Schmuckband Kreuzgang

Fans des Fegefeuers

Dr. Marius Reiser sprach über die "Letzten Dinge"

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Do 14. Nov 2019
Tobias Sattler

Der Neutestamentler, Altphilologe und ehemaliger Theologieprofessor Dr. Marius Reiser sprach über das Fegefeuer als Ort der Gnade Gottes und bekannte sich als "Fan des Fegefeuers" wie auch Pfr. Christoph Klock.

Zu Beginn seines Vortrags ging er auf den Ausdruck "Die Letzten Dinge" ein. Die Kirche lehrt, deren seien vier: Tod, Gericht, Himmel und Hölle - nachzulesen in jedem Katechismus. Gesamtgesellschaftlich verstehe man aber unter den "letzten Dingen" womöglich eine Checkliste, was man vor dem eigenen Tod alles noch zu regeln hätte bzw. was die Hinterbliebenen nach dem Tod ihres Angehörigen in die Wege zu leiten haben.

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Reiser warb dafür, den Tod ernst zu nehmen als entscheidende Schnittstelle, an der Raum und Zeit für den Einzelnen endeten, wie auch die Suche und das Bemühen um die eigene und besondere Aufgabe im Leben, die man von Gott erhalten habe (laut Henry Newman). Gericht hieße beurteilt zu werden, ob man eben diese Aufgabe erfüllt oder sich zumindest intensiv darum bemüht habe.

Mit dem Tod beginne ein Zustand der reinen Gegenwart; die Ungewissheit der Hinterbliebenen, ob der Verstorbene nun direkt bei Gott sei oder in einem Zwischenzustand oder wo auch immer, sei somit unbegründet. Dennoch sei es wichtig, für die Verstorbenen zu beten und in Verbindung zu bleiben. Folge man der Vorstellung von Dante aus der "Göttlichen Komödie", müssten die Verstorbenen je nach ihren Taten dafür mit einem Stein im Nacken einen kegelförmigen Berg erklimmen und sich unterwegs durch Anschauung leuchtender Vorbilder reinigen lassen und dazu helfe ihnen auch das Gebet.

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Auf Himmel und Hölle kam Marius Reiser nur kurz zu sprechen und schloss sich hierbei besonders dem Schweizer Theologen Hans-Urs von Balthasar an: "Wir müssen an die Hölle glauben, aber wir dürfen hoffen, dass keiner drin ist". Ebenso knüpfte er an den Gedanken eines seiner Lieblingsheiligen an, des heiligen Don Bosco, der in jedem auch noch so verdorbenen Menschen ein guter Kern erkannte; er könne sich Gott gar nicht anders vorstellen als jemand, der diesen Kern kennt, und diesen auszubauen vermag, sodass es für den Himmel reichen sollte durch Gottes Gnade.

Einen größeren Raum im Vortrag und auch in der anschließenden angeregten Diskussion fand das Thema "Fegefeuer". Reiser stelle sich diesen Zustand als eine Art "Nachreifung" vor, um anschließend reif für den Himmel zu sein. Diese Reife und Reinheit hätten nur die Heiligen im Leben erlangt. Wir alle sollten nach Heiligkeit streben, aber kämen wohl nicht ohne Fegefeuer in den Himmel. Dies wäre gar eine Gnade Gottes und Martin Luther hätte die Vorstellung vom Fegefeuer auch erst nach der Reformation um 1530 abgeschafft, um dem Ablasshandel den Boden zu entziehen. Das Fegefeuer sei wichtig anzunehmen; auch bei Paulus findet sich ein Hinweis darauf in 1 Kor 3,15: Das Selbst wird gerettet werden wie durch ein Feuer hindurch. Reiser bekräftigte: "Wenn Dante, Luther, Paulus und ich übereinstimmen, dann muss es doch wahr sein". 

Rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten gespannt den Ausführungen des Neutestamentlers, der 2009 freiwillig auf seinen Lehrstuhl angesichts des anstehenden Bologna-Prozesses verzichtet und damit großes Aufsehen erregt hatte, und spendeten Beifall.