Schmuckband Kreuzgang

Zum Goldenen Priesterjubiläum von Ruhestandspfarrer Bardo Maria Haus

Ein Interview über die Kirche damals und heute

Pfarrer i. R. Bardo Maria Haus
Pfarrer i. R. Bardo Maria Haus
Datum:
Fr. 8. Juli 2022
Von:
Für die Pfarrgruppe Mainspitze, Michael G. Barth

Lieber Herr Pfarrer Haus, am 17. Juli feiern Sie Ihr 50-jährigen Priesterjubiläum. Was hat Sie damals bewogen, dem Ruf zu folgen und ins Priesterseminar einzutreten?

BMH: Schon sehr früh eigentlich ist bei mir diese Entscheidung gereift. Dabei wurde ich im Grund von niemand ausdrücklich darauf angesprochen. Erst anlässlich meiner Abiturfeier erfuhren z.B. meine Eltern von meiner Entscheidung. Aber es war eine gereifte Entscheidung: Die Erfahrung durch meinen damaligen Heimatpfarrer Heinz Eckes, dass Kirche auch „anders“ geht. Vor allem aber beeindruckte mich die „Zeitenwende“ - um ein neuerdings aktuell-politisches Stichwort zu nutzen, die mit den Beratungen des Zweiten Vatikanischen Konzils einherging, auch wenn dessen Ergebnisse bis heute noch nicht alle eingelöst sind. Und übrigens bin ich auch nach 50 Jahren noch stolz auf meine kurzen Ausführungen in einem Interview der Kirchenzeitung vor unserer Priesterweihe (siehe Zeitungsausschnitt). Wir waren damals 7 diözesane Neupriester, von denen keiner ausgeschieden ist.

War es damals leichter als heute, „Ich bin bereit“ zur Berufung zu sagen?

BMH: Das war auch damals schon schwer, denn es gab und gibt bis heute die Schwelle, Ja sagen zu können zur zölibatären Lebensform. Da gibt es bis heute meinen erklärten Widerstand. Aber würde ich auf die priesterliche Ehelosigkeit verzichten, wäre auch mein 50. Weihe-Jubiläum überflüssig. Auch bereue ich bis heute nicht mein damaliges „ICH BIN BEREIT!“. Freilich steht dies immer wieder auch auf dem Prüfstand.

Haben Sie Ihre Zusage auch manchmal bezweifelt oder in Frage gestellt, gab es Existenzkrisen und wie sind Sie damit umgegangen?

BMH: In so Vielem, was mit unserer Kirche zusammenhängt, gibt es immer wieder Anlässe, wo Anfrage und Kritik zu einer vernünftigen Kommunikationskultur dazu gehören. In meinem Büro im Jugendhaus hatte ich lange einen Satz an der Pinnwand stehe: „Wer den Glauben liebt, muss den Zweifel heiraten.“

Zu diesem Satz stehe ich bis heute. Der dialektisch-kritische Diskurs, der auch die andere Meinung wahrnimmt, ist für mich eine wichtige Grundform meiner Meinungsfindung - auch im Glauben, auch in der Verkündigung. Kirche ist für mich nicht, wie es so oft missverstanden wird, die Veranstaltung des „Pfaffen“ oder des Papstes oder der Bischöfe, sondern nur zu verstehen in der Communio des Glaubens und im Zusammenhang des ganzen Gottesvolkes.

50 Jahre Priester sein, das heißt auch 50 Mal Weihnachten feiern, 50 Mal zu Ostern predigen, immer wiederkehrende Situationen und mindestens Sonntag für Sonntag die Gemeinde zum Gottesdienst zu versammeln. Wie verhindert man eine Routine, die lähmt?

BMH: Es gibt für mich durch all die Jahre und all die Orte, wo ich meinen priesterlichen Dienst ausgeübt habe, ein erfreuliches Echo, welches sich vor allem auf meine kommunikative, legere und lockere Art der Seelsorge bezieht. Und das macht Mut. Und das verhindert eine förmliche und leere Routine.

Seit Jahren sehen wir, dass die Zahl der Priesteramtskandidaten zurückgeht. Welche Gründe machen Sie dafür geltend?

BMH: Der verpflichtende Zölibat ist sicherlich, aber nicht die einzige Begründung. Das Konzil hat gefördert, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Und gerade das wird von einem sehr etablierten Teil der Kirche, nicht nur beim Klerus!, immer wieder bestritten. Strukturen, Gesetze, Tradition können so auch zu Bremsen für ein wirkliches Verheutigen (Aggiornamento) der Frohen Botschaft werden. Mein Lieblingspapst bleibt der alte und beleibte Papst Johannes XXIII. Aber auch unser jetziger Papst Franziskus wird von so vielen verkannt. Natürlich würde ich mir mehr Priester und auch Priesterinnen wünschen, aber unsere Kirche steht und fällt nicht mit mehr Priestern, sondern mit einem bewussten und gelebten Glauben ihrer Glieder.

Was kann die Kath. Fraueninitiative „Maria 2.0“ bewirken?

BMH: Ich habe von Beginn meines Studiums nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich mir auch die Weihe von Frauen vorstellen kann. Deshalb hat diese Initiative meine volle mentale Unterstützung, auch wenn ich weniger aktivistisch bleibe.

Ihre erste Pfarrstelle war die des Seelsorgers im Jugendwerk in Mainz für die KjG und die Ministranten. Spannende Frage: Wie bekommt man die Jugendlichen wieder in die Kirchen?

BMH: Es gab in dieser Zeit eine beliebte Wahrnehmung. „Times are changing“. Einer Talsohle folgt immer wieder auch ein Aufschwung. Da bin ich nicht pessimistisch. Aber auch die Denkweise der Kinder und Jugendlichen hat heute einen anderen Kick. Ich kann das nur feststellen. Wie schon oben erwähnt habe ich mit meiner leger-lockeren Art der Seelsorge immer gute Erfahrungen gemacht. Und ein weiteres, wenn die Kommunikation in die Anonymität der Sozialen Medien abgleitet, bleibt die präsentische Form im Miteinander doch die erstrebenswertere Alternative.

Wie sich die Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit verändert?

BMH: Ich stelle oft eine sehr stereotype und eintönige Form des „Kirchen-Bashings“ fest, die der Bedeutung und der Sendung der Kirche in ihrem Auftrag von Jesus her nicht gerecht wird. Und es ärgert mich echt, wenn manche es sich mit der Verspottung des Religiösen sehr leicht machen.  Das soll aber so viele berechtigte Kritik an Klerus und Kirche nicht außer Kraft setzen.

Letzte Frage: Wo steht die Katholische Kirche in Deutschland in 50 Jahren?

BMH: Ich hoffe doch, dass bis dann endlich die Ergebnisse des 2. Vatikanischen Konzils: Kirche in der Welt von heute! voll eingelöst sind. Wir wollen den Pastoralen und Synodalen Weg nicht schlecht reden. Ein Satz von Saint-Exupéry ist und bleibt mir seit Jahren eine sinnvolle Sichtweise: „Und die Straßen führen alle zu den Menschen!“ Aber auch eines meiner Lieblingslieder von Piet Janssens: „Komm, bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft, und beschreibe den Himmel, der uns blüht.“ Und als letztes möchte ich vier Zeilen des heute fast vergessenen Eugen Roth zitieren:

„Die Kirche wirkt von außen trist, / sagt einer der noch draußen ist. / Doch kaum dass er jetzt drinnen ist, / merkt er: Sie ist auch innen trist.“

Gegen solche Tristesse möchte ich meinen priesterlichen Dienst auch weiterhin gestalten.

Lieber Herr Pfarrer Haus, vielen Dank für Ihre offenen Antworten und alles Gute, Glück, Gesundheit und Gottes Segen zu Ihrem Priesterjubiläum.