Schmuckband Kreuzgang

Kolumne 22

... über verbrauchte Luft, die Pflegeversicherung und abermals Corona und das Beten

Dr. Peter A. Schult (c) Dr. Peter A. Schult
Dr. Peter A. Schult
Datum:
Fr. 13. Nov. 2020
Von:
Dr. Peter A. Schult

Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag (auch Totensonntag genannt) den Buß- und Bettag. Auch anders gerechnet:  Immer 11 Tage vor dem 1. Advent. - Die Idee hierzu war einfach und plausibel: Die Menschen wussten von der Kraft der Besinnung besonders in Notzeiten. „Not lehrt beten“, lautet eine alte Weisheit. Beten ist aber viel mehr. Beim Beten kommt unser eigener Geist in Schwung. Es ist wie ein spirituelles Kreuzworträtsel. Wir stümmeln Buchstaben, Silben und Worte und es entstehen ganze Gedanken zum eigenen Leben. Wir reflektieren mit Gottes Wirklichkeit, bezogen auf uns selbst. Das ist quasi eine autogene Psychotherapie mit uns selbst. Unser wackeliges Leben,  unsere Furcht und unsere Ängste, aber auch die derzeitigen sozialen Isolationen und vieles andere mehr darf in mir zur Schwingung gebracht werden. Endlich. Eine Sprache des Inneren entsteht. Das klingt nach einer wohltuenden Atempause; wird fast schon zur eigenen persönliche Melodie. Beten ist in allen Religionen das, was Denken in der Philosophie ist: Ein Tor zur endlose Weite und damit zur Tiefe.  

Das Gebet ist durchaus auch ein emanzipatorischer Akt. Es ersetzt zwar keine Tat, aber es wendet den Blick und befreit zum Gespräch mit dem Innersten. Gerade in der kraftverzehrenden Unruhe unserer Zeit kann das Beten zu einer Kraftquelle werden. Corona beherrscht unsere Nachrichten, Strategien und Gefühle. Das Virus rückt verdammt nahe. Corona scheint unsere Probleme zu verstärken oder führt sie uns jedenfalls deutlicher vor Augen als in „gesunden Zeiten“. Auch Probleme, die unterschwellig immer schon da waren, melden sich jetzt plötzlich.  Sicherlich wurde auch vieles durch Routine kaschiert. – Geht jetzt die Luft aus?

1995 hat man den Buß- und Bettag abgeschafft um die damals neu eingeführte Pflegeversicherung durch Mehrarbeit der Arbeitnehmer auszugleichen.  

Das klingt nach totaler Rationalität und spricht für eine  praktische Lösung. Der moderne Mensch, die moderne Psyche  kommt wohl auch ohne Gebet und Besinnung aus. Bislang! - Vor 25 Jahren ahnte keiner etwas von Corona. Wir waren völlig autonom. Und heute? Niemand kann jetzt für sich garantieren. Herr und Herrin im eigenen Haus sind wir schon lange nicht mehr.  Das klingt hart. Als wäre Menschsein immer höchst riskant. Corona nötigt uns dazu, vom Unsterblichkeitswahn Abschied zu nehmen. Die Welt befindet sich in einem schmerzlichen Häutungsprozess. Wir sind eingeladen jeden Tag als Geschenk zu begreifen. Das ist Besinnung. So gesehen würde ich mir den Buß- und Bettag gerne wieder zurück wünschen. Gestern, am 18.11., stand dieser Buß-und Bettag in meinem Kalender.

Und mit allen Christen würde ich gerne heute beten: „Herr wir glauben, dass du Gutes aus dem Schmerz, aus Corona und den Widrigkeiten machen kannst. Selbst aus den vielen Ungerechtigkeiten, dem Zerstörten und den Krankheiten des Lebens wirst Du Gutes wachsen lassen können. Wir brauchen die Zeit des Reifens. Hilf uns, dir in diesen schwierigen Zeiten zu vertrauen. Lass uns an deiner Seite weitermachen und stets das Angemessene tun. Und vor allem aber: Behalte uns in deinen gütigen Händen! Erlöse uns aus der Gefangenschafft unserer persönlichen Ängste und stärke unsere inneren Abwehrkräfte. Rufe uns aus der Depression. Schenke uns erneut unser Leben. - Amen“. – Das wäre frische und unverbrauchte Luft pur - oder?