es heute sarkastisch von Kirchenfeinden lauten. Aber es geht um Lebens­gestaltung und den daraus ent­stehenden Glaubensfragen im Jetzt. „Wird denn das Schiff be­stehen? Erreicht es das große Ziel? Wird es nicht untergeh’n?“ Auch das Schiff „Mensch“ ist ge­meint. So klang es im Hochamt. 

Verlustangst? Ja, vielleicht? Aber wenn zu dieser Angst auch noch die Furcht des verlorenen Weges hinzukommt, was dann? Deshalb muss ein neuer Pasto­raler und Synodaler Weg unum­kehrbar werden. Ein Christ braucht Zukunftsvisionen. Er hungert nach diesen neuen We­gen und einer erfüllenden Le­bensgestaltung. Vieles muss da­her überdacht werden. Auch die Kernfrage, was ist, wenn künftig „Eucharistievorstand“ und „Ge­meindeleitung“ nicht mehr in Einheit realisiert werden kön­nen? 

Sorge pur! Die künftige Kirche muss daher eine Kir­che des gesamten Gottesvolks wer­den. Insbesondere aber eine Kirche der Laien. Dies in Ein­heit mit dem Dienst und dem Amt aller Glaubenden. Alle sollen die Jünger des Herrn sein. Die Nachfolge trägt praktische Züge: weniger Anpassung an den profanen Zeit-Geist, an Selbstsüchte, Profit und Macht. Mehr „Du“ als die über­höhten „Ich-Süch­te“ – die Neurose vieler Menschen. Und ein Weniger-um-sich-selbst-Kreisen – die Neu­rose der Kirche – als Hinwendung zum Nächsten.

Wie deutet es nun der prophe­tische Karl Rahner? „Die Spiritu­alität der Zukunft wird eine Spi­ritualität der evangelischen Räte und der Bergpredigt sein, weil sie gegen die Götzen des Reichtums, des Genusses und der Macht im­mer neu protestieren muss.“ Hei­ligkeit und Vollkommenheit darf zum Ziel werden. Das ist die Transformation von Kirche!