Schmuckband Kreuzgang

Die Gemeinde irrt durch das Meer der Angst

Karl Rahner, die Würzburger Synode und die fehlende Transformation

Das Boot auf dem Meer (c) pixabay.com
Das Boot auf dem Meer
Datum:
Do 1. Okt 2020
Von:
Dr. Peter A. Schult

"Von welcher Kirche träume ich?", fragen wir seit einigen Wochen. – Dr. Peter A. Schult, Arzt und Psychotherapeut, legt hier den dritten Teil seiner Überlegungen vor.

Wenn der große Theologe Karl Rahner (1904 bis 1984) begeistert von „Transformation“ sprach, beschrieb er keineswegs mathematische Funktionen. Vielmehr wies er auf die zwingenden kirchlichen Veränderungs-Prozesse hin. Er war Visionär und Prophet. Ein spiritueller Mensch. Er suchte Veränderungen – eben die Transformation. Seine Gegenwarts- und Zukunfts-Analysen von Kirche sind heute nicht mehr so präsent. Vielleicht auch wurden sie damals schon nicht wirklich beachtet. Leider. Aktueller denn je aber sind Fragen, die Rahner aufgeworfen hat: Gerät die katholische Kirche weiter in eine Nebensächlichkeit?

Zum 31.12.2019 zählt man gerade noch 27 Prozent Katholiken bezogen auf die bundesdeutsche Gesamtbevölkerung, verwaltet und betreut von 27 Diözesen und deren Generalvikariaten. Die Bischöfe wissen nur zu gut um diese Entwicklung. Aber irgendwie wollen die neuen pastoralen und synodalen Wege nicht greifen. Die Corona-Krise wirkt dabei zusätzlich als eine Bremse, das eigentliche Trauma hat Rom indessen selbst geschlagen: Keine Transformation! Davor war noch von Kardinal Marx zur emsländischen Frühjahrskonferenz 2019 in Lingen zu vernehmen: „Die Mehrheit der Bischöfe sieht einen Veränderungsbedarf.“ Gemeint waren nicht nur die Missbrauchs-Skandale. Welche „Ermutigungen an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ gibt es nun? Der Papst erhofft sich eine Evangelisierung. Das wollen die Bischöfe auch; aber zusammen mit den Laien. Und alle wissen, ohne Frauen wäre Veränderung im Ansatz schon scheinheilig und brüchig.

Damals bei der Würzburger Synode (1971 bis 1975), also sechs  Jahre nach Ende des Konzils, suchten katholische Christen bereits Wege der Transformation. – Wir saßen damals im Jugendkeller des Pfarrhauses und übten mit unserem Pfarrer sportlich: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit...“ . Das Schlagzeug wurde erstmals auch beim Hochamt eingesetzt. Der Pfarrer predigte über Rom und Würzburg. Die Kirchenfenster waren weit geöffnet, der Aufbruch spürbar. Die KjG war dabei und behauptete: „Wir wissen, wo die Glocken hängen.“ Der Pfarrer wusste es auch. Er war ein Pfingst-Mensch. Heute ist er 90 Jahre alt, bezieht vom Bischof seine Rente und freut sich verschmitzt über seine Lebenserinnerungen. „Aber wir sind stehen geblieben, haben nichts bewegt“, bedauert er. Er wirkt nachdenklich und doch befreit.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – ein legendärer Satz kurz vor dem Mauerfall. Alle haben ihn verstanden. Heute steckt die Kirche in dieser Gefahrenzone. Die christliche Tradition wirkt nur dann als echte Sendung nach vorwärts, wenn sie zugleich auch eine kritische Erinnerung rückwärtig übt. Nur, dieser Hausaufgabe stellt sie sich nicht. Auch Marx will nicht mehr! – „Der große missionarische Elan des Zweiten Vatikanischen Konzils ist so gut wie abgestorben“, klagte Kardinal Lehmann in seiner Adventspredigt schon 2009. Und sein damaliger Weihbischof Guballa noch zugespitzter 2011: „Das Haus Kirche wird verkommen, wenn wir es als unseren alleinigen Besitz betrachten.“  Wird sich daran nichts ändern? Kirchenhistoriker beklagen dies, und meinen sogar, dass die Erfindung der päpstlichen Unfehlbarkeit vor 150 Jahren die systemische Bremsblockade erst so richtig in den Geist der Kirche zementiert hat. Kritische Bischöfe damals konnten dies leider nicht verhindern. Auch nicht Bischof Ketteler, der bei Papst Pius IX. Änderungsbedarf einforderte.

„Was unfehlbar ist, muss sich nicht ändern“, könnte es heute sarkastisch von Kirchenfeinden lauten. Aber es geht um Lebensgestaltung und den daraus entstehenden Glaubensfragen im Jetzt. „Wird denn das Schiff bestehen? Erreicht es das große Ziel? Wird es nicht untergeh´n?“ Auch das Schiff „Mensch“ ist gemeint. So klang es im Hochamt. – Verlustangst? Ja, vielleicht. Aber wenn zu dieser Angst auch noch die Furcht des verlorenen Weges hinzu kommt, was dann? Deshalb muss ein neuer pastoraler und synodaler Weg unumkehrbar werden. Ein Christ braucht Zukunftsvisionen. Er hungert nach diesen neuen Wegen und einer erfüllenden Lebensgestaltung. Vieles muss daher überdacht werden. Auch die Kernfrage, was ist, wenn künftig „Eucharistievorstand“ und „Gemeindeleitung“ nicht mehr in Einheit realisiert werden können? Sorge pur! Die künftige Kirche muss daher eine Kirche des gesamten Gottesvolkes werden. Insbesondere aber eine Kirche der Laien. Dies in Einheit mit dem Dienst und dem Amt aller Glaubenden. Alle sollen die Jünger des Herrn sein. Die Nachfolge trägt praktische Züge: weniger Anpassung an den profanen Zeit-Geist, an Selbstsüchte, Profit und Macht. Mehr „Du“ als die überhöhten  „Ich-Süchte“ – die Neurose vieler Menschen. Und ein weniger um sich selbst kreisen – die Neurose der Kirche – als Hinwendung zum Nächsten.

Wie deutet es nun der prophetische Karl Rahner? „Die Spiritualität der Zukunft wird eine Spiritualität der evangelischen Räte und der Bergpredigt sein, weil sie gegen die Götzen des Reichtums, des Genusses und der Macht immer neu protestieren muss.“ Heiligkeit und Vollkommenheit darf zum Ziel werden. Das ist die Transformation von Kirche!

Von welcher Kirche träume ich?

Im Moment können sind die face-to-face-Treffen nur eingeschränkt möglich. Aber vielleicht können wir die Corona-Zeit für einen Moment des Innehaltens nutzen und uns in einem Prozess des Hörens auf den Geist Gottes mit der Frage "Von welcher Kirche träume ich? – Meine Vision für die Kirche Jesu Christi" auseinandersetzen. Was ist unser Auftrag, was ist unser Bild von Kirche? Gerade in der Zeit der Corona-Krise zeigt sich dabei vielleicht auch manches deutlicher, als wir es bisher wahrgenommen haben.

Gerne können Sie uns Ihre Gedanken zukommen lassen (e-Mail: david.hueser@bistum-mainz.de), damit wir Sie an dieser Stelle auch anderen zur Verfügung stellen können (bitte mit Ihrem Namen). 

Sie können sich außerdem in unserem Forum an den Gesprächen und Diskussionen rund um den Pastoralen Weg einbringen.  

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