Schmuckband Kreuzgang

Eine Kirche, in der der menschenfreundliche Gott erfahrbar wird

Von welcher Kirche träume ich?

Glaube in Gemeinschaft (c) Pixabay.com
Glaube in Gemeinschaft
Datum:
Di. 30. Juni 2020
Von:
Dekan Karl Zirmer

In einem Moment des Hörens auf den Geist Gottes stellen wir uns die Frage: "Von welcher Kirche träume ich?" – Ein Beitrag von Dekan Karl Zirmer, Pfarrer der Pfarrgruppe Mainspitze – den wir genau am 35. Jahrestag seiner Primiz veröffentlichen.

Mein Glaube in Gemeinschaft

Ich träume von einer Kirche, in der die Menschenfreundlichkeit Gottes glaubwürdig bezeugt und erfahrbar gemacht wird.

Der Glaube an den menschenfreundlichen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, wurde mir in der Kirche und durch die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden vermittelt.

Der christliche Glaube ist keine Privatangelegenheit zwischen Gott und mir; dieser Glaube hat Gemeinschaftscharakter. Damit sich mein Glaube voll entfalten kann, brauche ich die Glaubensbrüder und Glaubensschwestern, brauche ich die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche. Glaubensgespräche, Bibelgespräche, gemeinsame Gebete und Gottesdienste sind eine Bereicherung für meinen persönlichen Glauben. Christlicher Glaube ist etwas zutiefst Persönliches und gleichzeitig brauche ich den Glauben der Kirche und ihre zweitausendjährige Glaubenserfahrung als Maßstab und als notwendige Ergänzung. Die Zugehörigkeit zur Weltkirche empfinde ich als innere Bereicherung, auch wenn ich weiß, dass manche Vorgaben der Weltkirche zu einer Belastungsprobe für den eigenen Glauben werden können. Die Kirche bietet mir den Raum, damit mein persönlicher Glaube zur vollen Entfaltung kommen kann. Deshalb bedeutet für mich „bei Jesus bleiben“ auch „in der Kirche“ bleiben.

Sakramente sind „Berührungen eines liebenden Gottes“

Jesus Christus, an den ich glaube, ist in seiner Kirche sakramental gegenwärtig. Zu meinem persönlichen Glauben gehört die Erfahrung der Sakramente. „Sie sind Berührungen eines liebenden Gottes“ (Bischof Peter Kohlgraf, Fastenhirtenbrief 2020). Ich brauche die Kirche, weil ich die Sakramente brauche!

Wie wichtig Sakramente sind, habe ich nicht von einem katholischen Theologen gelernt, sondern bei unserem großen Dichter Johann Wolfgang Goethe nachgelesen. In seinem autobiographischen Werk „Dichtung und Wahrheit“ Teil I, Buch VII, hat er einen beeindruckenden Abschnitt über die Bedeutung der sieben Sakramente geschrieben.

Es beunruhigt mich, dass im Leben vieler unserer Gläubigen die Sakramente an Stellenwert verlieren. Eine der Herausforderungen der Pastoral der Gegenwart und Zukunft wird darin bestehen, den Menschen unserer Zeit einen besseren und leichteren Zugang zu den Sakramenten zu vermitteln.

Gott ist größer als die Kirche und die Sakramente

Eine wichtige Erfahrung, die ich in der Corona-Krise gemacht habe, möchte ich auch nicht unerwähnt lassen: So wichtig die Sakramente für unseren Glauben auch sind: Gott ist größer als die Kirche und die Sakramente. Gott kann uns seine Nähe schenken, auch wenn wir aus irgendeinem Grund auf die sakramentalen Zeichen dieser Nähe verzichten müssen. Auch diese Erkenntnis darf nicht ohne Folgen für unsere pastorale Arbeit bleiben.

Ich träume von einer lebensnahen, vielfältigen Kirche!

Ich träume von einer Kirche, die die Botschaft Jesu so vermittelt, dass die Menschen von heute spüren: Das ist eine echte Lebenshilfe für mich!

Ich träume von einer Kirche, in der der geschwisterliche Umgang miteinander immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit wird. Keine und keiner wird ausgegrenzt oder diskriminiert. Jede und jeder ist willkommen trotz Schwächen und Unzulänglichkeiten.

Ich träume von einer Kirche, die Räume schafft für Begegnungen mit dem lebendigen Gott („im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“).

Ich träume von einer Kirche, die einen kreativen und konstruktiven Umgang mit den unterschiedlichen religiösen Bedürfnissen ihrer Mitglieder pflegt. Dementsprechend wird auch eine gestufte Teilnahme am kirchlichen Leben positiv bewertet. Neben der Eucharistiefeier werden auch andere Gottesdienstformate, neben den Sakramenten auch verschiedene Segensfeiern angeboten.

Ich träume von einer Kirche, in der sich die unterschiedlichsten Charismen und Berufungen entfalten können.

Ich träume von einer Kirche, in der die Konfessionen ihren trennenden Charakter verlieren und das werden, was sie sein sollten: Ausdruck einer legitimen Vielfalt in der einen Kirche.

Ich träume von einer Kirche, deren Mitglieder vertrauensvoll zusammenarbeiten mit ihren nichtchristlichen Glaubensschwestern und -brüdern und mit allen Menschen guten Willens im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, für Menschenwürde und Menschenrechte, für Freiheit und Demokratie und für die Bewahrung der Schöpfung.

Vieles kann und muss sich ändern – es hängt von uns ab!

Mein Kirchenbild ist geprägt vom II. Vatikanischen Konzil, insbesondere von der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ Nr. 8 („… die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. … Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig.“). Als menschliche Gemeinschaft ist sie nicht nur einem geschichtlichen Wandel unterworfen, sondern muss auch ständig „den Weg der Buße und der Erneuerung“ gehen. „Ecclesia semper reformanda“ (Die Kirche muss sich ständig erneuern). Damit die Kirche die Menschenfreundlichkeit Gottes glaubwürdig bezeugen und erfahrbar machen kann, muss sie selber in ihrer Lehre, in ihrem Tun, in ihren Strukturen menschenfreundlicher werden.

Es gibt vieles in der Kirche, was sich ändern kann, es gibt auch vieles, was sich ändern muss, weil es dem Willen Christi widerspricht. Ich bin davon überzeugt: Die Kirche bleibt nicht immer so, wie wir sie heute erleben. Die Kirche hat sich in der Vergangenheit gewaltig verändert, sie wird sich auch in Zukunft verändern. Die Erfahrungen einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte bestärken mich in dieser Hoffnung und Zuversicht.

Die Kirche wird sich aber nur verändern, wenn die Gläubigen in ihr sich vom Geiste Gottes bewegen und verändern lassen. Welche Gestalt die Kirche in Zukunft bei uns, in unserer Gesellschaft haben wird, das hängt deshalb auch wesentlich von unserem eigenen Mittun ab. Ich möchte nicht nur träumen von einer Kirche, die die Menschenfreundlichkeit Gottes glaubwürdig bezeugen und erfahrbar macht. Ich will zusammen mit vielen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb der Kirche auch meinen bescheidenen Beitrag leisten, damit dieser Traum immer mehr Wirklichkeit werden kann.

Von welcher Kirche träume ich?

Im Moment können wir uns nicht face-to-face sehen und austauschen. Aber vielleicht können wir die Corona-Zeit für einen Moment des Innehaltens nutzen und uns in einem Prozess des Hörens auf den Geist Gottes mit der Frage "Von welcher Kirche träume ich? – Meine Vision für die Kirche Jesu Christi" auseinanderzusetzen. Was ist unser Auftrag, was ist unser Bild von Kirche? Gerade in der Zeit der Corona-Krise zeigt sich dabei vielleicht auch manches deutlicher, als wir es bisher wahrgenommen haben.

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