Schmuckband Kreuzgang

Wie ein Blinder das Pfingstfest schaut und wie der Geist die inneren Bilder bewegt

Tagesimpuls von Dr. Peter A. Schult, Arzt und Psychotherapeut

Wie schmecken die Farben? (c) pixabay.de
Wie schmecken die Farben?
Datum:
Fr. 21. Mai 2021
Von:
Dr. Peter A. Schult

... ein ermutigender Gedanke im Alltag

Er gehörte zu meinen ganz besonderen Patienten, damals am alten Praxis-Ort. Gerade über Fünfzig, glücklich verheiratet, zwei Kinder. Seine Frau war Grundschullehrerin und begeisterte Tennis-Spielerin. Er liebte klassische Musik; sie die Wettkämpfe. – Seine medizinischen Probleme waren überschaubar. Die ärztlichen Gespräche über Laborbefunde und gesunder Lebensführung waren ihm ungemein wichtig. Er wollte nichts übersehen. Er war immer am schmunzeln und philosophieren. Als Bub war er ein fleißiger Kirchgänger. Er liebte den Weihrauch. Das Pfingstfest schien ihm von allen Kirchenfesten das Wichtigste zu sein: „Da finde ich das Licht“, bemerkte er. „Und den Geist zum Leben“.

Wenn seine Frau im Tennis-Turnier die Titel holte, stand er immer am Spielrand und lauschte ihrem Atem, den raschen Laufbewegungen und besonders dem Rutschen auf dem roten Tennisboden. Das Aufprallen der Bälle und die Akustik bei den Abschlägen  verriet ihm den Spielverlauf. Er wusste, sie war wieder in Form. Und wenn die Sonne dabei seinen Kopf wärmte, sagte er, dass Blau jetzt die Farbe des Himmels sei. Er war nämlich blind. Als er gerade fünf Jahre alt wurde, verlor er bei einem tragischen Unfall auf dem väterlichen Bauernhof das Augenlicht beidseits. Trotzdem ist das „Licht“ bei ihm geblieben. „Ich glaube an Gott, so wie ein Blinder an die Sonne glaubt, nicht weil er sie sieht, sondern weil er sie fühlt.“ Diese tiefe Wahrnehmung war einer seiner Kern- und Lebenssätze. Seine Frau hatte er nie sehen können. Hübsch, drahtig und in sich ruhend. Es sei ein tolles Gefühl neben ihr zu sein. „Ein Wesen, das man nicht sieht und doch intensiv spürt.“ Dies sei eine besondere Realpräsenz. So sei es auch mit Gott. Er, der Blinde, würde oft „die Fenster seines Herzens öffnen“ und eine Sehnsucht nach Licht würde in ihm brennen: das sei Gott. – Ich hörte ihm gerne lange zu, sprach nur selten. Es war nicht nötig.

Wie er denn wohl mit seinen beiden Kindern über Farben sprechen würde, wollte ich wissen. Damals sagte er: Dass die Farbe Grün nach frisch gemähtem Gras duftet und nach Pfefferminzeis schmeckt. Und die Farbe Rot wäre so süß wie eine Erdbeere und die Farbe Gelb schmecke nach Senf und Braun sei die Herbstfarbe, wenn die Blätter vertrocknet auf dem Boden wehen. Diese Erklärungen halfen ihm gegen seine lange Blindheit. Er mochte schließlich alle Farben, weil er sie hören, riechen, fühlen und schmecken könne. Und die jetzt heute erwachsenen Kinder sprechen in diesem schönen Farben-Alphabet mit ihm. – Natürlich beherrschen alle in seiner Familie das Blinden-Alphabet, die von Louis Braille (1809-1852) erfundene Blindenschrift. So „übersetzen“ sie ihm immer wieder schöne Texte und Weisheiten. Er liest mit den Fingerkuppen.

Immer wenn die 50 Tage nach Ostern mit dem Pfingstfest gefeiert werden, muss ich an den blinden Lebensdeuter denken, der sich vom Pfingst-Ereignis so berühren ließ. Er liebte die inspirierenden Kräfte für sein Leben. Heute lebt er an der Nordsee und „schaut“ in die Weite des Meeres. Sein Lieblingsgebet – wie könnte es anders sein – war pfingstlich geprägt und heißt: „Sende aus Deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.“ Dies schrieb er mir gerade vor einigen Tagen. – Obwohl er blind ist, sieht er so tief und so weit. – Das muss wohl Pfingsten sein.

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