Schmuckband Kreuzgang

Predigt vom 16. Sonntag im Jahreskreis

19.07.2020

Unkraut und Weizen

  1. Sonntag, LJ A (2020): zu: Weish 12,13.16-19; Mt 13, 24-43

(Dom / nur Vorabendmesse)

  1. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ – so lautet der provokante Titel eines Buches, das sich mit der Sprache der Kirche auseinandersetzt. Die kirchliche Sprache sei zu abgehoben, zu kompliziert und für einfache Menschen, die keinen Zugang zum Glauben haben, nicht mehr verständlich, lautet die These. Da ist was dran. So wie die Politiker, wie Bänker, wie Börsenleute, so wie die Jugendkultur und andere gesellschaftliche Gruppen, so haben wir auch in der Kirche einen ganz eigenen Sprachstil. Die Gefahr ist, dass der eben irgendwann nicht mehr von allen verstanden wird.
  2. Jesus sprach dagegen eine Sprache, die alle verstanden haben, besonders die einfachen Menschen. Er benutzt, um die eigentlich gar nicht rational zu verstehenden Geheimnisse Gottes den Menschen zu vermitteln, den Sprachstil der Gleichnisse. Die meisten der Gleichnisse, in denen er versucht, den Himmel, die Sphäre Gottes zu erklären, sind sehr anschauliche Gleichnisse aus der Natur: das Gleichnis vom Sämann und der Saat, aber auch das heutige Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen. Obwohl man sich das heute kaum mehr vorstellen kann im Zeitalter des maschinellen Ackerbaus, dass ein Weizenfeld voller Unkraut steht. Mit den Mitteln und Möglichkeiten, die die Landwirtschaft heute hat, kann man das leicht verhindern. Um das Gleichnis in seiner ganzen Tiefe zu verstehen, muss man sich daher ein Getreidefeld zur Zeit Jesu vorstellen, als es weder Dünger noch chemische Hilfsmittel gab und der Acker noch meistenteils per Hand bearbeitet werden musste. Das spross zwischen dem Weizen reichlich Unkraut, das dem Landwirt das Leben schwer machte, nicht bloß hier und da mal ein einzelner Halm.
  3. Dann erst wird deutlich, was Jesus mit dem Gleichnis meint: Wie kann Gott es denn zulassen, dass in der Welt die Gerechten, die sich um das Reich Gottes bemühen, immer nur ein paar einzelne Wackere sind, die fast erstickt werden von der Masse derer, die sich um Gott und Glauben nicht scheren? Das ist eine Erfahrung, die so alt ist wie die Verkündigung des Reiches Gottes selbst: das Reich Gottes wächst kaum sichtbar mitten unter einer Masse von Unkraut. Wenn doch Gott will, dass das Reich Gottes wächst und sich ausbreitet, wieso hindert er dann nicht das Unkraut, wieso reißt er es nicht aus, oder heute würden wir vielleicht sagen: warum fährt er nicht einfach mit einem Sprühnebel von Chemikalien drüber und spritzt das Unkraut ab?
  4. Im Grunde ist es genau dieselbe Frage, die schon die Menschen Am Alten Testament beschäftigt hat: wieso greift Gott nicht einfach einmal durch, wieso räumt er denn nicht auf mit dem Bösen und dem Übel in der Welt? Wieso lässt er das alles zu? Warum lässt er zu, dass die Gerechten leiden müssen, während manche üble Gauner in Saus und Braus und frohgemut vor sich hin leben? Wieso lässt er zu, dass ausgerechnet dieser gute Mensch, den wir lieben, der keiner Menschenseele je etwas getan hat, an einer unheilbaren Krankheit erkrankt und sterben muss? Während vielleicht mancher Schwerverbrecher kerngesund ist und uralt werden darf. Ist das nicht ungerecht? Wie kann Gott es zulassen, dass religiöse Fanatiker durch brutale Selbstmordattentate völlig unschuldige Menschen wahllos umbringen? Warum schreitet er da nicht ein? Oder ist er vielleicht machtlos, zu schwach, um etwas zu ändern? Oder ist er wie ein schlampiger Bauer, der einfach aus Faulheit und Bequemlichkeit seinen Acker verkommen und das Unkraut spießen lässt?
  5. Offensichtlich stehen genau solche Fragen hinter dem, was uns in der Lesung aus dem Buch der Weisheit gesagt wurde. Und die Antwort ist verblüffend: Gott hat es gar nicht nötig, seine Macht und Gerechtigkeit dadurch unter Beweis zu stellen, dass er blindwütig dreinschlägt. Gerade weil er so mächtig ist, kann er sich Milde leisten, kann er nachsichtig und geduldig sein auch mit denen, die nicht nach seinem Willen leben und handeln. „Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht!“ Es ist ein Zeichen der großen Souveränität und Stärke Gottes, dass er uns nicht zornig und strafend begegnet, sondern Geduld mit uns hat und die Hoffnung niemals aufgibt, dass wir Menschen zur Vernunft kommen und uns zum Guten bekehren.
  6. Genau das will Jesus mit dem Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut sagen. Wer ungeduldig glaubt, alles Unkraut sofort ausreißen zu müssen, der macht mehr kaputt als er gut macht. Lasst das Unkraut mit dem Weizen zusammen wachsen. Gebt auch dem Unkraut eine Chance.
  7. Nun ist klar, dass Unkraut Unkraut ist und niemals zum Weizen wird. Trotzdem ist es interessant, dass wir ja heute manches in unsere Vorgärten pflanzen, was Generationen vor uns kopfschüttelnd als Unkraut ausgerissen hätten. Manchmal braucht es einfach Geduld um zu erkennen, was wirklich schädliches Unkraut ist und was vielleicht doch seinen Nutzen oder seine eigene Schönheit hat. Gott hat mit uns Menschen unendlich viel Geduld, und er gibt die Hoffnung niemals auf, dass aus manchem, was vielleicht auf den ersten Blick wie Unkraut aussieht, doch noch guter Weizen wird. Oder wenn schon nicht Weizen, dann doch etwas, was seinen eigenen Nutzen hat. Und wenn Gott mit uns diese Geduld hat, dann dürfen, nein dann müssen wir auch mit den Menschen Geduld haben, bei denen wir auf den ersten Blick meinen, da ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Dann müssen wir jedem immer wieder eine Chance geben ohne je die Hoffnung aufzugeben. Denn letztlich steht allein Gott am Ende das Urteil zu, was Unkraut ist und was Weizen. Amen.