Sehnsucht

Gedanken von Cityseelsorger Klaus Weißgerber

Klaus Weißgerber (c) Klaus Weißgerber
Klaus Weißgerber
Do 2. Apr 2020
Klaus Weißgerber

 

 

 

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.“ So beginnt ein beliebtes Lied, das oft im Gottesdienst gesungen wird (EG+102).

Die Sehnsucht ist groß in diesen Tagen – danach, dass doch alles nur ein böser Traum gewesen sein möge, dass es bald vorüber ist, dass nur alles wieder so schön und gut und friedlich und sicher wird, wie es vorher war.

Aber Moment – war denn wirklich alles so wunderbar noch vor vierzehn Tagen? Ganz und gar nicht. Der Klimawandel schreitet weiter voran, er schafft es nur nicht mehr in die Schlagzeilen. Das Sterben der Geflüchteten auf dem Mittelmeer hat inzwischen nicht aufgehört, an der griechisch-türkischen Grenze leben tausende Menschen unter schlimmsten Bedingungen im Wald. Sie sind zum Spielball der großen Politik geworden, für sie war die Welt auch vor Corona nicht in Ordnung. Corona – auch das gibt es bereits seit Ende letzten Jahres. Das sollten wir nicht vergessen. Schon im Januar waren hunderte daran gestorben, aber das war da noch weit weg. In China. Was geht uns das an?

Aus meinem Berufsleben kenne ich eine Menge Menschen, deren Leben ebenfalls schon lange aus den Fugen geraten ist. Auch ohne Corona lebten sie am Rande des Existenzminimums, waren krank oder einsam. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung habe ich auch schon vorher bei vielen erlebt. Da war auch eine große Sehnsucht, dass es endlich gut werden möge. Das Glück, Sicherheit und Geborgenheit doch auch mal ihnen geschenkt würde.

Aber das waren „Einzelschicksale, auf die wir keine Rücksicht nehmen“. Ein böser Spruch, der gerne mal in eine lustige Runde geworfen wird. Sein ernster Hintergrund ist, dass unsere Gesellschaft im Allgemeinen genau nach diesem Prinzip funktioniert. Hauptsache, das große Ganze läuft geschmiert. Die Wirtschaft brummt, der Dax steigt ohne Unterlass, die Aktionäre sind zufrieden und Deutschland wird mal wieder Exportweltmeister. Der Rest wird sich schon von alleine finden.

Und nun sind wir alle schwer beeindruckt. Corona ist nicht in der Ferne geblieben, sondern wütet mitten unter uns. Wir erleben als ganze Gesellschaft auf einmal dieselbe Katastrophe. Das ist nun nicht mehr das Problem der anderen. Es ist meins, deins und unseres. Natürlich mit sehr unterschiedlicher Tragweite. Der eine ist in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, weil ihn die häusliche Quarantäne dazu zwingt. Bei anderen geht es um die wirtschaftliche Existenz. Von heute 100 % auf morgen null Einnahmen – das hält niemand lange durch.

Und nachdem das inzwischen die meisten begriffen haben, geht so was wie ein Ruck durch unsere Gesellschaft. Wir merken, dass wir etwas tun müssen, um die größer werdende Not zu lindern. Abstand halten, damit die Ansteckungsmaschine zum Stillstand kommt. Initiativen entstehen, die für Menschen einkaufen, die nicht mehr aus dem Haus gehen. Tröstliche Texte werden gepostet, Menschen telefonieren mit denen, die sie nicht mehr besuchen können. Wir können den lokalen Einzelhandel unterstützen, indem wir der Versuchung widerstehen, einfach alles bei Amazon zu bestellen. Viele Geschäfte bieten Alternativen an – die Ware kann verschickt oder abgeholt werden. Gießener Gastronomen haben eine eigene Lieferplattform gegründet, damit ihre Gaststätten nicht innerhalb von Tagen untergehen.

Mir macht das Mut in all dem Schlamassel. Dass Menschen jetzt aufwachen aus ihrem Alltagstrott und nicht mehr nur den eigenen Vorteil suchen. „Ich bin doch nicht blöd“ war gestern. Wenn wir Corona gut überstehen wollen, ist Gemeinschaftssinn angesagt. „Was tut dem Anderen gut?“ Erst wenn ich diese Frage beantwortet habe, darf ich auch mal in den eigenen Vorratskeller schauen. Und falls ich dann merke, dass ich vielleicht ein paar „Hamster“ zu viel eingekauft habe in den letzten Tagen, kann ich sie ja anderen weitergeben, die nicht ganz vorne dabei waren. Irrtümer kann man doch korrigieren.

Trotz aller Bemühungen von Politik und Gesundheitswesen werden auch Menschen an diesem Virus sterben. Weil ihr Immunsystem nicht stark genug war, oder der Körper sowieso schon mit Krankheit gekämpft hat.

„Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich, sei da, sei uns nahe, Gott.“ Das gilt auch in Krankheit und angesichts des Todes. Mein Glaube endet nicht da, wo alle meine Lebensmöglichkeiten an ihr Ende kommen. Ich vertraue darauf, dass keine Macht des Universums mich von der Liebe Gottes trennen kann.

Wir gehen in diesen Tagen auf Ostern zu. Als Christen feiern wir an diesem Fest den Sieg des Lebens über den Tod. Die Feier wird in diesem Jahr ohne gemeinsame Gottesdienste auskommen müssen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir unsere Hoffnung, unser Sehnen und unser Vertrauen uns gegenseitig weitersagen und weitergeben. So kann für alle spürbar werden, dass Gott uns nicht vergessen hat.

Bleiben sie behütet. Und bleiben Sie gesund!