„Die Würde der Menschen steht für uns im Mittelpunkt“

Interview mit Mykhaylo Melnik, Referent der  Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche

Do 28. Mai 2020
Mykhaylo Melnik, Referent der  Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche

Angesichts der Corona Pandemie ist der Krieg in der Ukraine fast in Vergessenheit geraten. Aber die Menschen dort leiden unter dem Krieg, unter mangelnden Sozialstrukturen, und Unsicherheit. Viele verlassen ihre Heimat, um im Westen als Arbeitsmigranten zu arbeiten, als LKW-Fahrer, als KrankenpflegerInnen und Schlachter. Das Katholische Hilfswerk Renovabis versucht, diese Menschen zu unterstützen und den Wunsch nach Frieden und Versöhnung zu stärken. Gemeinsam mit der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) arbeitet Renovabis in konkreten sozialen Projekten.

 

Wie ist die derzeitige Situation angesichts Corona in der Ukraine?

Die Quarantänemaßnahmen treffen viele Ukrainer hart. In den letzten 24 Stunden wurden 259 neue Fälle nachgewiesen. Insgesamt wurden während  der Pandemie 21.245 an Covid-19-Erkrankte festgestellt. Die Erkrankungen wurden bei 1.546 Kindern und 4.112 Ärzten und Pflegekräften bestätigt.

Die niedrigen Angaben liegen wohl auch daran, dass es im Land kaum Tests auf das neuartige Virus gibt. (Bis Mitte März wurden nur 43 Tests durchgeführt) Die Dunkelziffer der Infizierten könnte deutlich höher liegen.

Nach Aussagen der Regierung kommen zu den offiziell gemeldeten rund 400.000 Arbeitslosen mehr als 2 Millionen Menschen hinzu, die aktuell nicht arbeiten können. Darunter sind auch viele ukrainische Arbeitsmigranten, die ihre Jobs in Polen und anderen Ländern verloren haben und laut Weltbank im Jahr 2019 rund 16 Milliarden US$ in die Heimat überwiesen haben. Der ukrainische Staat kann diese Krise nicht abfedern.

Insgesamt kann man sagen, dass die Regierung zumindest in der Anfangsphase der Krise unvorbereitet war:  Niedrige Anzahl an durchgeführten Covid-19-Tests und Versäumnisse bei den Gesundheitskontrollen an den Grenzen (fehlende Gesundheitstests und die sehr verspätete Entscheidung, die erforderliche Ausrüstung für den Flughafen Kiew-Boryspil zu bestellen).

Die Verbreitung des Coronavirus stellt für die ukrainische Regierung und für die Gesellschaft eine große Bewährungsprobe dar, die zugleich eine Möglichkeit bietet, sich gegen die Bedrohung zu vereinen – und die jüngsten Verwerfungen hinter sich zu lassen. Daraus resultiert ein Vertrauensverlust in das Gesundheitssystem und die staatlichen Institutionen.


Wie arbeiten kirchliche Strukturen in dieser Lage?

Die Corona-Pandemie trifft die breite Palette der Einrichtungen und Dienste der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) mit großer Wucht - und je nach Bereich extrem unterschiedlich. Manche sind im Kampf gegen das Virus gefordert, andere mussten Ihre Tätigkeit auf Eis legen, oder aber sich neu erfinden, um weiterhin im Dienst der Menschen zu stehen.   

Krankenhäuser, Polikliniken und Apotheken wurden aufgegeben oder sind in einem schlechten Zustand. Die Ausrüstung ist oft veraltet, es fehlt an Medikamenten. Viele Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger haben die Gegend verlassen. Die verbliebenen Mitarbeiter sind oft überlastet, nicht selten mangelt es an Fachkenntnissen und Erfahrung.

Auch wenn die Infektionswelle in Ukraine inzwischen abgeflacht ist: In den Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Obdachlose und anderen sozialen Randgruppen kämpfen die Einrichtungen und Dienste der UGKK und ihre Mitarbeitenden weiterhin gegen das Virus.

Die UGKK hatte ein Anti-Krisenzentrum eingerichtet. Das Anti-Krisenzentrum ist seit mehr als zwei Monaten aktiv tätig, koordiniert den Dienst der Kirche während der Pandemie und sucht nach Möglichkeiten, den Bedürftigen zu helfen.

Der UGKK hat auch seinen Kirchenraum für Mediziner zur Verfügung gestellt, wo sie bei Bedarf unter Quarantäne gestellt werden können. Dabei handelt es sich um das Patriarchenhaus in Lemberg, das Theologische Seminar in Iwano-Frankiwsk und andere kirchliche Einrichtungen, die nach Angaben des Priesters bei Bedarf für medizinisches Personal zur Verfügung gestellt werden können.

Eine der aktivsten Formen des kirchlichen Dienstes besteht heute darin, die Hungrigen zu speisen. Durch die Bemühungen der Kirche und von Sponsoren wurden mehr als 7.000 Lebensmittelsets an die Häuser verschiedener Kategorien von Menschen in der ganzen Ukraine geliefert. Hier steht die Würde jedes einzelnen Menschen im Mittelpunkt.

Mit Hilfe von Renovabis und der deutschen katholischen Kirche wurden Projekte finanziert, die zum Ziel die Unterstützung des medizinischen Personals, die Versorgung von alten und bedürftigen Menschen und die Versorgung von obdachlosen Menschen haben. Die Projekte versuchen, allen Menschen guten Willens und ohne Religionszugehörigkeit zu helfen. Vielerorts wird versucht, mit großem Engagement und Pragmatismus verschiedene Leistungen anzubieten.

Auch UGKK und viele Caritasverbände in der Ukraine haben Spendenprojekte ins Leben gerufen, um von den Folgen der Pandemie besonders betroffene Menschen, unter ihnen beispielsweise wohnungslose Menschen, zu helfen.

 

Welche sind Eure "eigentlichen" Schwerpunkte in der Arbeit? Also ohne die jetzige Corona-Situation, die ja alles verändert hat...

Die Sozialakademie der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche (im Folgenden: Sozialakademie) versucht seit ihrer Gründung im Jahre 2013, Antworten auf die existentiellen Fragen vieler junger Menschen zu finden und sie vor einem Absturz als Folge von Arbeitslosigkeit zu bewahren. Von Anfang an ging es ihr darum, das Evangelium mit dem konkreten Leben zu verbinden; sie versteht sich deshalb als Initiative zur Förderung der Jugend und als Chancengeber sowohl auf kommunaler als auch auf nationaler Ebene. Ihre zahlreichen Angebote wie beispielsweise die Aus- und Weiterbildung junger Menschen und die Gründung von Genossenschaften bilden seit sechs Jahren konkrete Gesten und sichtbare Zeichen ihres aktiven und von sozialethischem Denken und Handeln geprägten Einsatzes, der maßgeblich zum Erfolg ihrer Arbeit beigetragen hat.

Die Angebote der Sozialakademie zielen darauf, Menschen und Organisationen, die den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten, zu unterstützen. Durch die gezielte Förderung persönlicher und beruflicher Fähigkeiten trägt die Akademie zur Entwicklung der Zivilgesellschaft, der lokalen Gemeinschaften und damit ganz generell zur Demokratisierung der Gesellschaft bei. Alle Aktivitäten, Projekte und Programme basieren darauf, die ukrainische Gesellschaft nach den Werten und Prinzipien der katholischen Soziallehre (Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl) zu gestalten.

Als Instrument zur Stärkung der Jugend und ihres Engagements im zivilgesellschaftlichen Leben ist das „Konzept der sozialen Innovation“ im Sinne eines ununterbrochenen Engagements zur Gestaltung einer besseren Welt die Grundlage unserer Arbeit. In diesem Zusammenhang werden junge Menschen zu einer alternativen Lebensweise ermutigt, die nur mit einer bestimmten Glaubenshaltung und der Offenheit gegenüber Gottes Verheißung entdeckt und klarer herausgearbeitet werden kann. Diese „katholischen sozialen Innovationen“ tragen sowohl zur persönlichen als auch zur beruflichen Entwicklung von moralisch integren Staatsbürgern bei und helfen zugleich bei der Lösung sozialer Probleme und beim Aufbau des Gemeinwohls auf nationaler und kommunaler Ebene. Darüber hinaus entsprechen die sozialen Innovationen direkt den Prinzipien der katholischen Soziallehre und sind auch ein hervorragendes Beispiel für ihre Implementierung im Dienste der Armen und Randgruppen.

Die Bildungsprogramme gehören zu den zentralen Aktivitäten der Sozialakademie. Als Agentur und Motor für soziale Innovationen erarbeiten wir gemeinsam mit junger Menschen innovative Produkte und Dienst­leistungen rund um unsere Schwerpunkt­themen Social- und Inclusive Entrepreneurship, Capacity Bildung, Sozialwirtschaft und ländlicher Raum.

In der Sozialakademie erhalten junger Menschen, kirchliche Einrichtungen, Sozial­unternehmen und soziale Initiativen umfassende und professionelle Unter­stützung - Coaching & Beratung, Work­shops und Netzwerk-Events. Schwerpunkt unserer Programme liegt auf den Themen Inklusion, Armutsbekämpfung und Jugendarbeitslosigkeit. Durch soziales Unternehmertum werden die Grundprobleme der Armut, Inklusion und der Jugendarbeitslosigkeit durch die Kraft der Wirtschaft und der Innovation angegangen, um nachhaltige wirtschaftliche und soziale Auswirkungen zu erzielen.

Die Programme und Aktivitäten sollen das Bewusstsein für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wecken und den Menschen dazu befähigen, die Zukunft zu gestalten und nachhaltige Ideen zu entwickeln. Die Gründung von eigenen Initiativen der Teilnehmenden trägt zur Übertragung ihrer Visionen auf die Gesellschaft bei, die somit aufgefordert wird, selbst aktiv zu werden und immer neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Die Sozialakademie leistet damit einen Beitrag zur weltweiten Verbreitung sozialer Innovationen – die Welt ist voller Ideen und braucht nur viele mutige und positiv denkende Menschen zu deren Umsetzung.

 

Situation Ostukraine: Gibt es Entwicklungen in positive Richtung, hat ein Jahr Präsidentschaft Selenskij etwas verändert?

 In Bezug auf den Donbas gab es einige Anfangserfolge, wie den mehrfachen Austausch von Gefangenen, den Bau einer neuen Brücke beim Übergang in Stanyzja Luhanska oder die (kontroverse) Truppenentflechtung in drei Ortschaften. Es gab auch mehrere bilaterale Gespräche zwischen Selenskyj und Putin sowie ein Gipfeltreffen im Normandie-Format im Dezember 2019. Selenskyj und sein Team scheinen davon ausgegangen zu sein, dass diese Schritte sich steigern ließen. Ohne Änderung der russischen Haltung wird es allerdings unmöglich sein, substanziellere Fortschritte zu erreichen. Auch in Pandemie-Zeiten gibt es keine Anzeichen für eine Aufweichung der russischen Position. Und innerhalb der Ukraine werden weitere als Konzessionen wahrgenommene Handlungen auf erheblichen politischen und gesellschaftlichen Widerstand stoßen.

Statt konsequent auf eine Besserung der humanitären Lage zumindest in den von der Ukraine kontrollierten Territorien zu setzen, investieren Selenskyj und sein Team (vor allem sein Bürochef Andrij Jermak) viel Zeit und Energie in Verhandlungen und neue Vorschläge, obwohl kaum zu erwarten ist, dass die russische Seite ihnen entgegenkommt. Eine Strategie scheint es hier nicht zu geben, höchstens eine Kette von Ad-hoc-Schritten, die zwar die Avancen der ukrainischen Seite deutlich machen, aber das Ziel, Frieden herzustellen, höchstwahrscheinlich verfehlen werden, da dieser nicht im russischen Interesse liegt.

Anders als sein Vorgänger thematisierte Selenskyj die Notwendigkeit, die Bevölkerung im gesamten Donbas als ukrainische Staatsbürger/innen anzusprechen und Verhandlungen über einen möglichen Kompromiss mit Russland zu führen. Die neue Rhetorik machte es für Russlands Präsidenten Wladimir Putin erforderlich, auf Selenskyj zu reagieren. Selenskyjs politische Gegner/innen legen ihm sein Bemühen um Frieden als Ausverkauf ukrainischer Interessen aus, doch diese Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet. Spätestens mit der Corona-Pandemie ist nun auch die umstrittene Idee der Lokalwahlen im gesamten Donbas im Herbst 2020 unrealistisch geworden.

Momentan scheint die Corona-Pandemie Selenskyjs Vertrauensverlust in der Bevölkerung etwas aufzuhalten: Laut einer Umfrage vom 22.–24. April 2020 befürworten 55 Prozent Selenskyjs Politik in der Corona-Krise. Er wird derzeit an seinem Versuch gemessen, die Pandemie unter Kontrolle zu halten, während die Themen Korruption und Krieg in den Hintergrund gerückt sind. Aber seine bereits vor Covid-19 sinkende Popularität wird weiter abnehmen, wenn das Ausmaß der sozioökonomischen Folgen der Pandemie deutlich wird. Selbst ein neuer Zyklus von Parlamentsauflösung, vorgezogenen Wahlen, einer wachsenden Konfrontation zwischen Exekutive und Legislative und Protesten ist nicht auszuschließen.

 

Wie versuchen kirchliche Verbände zu agieren:

psychosoziale Arbeit, Hilfe für Vertriebene, Traumatisierte, Arbeitslose etc.?

 Kirchliche Strukturen sehen eine große Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft. Das prägt die Aufbruchstimmung der Menschen, denen wir begegnen. Den unerschütterlichen Willen, trotz aller Probleme, weiter für die Unabhängigkeit zu kämpfen und ein autoritäres System zu verhindern, die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten und Reformen voranzutreiben.

Besonderes Augenmerk wird gelegt auf die psychologischen Beratungs- und Behandlungsangeboten von Menschen, die durch die Gewalterfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung traumatisiert sind. Die derzeitigen Initiativen und Anstrengungen der Kirchen in der Ukraine, Menschen nach traumatischen Ereignissen durch Krieg und Flucht zu betreuen, sind ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag UGKK, um die aktuelle Not der Menschen zu lindern, die durch den Krieg viel Gewalt und Grausamkeit erlebt haben. Durch die Unterstützung ist es möglich, dass das UGKK in diesen Jahren im Bereich der psychologischen Hilfe und Betreuung von traumatisierten Menschen und ihren Angehörigen eine Reihe von aufeinander abgestimmten Maßnahmen wie Therapiemaßnahmen, psychologische und geistliche Rehabilitationskurse und Schulungen  für unterschiedliche Zielgruppen durchführen kann.

Das seit 2015 bestehende Krisenkoordinationszentrum der Patriarchalkurie der UGKK unter Leitung von Weihbischof Bohdan Manyshyn (UGKK-Eparchie Stryj) konnte in Zusammenarbeit mit den Militärseelsorgern der UGKK bereits eine Reihe von positiven Erfahrungen hinsichtlich der Kooperation zwischen Priestern und Psychologen im Bereich der psychosozialen Rehabilitation sammeln. So konnten inzwischen einige Rehabilitationsprogramme auf Bistumsebene in einzelnen Eparchien und Exarchaten der UGKK begonnen werden, deren Umsetzung nun in den griechisch-katholischen Pfarrgemeinden mit Unterstützung von Priestern und Psychologen erfolgen soll.

 Auf Grund der aktuellen Krise mit dem Corona-Virus, hat die Sozialakademie sofort eine Reihe von Anti-Krisen-Webinaren zum Thema Organisationsentwicklung in kirchlichen Einrichtungen organisiert. Wir sprachen darüber, wie man in einer schwierigen Zeit handeln kann, wie man seine religiöse Organisation an neue soziale und wirtschaftliche Herausforderungen anpasst und wie man optimale Lösungen findet.  Alle Webinare waren in 3 Themenbereiche unterteilt:

  • Kommunikation - wie man Kommunikation während einer Krise aufbaut;
  • Koordination - wie sie ihr Handeln sorgfältig ausrichten, um die Situation zu lösen;
  • Zusammenarbeit - über die gemeinsamen Arbeitskräfte und die Vorteile des Zusammenhalts in einer schwierigen Zeit.

Experten tauschten Erfahrungen darüber aus, wie die Herausforderungen, vor denen jede Organisation jetzt steht, bewältigt werden können.

 Laut einer UNICEF-Prognose geraten 43% Ukrainer unter die Armutsgrenze. Die Kirche und Sozialakademie kämpfen für diese Menschen. Das Geld fällt so einfach vom Himmel nicht. Gemeinsam mit unseren Partner*innen arbeiten wir für eine inklusive Gesellschaft und für berufliche Selbstständigkeit als Alternative für Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderung. All diese Geschäftsmodelle und Projekte leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, dass die Ziele nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen erreicht werden – das werden wir nur durch gemeinsame Arbeit schaffen.

Denn die aktuelle Situation bringt auch eine Welle an Solidarität und Hilfsbereitschaft mit, die mich hoffen lässt. Hoffen darauf, dass wir gemeinsam das nicht nur überstehen, sondern es so gut es geht gestalten und vielleicht anders weitermachen.


Gibt es eigentlich "Versöhnungsinitiativen" der Kirchen? Dies mit Blick auf das Jahresthema von Renovabis?

 Bereits sechs Jahren lebt die Ukraine im Krieg. Das ist ein sehr seltsamer Zustand. Besonders im Hinblick darauf, dass es offiziell keinen Krieg in der Ukraine gibt – es gibt nur eine „antiter-roristische Operation“ (ATO), in der richtige Panzerschlachten geführt werden, Frontdurchbrüche und Einkreisungen stattfinden, sowie Städte stark bombardiert werden. Die russische Propaganda nennt diesen Krieg „hybrid“. Auf eine gewisse Weise ist das richtig – hybrid ist in diesem Krieg die Verbindung von Ideologien und Ängsten, geopolitischen Konzepten und kulturellen Gesinnungen. Hybrid ist die Position Russlands. Hybrid sind politische Erklärungen und militärische Entscheidungen. Nur der Tod in diesem Krieg ist real, nicht hybrid. Und die Ruinen sind auch echt.

Es ist schwierig, sich an den Krieg zu gewöhnen. Man kann sogar sagen, dass es unmöglich ist. Niemand wird geboren, um erschossen zu werden, niemand bereitet sich auf ein Leben unter Artilleriebeschuss vor. Niemand rechnet damit, dass er in Gefangenschaft gerät oder als Geisel genommen wird. Der Krieg bricht alles um sich herum, vor allem die Biographien und Seelen der-jenigen, die in sein Kraftfeld, in seinen Einflussbereich geraten. Seit Beginn der Kriegshandlungen wird das Leben in die Zeit „vor dem Krieg“ und „nach dem Krieg“ unterteilt. Eine derartige Teilung tut zuerst weh im Ohr, du kannst sie nicht wahrnehmen. Aber die Zeit vergeht, und mit der Zeit geht auch der Schock vorbei. Heute hört man in der Ukraine immer öfter dieses „vor dem Krieg“. Dabei lässt das Land, das es vor dem Krieg, der Revolution und der Trennung mit der Frontlinie gab, bei niemandem besondere Nostalgiegefühle entstehen – es gab darin zu viele Widersprüche, und es gab zu viel zum Reklamieren. Es gab darin jedoch keinen Krieg.

Alle sind müde von dem Krieg – sowohl die Zivilisten als auch die Militärs. Selbst diejenigen, die freiwillig kämpfen und diesen Weg für sich ausgewählt haben. Jeder versteht – auch wenn man nicht über die täglichen Opfer und Zerstörungen redet (aber wie kann man nicht davon reden?). Und mit jedem Kriegstag werden die Probleme der Wirtschaft sichtbarer, immer illusorisch wer-den die Chancen, rasch und radikal dieses Land zu verändern, immer bemerkbarer macht sich eine allgemeine Ermüdung, eine allgemeine Ermattung. Man fragt, wann der Krieg endet. Man fragt alle – wahrscheinlich darum, weil niemand weiß, wer konkret ihn stoppen könnte. Manche wollen zurück nach Hause, die Militärschuhe ausziehen und sich nicht mehr an diesen Albtraum erinnern. Manche wollen in die eigene Stadt zurückkehren, aus der man fliehen musste, um zu versuchen, von vorne zu beginnen.

Manche wollen das Geschäft retten. Manche wollen das Studium abschließen. Manche wollen einfach alte Freunde treffen, sich mit den Eltern zu versöhnen, die sich plötzlich jenseits der Front befunden haben. Und auch auf der anderen Seite der Front, vermute ich, gibt es viele, die wollen, dass der Krieg vorbei ist.

Eine andere Sache ist – wie könnte er für sie enden? Mit der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit? Mit dem Anschluss dieses kleinen halblebendigen Stücks Territoriums an Russland? Oder mit einer Siegesparade auf den Straßen von Kiew? Ich fürchte, dass heutzutage nur sehr wenige in der Lage sind, von einer Zukunft ohne Beschuldigungen und Revanchismus zu sprechen. Also wirklich von der Zukunft und nicht von einer Vergangenheit, die nicht endet, zu sprechen. Wir sind alle in die Mitte der Geschichte geraten, an ihren blutigsten und schmerzhaftesten Punkt, wo sie kocht und zerfällt. Sie zerfällt zusammen mit unseren Vorstellungen vom Guten und der Gerechtigkeit, zusammen mit unseren Gewohnheiten und Vorlieben, zusammen mit unseren Illusionen und Leichtfertigkeit. Die Geschichte ist so nah bei uns, dass uns das Recht auf eine objektive und distanzierte Stellung ihr gegenüber genommen worden ist, wir betrachten sie hautnah, berühren die Narben auf ihrer Haut und fühlen diese Haut, wie straff und heiß sie ist. Alle wollen, dass der Krieg endet, jedoch können sich nur wenige vorstellen, was wird, wenn er endet. Wie soll man sich gegenüber denjenigen verhalten, gegen die man gekämpft hat? Wie soll man sich gegenüber den Nachbarn verhalten, die sich als Aggressoren erwiesen haben? Wie sollen wir uns selbst gegenüber verhalten? Was sollen wir mit diesen Ruinen, mit diesen zerbombten Bahnhöfen, verbrannten Schulen, toten Fabriken tun? Was tun wir mit den Verletzungen, Wunden, Phantomschmerzen? Offensichtlich wird man die Wunden heilen und die Ruinen wieder aufbauen müssen. Unabhängig davon, wann dieser Krieg endet, wird man die Bahnhöfe und Schulen renovieren müssen. Weil sie funktionieren müssen, anders geht es nicht. Jeder Krieg endet früher oder später. Es ist jedoch nicht gesagt, dass damit auch alle Schwierigkeiten vorbei sind. Es ist gut, dies heute zu verstehen, um im Morgen nicht wieder Illusionen anzuhängen.

Auf den Frühling wartet man immer. Vor allem während des Krieges. Mit dem Frühling sollte traditionell etwas Neues beginnen, irgendwelche Änderungen eintreten. Obwohl man an rasche Veränderungen in der Ukraine nicht besonders glaubt. Eher umgekehrt. Alle verstehen, dass der Krieg morgen nicht endet. Alle verstehen, dass keine Waffenruhe glaubwürdig ist.

Die Waffenruhe ist nur eine Zeit für die Sammlung und Verlegung von Truppen. Was morgen wird, vermag niemand zu sagen. Wie man in dieser Situation handeln soll – jeder entscheidet für sich selbst.

Die Zahl der aufgrund traumatischer Erlebnisse auf Hilfe angewiesener Menschen stieg seither kontinuierlich an. Sowohl viele Binnenflüchtlinge (IDPs), die in der Ukraine als „Umsiedler“ bezeichnet werden, als auch viele ukrainische Soldaten und Freiwillige, die monatelang in der Ostukraine gekämpft haben, leiden aufgrund der unmittelbaren Erfahrungen von Krieg und Gewalt häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und benötigen daher dringend psychologische Hilfe und Betreuung. Aufgrund der schweren seelischen Verletzungen fällt es vielen Soldaten nach ihrer Rückkehr in die Heimat besonders schwer, sich im normalen Alltag wieder zurechtzufinden und sich in das Familienleben zu integrieren.

Die staatlichen Stellen in der Ukraine sind allerdings nicht in der Lage, den betroffenen Menschen die adäquate psychologische Hilfe und Betreuung zukommen zu lassen. Meist fehlt es an ausreichend ausgebildeten Fachleuten und staatlichen Einrichtungen im Bereich der Psychotherapie und der psychologischen Trauma-Arbeit. Darüber hinaus sind die wenigen Fachleute und Leiter von Gesprächstherapie-Gruppen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen hoffnungslos überlastet.

Angesichts des aktuell großen Bedarfs nach geeigneten psychologischen Beratungs- und Behandlungsangeboten in der Ukraine engagieren sich derzeit beide katholischen Kirchen und ihre jeweiligen Caritasorganisationen, aber auch einzelne Ordensgemeinschaften besonders stark in der psychosozialen Beratung und Betreuung von Menschen, die durch die Gewalterfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung traumatisiert sind. Neben den Binnenflüchtlingen sind es vor allem ehemalige Soldaten und freiwillige ATO-Kämpfer sowie deren Familienangehörigen, um die sich die Kirche kümmert. Darüber hinaus sind es aber auch die eigenen Militärseelsorger, die im Kriegsgebiet tätig waren und ebenfalls an post-traumatischen Stress-Symptomen leiden. Seit Jahren unterstützt Renovabis der psychologischen Hilfe und Betreuung für die Opfer des Krieges durch die Kirche als auch eine entsprechende Schulung und Weiterbildung ihrer Priester und kirchlichen Mitarbeiter im Bereich der Trauma-Arbeit. Durch die Unterstützung von Freiwilligen wie z.B. Priestern, Ordensleuten, freiwilligen Helfern (ziviler Friedensdienst) und Laien aus den Pfarrgemeinden lässt sich der Zeitraum der psychischen Belastung verkürzen und dank der Unterstützung des sozialen Umfeldes die Zahl der auf spezielle therapeutische Hilfe angewiesenen Patienten verringern.

In den sechs Jahren des Ukraine-Krieges haben die orthodoxen Kirchen unterschiedliche und zum Teil sehr ambivalente Haltungen zum Krieg eingenommen. Neben praktischen Initiativen der Versorgung von Flüchtlingen oder vereinzelten Projekten zu Dialog und Versöhnung auf lokalem Niveau stehen und der Versuch, kirchliche Identitäten mit politischem Kalkül gegeneinander auszuspielen.

In allen Kirchen fehlt eine systematische theologische sozialethische Auseinandersetzung mit den beiden Themen Krieg und Frieden. Darum dominieren in der Situation akuter militärischer Gewalt einerseits individual-ethische Appelle, andererseits fehlen die Mittel, einer Instrumentalisierung der kirchlichen Position durch kirchliche, gesellschaftliche und politische Akteure effektiv entgegen zu wirken.

Die Kirchen müssen sich in den gesamtukrainischen Prozess der Versöhnung einbringen und Voraussetzungen schaffen, damit die sprachlichen, ethnischen, kulturellen und religiösen Divergenzen nicht nur akzeptiert, sondern im Bewusstsein der Menschen als eine gegenseitige Bereicherung erkannt werden. Früher oder später werden die Kirchen sicherlich auch mit der Aufgabe der ukrainisch-russischen Versöhnung konfrontiert werden.