Schmuckband Kreuzgang

Predigt vom 11. Sonntag im Jahreskreis

14.06.2020

Predigt von Propst Tobias Schäfer

  1. Sonntag, LJ A, 14.06.2020 zu: Mt 9,36-10,8  Dom, 10:00 und 11:30 Uhr

Vollmacht, die Welt zu heilen

  1. Gestern war mein Weihetag. Heute vor 28 Jahren habe ich in meiner Heimatgemeinde Primiz gefeiert – zusammen mit meinem Cousin, der zusammen mit mir und weiteren 6 Mitbrüdern zum Priester geweiht worden war. In diesem Jahr- so Gott will, wird ein junger Mann in unserem Bistum zum Priester geweiht. Im letzten Jahr war es auch nur einer: unser Kaplan Maximilian Eichler. Zwei Neupriester in zwei Jahren. Das ist nicht eben viel. Auf der anderen Seite sind oder werden in diesen zwei Jahren, wenn ich mich nicht verzählt habe, insgesamt etwa 17 Priester in den Ruhestand verabschiedet werden und aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Das zeigt, wie brandaktuell die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium sind: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter!“ Und wie wichtig die Aufforderung Jesu, immer wieder um geistliche Berufungen, um Arbeiter für die Ernte, für den Weinberg des Herrn zu beten.
  2. Es geht aber nicht nur um Zahlenspiele. Es kommt – auch bei Priestern – ja nicht zuerst auf die Quantität an, darauf, dass wir möglichst viele Priester haben, sondern auf die Qualität. Aber auch da macht mich das heutige Evangelium sehr nachdenklich. Jesus ruft seine Jünger zu sich und gibt ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen, heißt es im Evangelium. Er stattet sie also mit ganz unerhörten Vollmachten aus: sie sollen das weiterführen, was er begonnen hat: die Welt zu heilen, die zerstörerischen Kräfte, die in dieser Welt an so vielen Enden spürbar und am Werk sind, zu vertreiben. Und genau diesen Auftrag gibt er seinen Jüngern mit auf den Weg: „Geht und verkündet: Das Reich Gottes ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!
  3. Das ist etwas, das mir schon immer zu schaffen gemacht hat. Ich bin in diesen Tagen genau 28 Jahre Priester. Und ich muss nach diesen 28 Jahren nüchtern feststellen: kein Kranker, dem ich die Hände aufgelegt habe, ist davon gesund geworden. Ich habe nie erlebt, dass Dämonen und unreine Geister unter lautem Getöse ausgefahren sind, wo ich aufgetaucht bin. Und ich fürchte, auch den bei unserem Kaplan, den der Bischof vor nicht einmal einem Jahr erst die Hände aufgelegt hat, den er mit genau diesen Vollmachten in den Weinberg des Herrn gesendet hat, bei dem das alles also noch relativ frisch ist, macht dieselben Erfahrungen. Sind die machtvollen Vollmachten, mit denen Jesus die Apostel ausgestattet hat, mit den Aposteln ausgestorben? Oder fehlt es uns einfach an Glauben, dem richtigen Glauben, der auch Berge versetzen kann? Was ist los mit uns, mit unserer Generation, dass die spektakulären Wunder ausbleiben?
  4. Ich glaube nicht, dass die Vollmacht wirklich schwächer geworden ist oder heute nicht mehr trägt. Ich glaube eher, wir nehmen zu wenig wahr, wie und wo Gottes Reich unter uns zu wachsen beginnt und wächst. Und vielleicht ist es auch ein wenig so, dass wir uns selbst, oder besser gesagt: der Kraft Gottes, die durch uns wirken will, zu wenig zutrauen und deshalb blind geworden sind für ihr Wirken.
  5. Jesus hat Mitleid mit den Menschen, so begann das heutige Evangelium. Er hat Mitleid, mit den Menschen, die gebeugt, müde, erschöpft, bedrückt sind. Mit dieser Aufmerksamkeit, mit der Jesus wahrnimmt, was die Menschen brauchen, fängt Heil an. Manchmal denke ich: das ist unser Problem, dass wir selbst so besetzt und gefangen sind in unseren eigenen Ängsten, in Selbstmitleid, in den Machtkämpfen: wer hat wem was zu sagen? Wer hat mehr zu sagen? In unserem eigenen Egoismus, unserer Angst zu kurz zu kommen. Vielleicht müssen wir zuerst al diese bösen Geister und Dämonmen in uns selbst austreiben.
  6. Jesus statt seine Jünger mit Vollmachten aus, damit sie sehen, wo in der Welt Unheil, Not, böse Geister am Werk sind; und sie sollen den Menschen helfen: sie aufrichten, ihnen neue Hoffnung und Halt geben. Und deshalb ist es zu kurz gedacht, wenn man bei den Vollmachten nur daran denkt, dass hier irgendwelche kleinen Teufelchen mit Schwefelgestank ausfahren, oder dass schlimme Krankheiten auf wundersame Weise verschwinden. Jesus sendet ja keine Ärzte und Chirurgen. Hier geht es um sehr viel mehr: es geht darum, dass all das, was in dieser Welt im Argen liegt, was Menschen das Leben schwer macht, ja das diese Welt von der Wurzel her gesund und heil gemacht werden soll. Es geht um die Vollmacht, die Welt im Kern zu heilen und dem Leben zum Durchbruch zu verhelfen gegen alles, was lebensfeindlich ist: Streit und Missgunst, Rechthaberei und Neid, Konkurrenzkampf und Eifersucht, Egoismus und die ewige Angst, selber zu kurz zu kommen: das sind die bösen Geister, die es vor allem auszutreiben gilt. Das ist die Wurzel zu der Krankheit, an der unsere Welt und die Menschen leiden. Und die Vollmacht, diese bösen Geister auszutreiben, diese Krankheiten zu heilen: die haben wir alle in der Taufe geschenkt bekommen. Es ist die Liebe, mit der Gott uns bedingungslos und unvoreingenommen liebt. Und je mehr wir diese Liebe zulassen, je mehr wir uns wirklich von Gottes Liebe erfüllen, berühren, heilen lassen, um so mehr sind wir selbst in der Lage, anderen mit Liebe zu begegnen.
  7. Liebe: das ist im Grunde ein anderes Wort für diese Vollmacht, die Gott uns schenken will und längst geschenkt hat: die Vollmacht, die Welt von innen heraus zu heilen. Die Liebe hat die Kraft, all diese lebensfeindlichen Kräfte, all das, was diese Welt so kaputt und unmenschlich macht, von der Wurzel her zu heilen. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir als Christen Zeugen dieser Liebe sind, die von Gott kommt. Wo wir einander mit Liebe begegnen, da wird tatsächlich etwas vom Reich Gottes schon hier und jetzt spürbar. Wo wir mit echter, ehrlicher Liebe den Menschen begegnen, da beginnen sie zu spüren, dass wir dem Reich Gottes wenigstens ein Stück näher gekommen sind.
  8. Jeder Mensch sollte sich bemühen, die Welt ein wenig besser zu verlassen, als er sie angetroffen hat. Das hat Lord Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinder, einmal gesagt. Und genau das meint auch Jesus. Und mehr noch: er hat uns auch die Möglichkeiten, die Instrumenten, die Vollmachten mit auf den Weg gegeben, die es dazu braucht. Mit seiner Liebe hat er uns alles gegeben, was wir brauchen, um die Welt wenigstens ein Stück besser zu machen, um Reich Gottes etwas weiter wachsen zu lassen. Er hat uns seine Liebe geschenkt. Das ist die Vollmacht, die die Welt im Kern heilen kann. Und diese Liebe hat er uns umsonst geschenkt, damit wir sie umsonst weiterschenken. Amen.