Schmuckband Rad

In diesem Monat

Dezember 2019

Andere Prioritäten
Ich komme aus einer großen Familie und wenn ich zurückblicke, dann haben wir wohl den ganzen Advent hindurch gebastelt und Plätzchen gebacken. Die selbstgebastelten Sterne wurden in die Fenster gehängt und eine Plätzchendose nach der anderen gefüllt. Nach und nach füllte sich das Haus mit der Vorfreude auf Weihnachten. 
Es gibt so vieles, was bei uns in die Advents- und Weihnachtszeit gehörte – manches ist bis heute geblieben, anderes hat sich verändert. Untrennbar mit Weihnachten verbunden ist für mich jedoch der große Plätzchenteller auf dem Wohnzimmertisch meiner Eltern.
Vanillekipferl, Butterplätzchen, Lebzelten, Husarenplätzchen, Florentiner, Kokosmakronen, Heidesand und Spritzgebäck waren nur einige der bis zu achtzehn Sorten, die noch durch Marzipankartoffeln, Schokoladenkringel und Lebkuchenherzen ergänzt wurden. Für mich war dieser Teller immer ein Stück „Himmel auf Erden“. Mal abgesehen davon, dass die Plätzchen einfach köstlich waren, steckte in Ihnen viel Zeit und Liebe meiner Mutter und auch der Spaß, viele von Ihnen gemeinsam gemacht zu haben - ohne den ganzen Teig vorher zu vernaschen. Die Vielfalt der Geschmäcker war für mich ein kleines Wunder - und auch, dass der Teller unzählige Male aus einem schier nicht versiegenden Vorrat nachgefüllt wurde. So oder so ähnlich stellte ich mir den Himmel vor: alle, die ich liebte, waren da und von allem gab es im Überfluss.
Jedem Weihnachtsfest folgte dann im neuen Jahr die Erzählrunde am ersten Schultag nach den Ferien. Die meisten Kinder hatten die Weihnachtstage zu Hause verbracht oder ihre Großeltern besucht und einige waren nach Weihnachten zum Skilaufen in die Berge gefahren. Während meine Mitschüler davon berichteten, wie ihre Mütter und Großmütter stunden- wenn nicht tagelang (so schien es mir!) wegen der Gans, dem Rotkraut und den Knödeln in der Küche standen und keine Zeit hatten für anderes, hörte ich verwundert zu. Knödel liebte ich sehr, was jedoch an der Gans und dem Rotkohl so besonders sein sollte, verstand ich einfach nicht. Auch der Preis, dass ihre Mütter ausgerechnet an Weihnachten keine Zeit hatten, erschien mir zu hoch. Dass manche Kinder Plätzchen dann auch noch nur aus kleinen, gekauften Tüten kannten, die über die Feiertage reichen mussten – konnte ich überhaupt nicht verstehen. Meine Prioritäten waren völlig anders. Auf die Frage in der Schule nach unserem Weihnachtsessen gab es daher nur eine einzige Antwort für mich: Plätzchen! Und dies ist bis heute so geblieben. 
Manche Dinge haben sich verändert. In einer Welt, die sich verändert hat, geben Rituale und Dinge, die bleiben, Sicherheit. Sie sagen: alles ist gut. Vielleicht haben auch Sie solche Momente des „Himmels auf Erden“, nach denen Sie sich Jahr für Jahr sehnen. Es darf auch gerne ihr Weihnachtsessen, die gemeinsamen Lieder, ein Gottesdienstbesuch oder ein Nachmittagsspaziergang im Wald sein. Ich hoffe mit Ihnen, dass an den Weihnachtstagen ein Stück Ihrer Sehnsucht Raum bekommt in Ihrem Leben. Denn darum geht es an Weihnachten: dass unsere tiefe Sehnsucht in Erfüllung geht: die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Frieden und dem Wissen, dass „alles gut“ ist. 

Carola Simon
Dekanatsreferentin im Kath. Dekanat Dreieich und Beauftragte für die kath. Notfallseelsorge im Kreis Offenbach.

 

 

November 2019

Erinnern

Wenn ich in den letzten Wochen auf Spaziergängen die letzten Blumen und Blüten am Wegesrand gesehen habe, ertappte ich mich dabei, dass ich immer wieder stehenblieb, das Handy zückte und sie fotografierte. Einer Freundin schickte ich eines dieser Fotos und schrieb ihr „damit ich‘s nicht vergesse!“. Irgendwie mache ich es derzeit wie „Frederick“. Vielleicht kennen Sie noch das Kinderbuch von Leo Lionni, in dem die Maus Frederick statt der üblichen Vorräte Erinnerungen sammelt, die die Mäusefamilie wärmen, wenn im kalten Winter die Vorräte zur Neige gehen. Ich liebte diese Geschichte schon als Kind. 
Vielleicht sammeln sie anders, als ich es derzeit tue. Vielleicht schauen sie sich die Fotos ihres Sommerurlaubs an oder legen endlich ein Fotobuch an, wozu sie bisher noch nicht kamen. Vielleicht tragen eine Tasche, einen Schlüsselanhänger der einen anderen Gegenstand mit sich, der sie an schöne und entspannte Tage oder an liebe Menschen erinnert - so, wie ich manchmal die Kette einer lieben Tante trage, die schon viele Jahre verstorben ist und deren Klang ihrer Stimme dennoch bis heute in meinem Ohr ist, wenn sie mich in unvergesslich herzlich Münchner Weise „Spoozerl“ (Spatz) nannte. 
Erinnern ist wichtig. Gerade weil die Welt sich verändert - die ganz große, wie auch die kleine Welt unserer Familien. Kinder werden groß, Eltern werden älter und auch ich ändere mich. Ich beginne neues, fange neu an – und in der Konsequenz lasse ich anderes los. Und trotz aller Veränderung, bleibt die Erinnerung an all das Gute, das mir bis heute widerfahren ist - ohne das schmerzliche auszublenden. Da bleibt das gemeinsame Essen und Lachen und all die Kleinigkeiten, über die wir uns selten den Kopf zerbrechen. Da bleiben die Tränen ebenso wie das getröstet werden. 
Diese Erinnerungen bleiben lebendig, solange ich lebe, sie behalten ihre Geräusche und Gerüche und all das, was sie zu einem Heimatort meiner Seele werden lässt. 
Es ist gut, dass es diese Erinnerungen gibt - manchmal brauche ich sie, weil auch in mir gelegentlich November wird. Gerade jetzt im November gehen viele Menschen auf die Friedhöfe an die Gräber ihrer Lieben, um sie für den Winter vorzubereiten. Ich glaube, wenn Menschen wirklich wichtig waren, dann behalten sie einen Platz in der liebevollen Erinnerung derer, die das Leben mit ihnen teilten. Als Christin glaube ich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern Gott, der das Leben ist. Ich glaube, dass die Dunkelheit immer wieder durch das Licht besiegt wird.
Meine Bilder von den Blüten am Wegesrand erinnern mich stellvertretend an all das, was gut ist und schön in meinem Leben – an all das, was auch in mir sprichwörtlich „zum blühen“ kam in diesem Jahr. Ich habe die Fotos in meinem Handy, damit ich es auch wirklich nicht vergesse, wenn die Dunkelheit größer wird. Und wie Frederick, die Maus, teile ich diese meine Erinnerungen mit anderen, damit wir den Winter gut überstehen.


Carola Simon
Dekanatsreferentin im Kath. Dekanat Dreieich und Beauftragte für die Notfallseelsorge im Kreis Offenbach