Schmuckband Brücke

"Gott mitten unter uns"

Welche Formen habe ich um mit Gott in Kontakt zu kommen?

IMG_0460 (c) C.Oberbeck
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Do 9. Jul 2020
Birgit Wenzel

Liebe Gemeinde, 

ich weiß nicht, wie Sie diese Frage nach ihrer Form mit Gott in Kontakt zu kommen, beantworten würden. Gerade die letzten Wochen in denen unsere  gewohnte Art zu leben auf den Kopf gestellt wurde, in denen wir nicht wie für die meisten von uns gewohnt einfach in den Gottesdienst gehen konnten, stellte sich diese Frage. 

Wie haben Sie sie beantwortet bzw. auf welch kreative Lösungen sind Sie gekommen? Haben Sie feste Formen gefunden? Sich vielleicht auf ganz neue Experimente eingelassen? Den Fernseher eingeschaltet, oder im Internet gesucht? Oder haben Sie versucht in der Familie Formen zu etablieren? Gottesdienst selbst gestaltet am Küchentisch, oder via Internet, vernetzt mit anderen? 

Vielleicht haben Sie den lieben Gott, aber eher beim Unkraut jäten oder beim Spaziergang, draußen in der Natur gefunden? Oder beim Entzünden einer Kerze, die sie ins Fenster gestellt haben oder beim Besuch einer Kirche. Vielleicht hat sie das abendliche Geläut erinnert oder ein Gang auf den Friedhof.  

Vielleicht haben Sie aber auch festgestellt, dass ihnen gar nichts gefehlt hat? Oder, dass sie gar keine festen Formen haben und brauchen. 

Vielleicht spielt aber auch der Glaube eine eher untergeordnete Rolle in ihrem Leben und die Organisation des alltäglichen Lebens, mit Homeschooling und Homeoffice oder Ihre Sorgen um die Zukunft haben in den letzten Wochen einen viel zentraleren Raum eingenommen.

Mich haben diese letzten Wochen persönlich sehr angefragt. Und tatsächlich habe ich festgestellt, dass mir feste Formen meinen Glauben zu leben gut tun. Gerade in solch unsicheren Zeiten geben mir feste Formen, wie ein Gottesdienst, oder das Beten von Psalmen Halt, oder besser noch, sie fassen das in Wort und Lied, wofür mir die Worte fehlen, das gibt mir Kraft und Mut, die Dinge des Alltags anzugehen. 

Und ich brauche beides, die persönliche Zwiesprache mit meinem Schöpfer auch z. B. beim Fahrradfahren, stricken oder laufen, aber auch die Gemeinschaft mit anderen und den Austausch. Mir haben z. B. die vielen Menschen in und nach der Osternacht gefehlt. Aber natürlich habe ich auch experimentiert. Z.B. haben ich mit meinen 4 jährigen Patenkindern im Taunus Gottesdienst via Zoom gefeiert – und das hat nicht nur den Kindern und ihrer Mama, sondern auch mir viel Spaß gemacht und gut getan.   

Die Tatsache, dass in den letzten Wochen viele der üblichen Termine ausgefallen sind, hat uns Hauptamtlichen viel Zeit geschenkt und tatsächlich haben wir in den letzten Wochen so viel über uns, über Gott, was und wie wir glauben,  über unsere Gemeinde und die Zukunft der Kirche gesprochen wie noch nie in meinen bisherigen Berufsjahren. 

Müssen wir die Menschen nicht viel selbstständiger machen, ihren Glauben zu leben, viel eigenverantwortlicher? Und wenn ja, wie geht das? Sind nicht manche der alten Formen auch ein großer Reichtum? Ich denke da z.B. an meine Eltern, die ihren Rosenkranz aus der Schublade geholt haben und den miteinander gebetet haben. Aber das sind gar nicht meine Ausdrucksformen… Wie sind die Formate, die den Kindern und Jugendlichen heute gut tun, die sie brauchen und was kann ich dazu beitragen. Und ist nicht diese ganze Situation auch eine riesige Chance, Dinge neu zu hinterfragen, auszuprobieren und auch zu verändern? 

Ganz viele haben zurückgemeldet, wie gut ihnen, ihrer Familie auch das Entschleunigen getan hat. Wie schön es war, Zeit für Gespräche, alte Hobbies, die Entwicklungsschritte des eigenen Kindes oder einfach zum Spielen zu haben. Die Kontakte und Gespräche, die man hatte, waren sehr persönlich und tiefgehend und man hat mehr nacheinander geschaut. 

Aber die Diskussionen und manches, was zu Vorschein kommt und kam, waren auch nicht immer einfach, im persönlichen oder in unserem Land, man denke nur an Tönnnies oder die Ausschreitungen in Stuttgart, und der Blick in die Welt, nach einem Abend mit Coronareportagen aus aller Welt, den Bildern aus Brasilien, den USA oder Großbritannien lässt mich manchmal nicht schlafen und verzweifeln.  Es sind verrückte Zeiten…

Aber zurück zu unserer Ausgangsfrage: Vielleicht ist die Frage vor der Frage nach der konkreten Form die viel wichtigere: Glaube und spüre ich, dass in all dem was da geschieht Gott da ist? Das er da ist in diesem ganzen Chaos, in diesen großen Veränderungen? Ist er gegenwärtig in meinem Leben? Hat er da einen ganz festen Platz? Ist er die Folie, die über meinem Denken und Handeln liegt? Oder ist er der Grund auf dem ich fest in der Welt stehen kann, die Hand die mich trägt und hält? Ist er bei meiner Arbeit dabei, beim Sport, beim Streit, beim Versöhnen? Ist Gott mir Nahrung oder Sahnehäubchen? Ist er Herausforderung oder Zumutung? Und wofür braucht mich Gott in dieses Situation. 

Wie sie merken, habe auch ich ganz viele Fragen, Fragen nach dem wie und warum,  und manchmal wünsche ich mir so eine große Gelassenheit, wie die unseres Pfarrers. 

Was ich aber habe, und wofür ich sehr dankbar bin, ist das große feste Vertrauen, dass Gott mitten unter uns ist, gerade in dieser Zeit, dass er uns den Weg führt, den wir gehen. Dass es am Ende gut wird. Dass er mit mir auf der Suche ist, nach den Antworten und dass er mich immer wieder herausfordert, damit ich nicht träge auf meiner Couch versumpfe. 

Ein Kalenderspruch fällt mir ein. Das Leben ist schön, von einfach, hat niemand etwas gesagt. Vielleicht würde ich ihn ein wenig umschreiben in: 

Glaube ist schön, von einfach hat niemand etwas gesagt. 

AMEN